TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart

TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliber Wendel
Foto: Oliver Wendel

Ein Jubiläum ist immer Anlass, nostalgisch zurückzublicken. Das vielversprechende Motto „20 Jahre Talco“ erinnert mich an ein Festival (mutmaßlich 2012), auf dem sie mir zum ersten Mal begegnet sind. Aber Festivals, diese magischen vier Tage außerhalb der Zeit, haben bekanntlich die Angewohnheit, Erinnerungen zu überzuckern. Oder stark verzerrt in Alkohol zu konservieren. Ganz grundsätzlich gibt es Konzertbands und Festivalbands. Talco war in meiner Wahrnehmung immer eine Band, die beides verbinden konnte. Die auch an einem hundsgewöhnlichen Freitagabend Festivalstimmung erzeugen kann. Nun stellt sich die Frage, ob sie das nach 20 Jahren noch immer können.

Ich blicke mich um und hege den naheliegenden Verdacht, dass die meisten Menschen von der Arbeit kommen. Jedenfalls wirken sie nicht, als hätten sie sich mit Perlenbacher die Zähne geputzt, sondern eben noch die Spülmaschine ausgeräumt. Der Altersschnitt ist erstaunlich hoch, nur von einigen Kindern mit Mickymäusen gedrückt. Viele Fans scheinen die Band über die Jahre begleitet zu haben und bringen jetzt die Familie mit.

RAT BOY, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliber Wendel
Foto: Oliver Wendel

Man findet sich recht zahlreich zu Rat Boy ein, die den Abend eröffnen. Eine treibende Mischung aus Punkrock und Hip-Hop, die immer wieder in rohen Skatepunk kippt. Dass das Schlagzeug etwas zu laut gemischt ist, tut dem Sound keinen Abbruch, denn Drummer Noah Booth versteht sich hervorragend auf sein Handwerk. Sein kantiges Spiel mit viel Hi-Hat harmoniert gut mit dem dreckigen Nord-Londoner Akzent, mit dem Rat Boy seine Songs ins Publikum schleudert. Seinem wiederholten Aufruf „Jump“ kommen dann auch einige Gäste nach. Es entsteht eine solide Grundstimmung, die Talco eine würdige Bühne bereitet.

Kurzer Umbau, Licht aus, Spot an. Alles bereit für Talco. Aus den Lautsprechern dringt eine poppige Version ihres großen Hits „Danza dell’autunno rosa“. Das wirkt zunächst etwas befremdlich, erfüllt aber seinen Zweck: Das Publikum ist jetzt ganz da. Zwo, drei, vier – los geht’s!

TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliber Wendel
Foto: Oliver Wendel

Musikalisch halten Talco, was sie versprechen. Eine Mischung aus Straßenkarneval und Barrikade. Die Bläser klingen, als würden sie eine Demonstration anführen. Folk schiebt von der Seite rein, ein bisschen Balkan flackert auf, dann wieder dieser treibende Offbeat, der selbst Menschen mit Bügeleisenfüßen (ja, ich) zum Mitwippen zwingt. Nach 20 Jahren besinnt man sich offenbar darauf, das Einfache einfach gut zu machen.

Sänger Dema wirkt dabei erstaunlich bemüht. Irgendwie nicht wie jemand mit zwei Jahrzehnten Routine. Eher wie jemand, der hofft, nicht beim Rauchen erwischt zu werden. Offenbar hat er Probleme mit seinem Monitor und greift immer wieder ans Ohr. Seine Kollegen hauen ihn aber zuverlässig raus. Allen voran die Bläser: Turborizia und Tuxa an Trompete und Saxophon übernehmen immer wieder den Job der Anheizer. Mit perfekt getimten Brass-Einlagen und gestenreichen Aufforderungen treiben sie die Menge an.

TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliber Wendel
Foto: Oliver Wendel

Das Ganze passiert in teils irrwitzigem Tempo. Die Setlist ist ein Potpourri ihrer größten Hits: L’odore della morte, Tarantella dell‘ Ultimo Bandito, Paradise Crew. Die Tatsache, dass die Lieder sehr ähnlich klingen, erschwert die Wiedererkennung etwas. Die Songs rennen, stolpern, springen, explodieren – bleiben dabei aber stets melodiös. Große, offene, fast pathetische Refrains, die man nach zwei Durchgängen mitsingt, obwohl man eigentlich nur bei „Bella Ciao“ wirklich textsicher ist. Zwischen Trompete, Saxophon, Gitarre und der unermüdlichen Rhythmussektion entsteht ein Sound, der trotz der hörbaren Routine zwingend bleibt.

Allerdings will der Funke nicht ganz überspringen. Eine verschworene Einheit aus Band und Publikum entsteht nicht. Vielleicht liegt es daran, dass das Schlagzeug weiterhin sehr präsent gemischt ist, während der Gesang etwas untergeht. Vielleicht auch daran, dass die Band mit Ansagen sparsam umgeht und auf politische Statements (die man von einer linken Ska-Punk-Band durchaus erwarten könnte) ganz verzichtet.

TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliber Wendel
Foto: Oliver Wendel

Ein wenig Spannung kommt beim Selbstläufer „Bella Ciao“ auf. Und natürlich bei „Danza dell’autunno rosa“, das Talco nun in der gewohnten Ska-Punk-Version spielen. In diesen Momenten entsteht tatsächlich so etwas wie ein atmender Organismus. Pogo, Moshpit. Dabei mehr Umarmung als Aggression. Verschwitzte Fremde, die sich anschreien, als wären sie alte Freunde.

Mit wenigen letzten Worten verabschiedet sich die Band und kommt noch einmal zusammen für das inzwischen obligatorische Foto mit Publikum im Rücken. Aus den Lautsprechern ertönt abermals eine Euro-Trash-Version von „Danza dell’autunno rosa“, diesmal im Drei-Minuten-Clubmix. Ich bin ehrlich: Ich bräuchte das nicht unbedingt. Aber vielleicht bin ich dann doch zu viel Nostalgiker, der sein Herz an die rohen Talco hängt, die irgendwann um 2012 auf einem staubigen Festivalnachmittag für all jene gespielt haben, die sich kurz vom Flunkyball losreißen konnten.

Abschließend bleibt festzuhalten: Wer für ein paar Stunden die Zeit vergessen möchte und gerade kein Zelt für ein Festival hat, ist hier gut aufgehoben. Auch im 21. Jahr. Und wenn es nur ein Freitagabend ist.

TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliber Wendel
Foto: Oliver Wendel

Talco

Rat Boy

Ein Gedanke zu „TALCO, 06.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart

  • 9. März 2026 um 08:25 Uhr
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    Hi !

    Sehhr schöner Bericht.
    Am 6.3. war ja soviel überall gleichzeitig los,dass man voellig hin- und hergerissen war…
    Ich hatte mich quasi in letzter Minute für (~ zum 7. mal ?) The Movement entschieden.
    Waaar altersmäßig ähnlich, nur ohne kids und mit immer noch beherzt tanzenden ü-50 fans…

    Lustig: ein Mensch dort danach hatte ein Dead-Pioneers -shirt an. Der war echt aus HD angereist, um möglichst beide Konzerte zu erlerben.
    Und der war vom auftritt im JuHa West so begeistert, dass ihm die …immer noch schlechte Akustik dort nichtmal aufgefallen war…

    Btw:
    Wer nimmer ganz weiß,
    wann das U&D Stuttgart noch gaanz groß war, mit Talco als Headliner,z.B., der kann einfach die alten Plakate und Berichte konsultieren:

    https://www.ud-stuttgart.de/plakate/

    Vlg Lothar

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