NAKED LUNCH, MAIIJA, 05.03.2026, Merlin, Stuttgart

Als sich die Kärntner Band Naked Lunch 1991 gründete, existierte die Literatengruppe der Beat Generation bereits seit Langem nicht mehr; zu ihren wichtigsten Vertretern zählten Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs, dessen einflussreicher Roman der Band ihren Namen gab. Doch der künstlerische Einfluss der Beatniks beeinflusste nachhaltig die Sub-/Pop-Kultur. Das Unkonventionelle hielt Einzug, alternative Gesellschaftsmodelle wurden gedacht, die auch in der Musik reflektiert wurden. Gerade in den Neunzigern manifestierte sich diese Haltung in der Gründung neuer Bands, jenseits des Mainstreams.
Wechselvoll ist die Geschichte von Naked Lunch und könnte durchaus auch als Vorlage für einen Roman dienen. Von ersten Erfolgen mit ihrem Debütalbum „Balsam“ bis zu Aufnahmesessions zwischen Weilheim, New York und San Francisco und einem Vertrag mit einem Major-Label, der aber nach zwei Jahren wieder aufgekündigt wurde, persönlichen Krisen (Gründungsmitglied Oliver Welter lebte mal für ein halbes Jahr in seinem Auto und dann gab es noch den tragischen Tod seines ehemaligen Bandkollegen Trattnig, infolge dessen Alkoholkrankheit), einem Studio das kurz vor Beendigung von Aufnahmen abbrannte, war eigentlich alles dabei, was man als Künstler durchleben kann. 2013 erschien dann mit „All Is Fever“ das vorerst letzte Studioalbum und es vergingen zwölf Jahre, bis 2025 das aktuelle Album mit dem vielsagenden Titel „Lights And A Slight Of Death“ erschien, mit dem die Klagenfurter Band nun im Merlin gastiert.

Als Support ist heute Abend die Wiener Musikerin Marilies Jagsch unter ihrem Pseudonym Maiija am Start, die sofort mit melancholischem Singer/Songwriter-Pop die Zuhörerinnen im gut gefüllten Merlin gefangen nimmt. Mit ihrem intimen, introspektiven Songwriting erschafft Jagsch eine fragile und sehr emotionale Atmosphäre unaufgeregter und wohliger Tiefe. Fein austariert sind ihre sehr persönlichen Musikpreziosen, die in ihren Strukturen auf das Notwendigste reduziert sind und in denen sie sich mit Themen wie Verwundbarkeit, Krankheit und gesellschaftlichen Zwängen auseinandersetzt. Und trotz der inhaltlichen Schwere gelingt es Maiija, eine Stimmung der Hoffnung und Zuversicht zu kreieren. Die düstere Grundstimmung durchbricht sie mit elektronischen Texturen, die fast schon zum Tanzen verführen, und ihrer sensiblen und doch sehr markanten Stimme. So erschafft sie einen musikalischen Raum aus Ambivalenz und Ambiguität und fügt dem Singer/Songwriter-Genre eine ganz eigene Position hinzu. Jagschs unaufdringliche und doch so packende Performance weiß im positivsten Sinne absolut zu überzeugen.

Auftritt Naked Lunch: Shoegazige Soundflächen, die an My Bloody Valentine erinnern, dröhnen durch das Merlin; lärmig, verstörend und doch von den ersten Takten an mitreißend. Oliver Welters sensibler Gesang bricht sich Bahn durch dieses ins Publikum brandende Klanggewitter. Zartheit und Tiefe treffen auf irritierende Distortion. Naked Lunch gelingt es schon zu Beginn, einen hypnotischen und assoziativen Klangraum zu erschaffen; collageartig setzen die fünf Musiker*innen ihren Klangkosmos aus Indie-, Postpunk- und Freejazz-Elementen zusammen. Man merkt der Musik an, wie viel Leben in ihr steckt, wie viele Erfahrungen durch sie reflektiert werden; Erfahrungen eines Lebens voller Wendungen und Widerstände, eines Lebens, das nicht immer einfach war.
Welter erzählt zwischen den Songs launig von eben diesem Leben. Seinen Wirrungen, Höhen und Tiefen, aber nie larmoyant. Immer mit einem Augenzwinkern, Ironie, viel schwarzem Humor und auch, durchaus angemessen, Zynismus.

„Als Österreicher hat man es überall schwer, aber wir sind nicht hier, um bedauert zu werden.“
meint Oliver Welter. Und wenn man nach einer zwölfjährigen Bandpause so abliefert, dann gibt es definitiv keinen Grund zur Bedauernis! Das ist alles ganz wunderbar, was er mit seiner, zum Teil neu besetzten Band, auf die Beine stellt. Großartige Musiker*innen hat er um sich geschart: die extrem präzise Rhythmusgruppe, bestehend aus Romy Jakovcic (die uns von der Band Pauls Jets bekannt ist) am Bass und dem Schlagzeuger Alex Jezdinsky, Wolfgang Lehmann an der E-Gitarre und dem Keyboarder und Saxophonisten Boris Hauf.
„We can drink, we can talk, we can get lost in memories“
heißt es in einem Song. Eine Reminiszenz an das Leben mit all seinen Facetten und Erfahrungen. Und man merkt Welter die Erfahrung des Lebens an und seine überwältigende Freude dass es seine Band nach all den Verwerfungen noch gibt. Zutiefst gerührt ist er darüber, wieder auf der Bühne stehen zu können, um seine Kunst mit den Menschen teilen zu dürfen.

Das ist Kunst zum Leben und Überleben, zum Kampf mit den inneren Dämonen. Die Musik dazu ist kongenial, entführt sie uns in vielschichtige Klangwelten, zusammengesetzt aus komplexen Soundfragmenten. Dies erinnert in der künstlerischen Praxis an die von Burroughs entwickelte Cut-up-Technik. Nur schwer zu durchschauende Melodiestrukturen entstehen, die eine hypnotische, ja geradezu rauschhafte Sogwirkung erzeugen. Man wird entführt in transzendente Räume, in denen man sich zu verlieren droht. Passend dazu meint Welter, dass die Einnahme von bewusstseinserweiternden Substanzen dafür auch noch ganz hilfreich wäre. Es funktioniert aber auch ohne!
Unbeschreiblich ist diese musikalische Melange, und als dann die Musik in einem ekstatischen Crescendo, angeführt von Boris Haufs verausgabendem Saxophonspiel, gipfelt, verliert man sich als Zuhörer*in vollends in der Klangwelt von Naked Lunch.
Die Zugabe für das mehr als begeisterte Publikum gibt es ohne das ritualisierte „erstmal von der Bühne gehen“, für solche berechenbaren Spielchen ist die Haltung von Oliver Welters zu authentisch.

Eigentlich wollte ich ja keine naheliegenden David Lynch Bezüge anführen, aber da der nächste Song nun mal auf einem Zitat des Großmeisters der künstlerischen Tiefenpsychologie basiert, komme ich nicht umhin, den folgenden, abgründigen Rhythmus und die verstörenden Gitarren, als lynchesquen Klangraum zu bezeichnen, anders wäre es allerdings auch nur schwer zu beschreiben. Nach insgesamt fünf Zugaben ist dann dieses großartige Konzert aus exzessiver Energie und wohliger Melancholie und surrealen Abgründen vorüber.
Vor gut einer Stunde zitierte Welter den österreichischen Schriftsteller und Intellektuellen Thomas Bernhard zur pessimistischen Stimmung zur Weltlage, mit folgenden Worten:
„Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich.“
Dieses Zitat möchte ich nun passend zu diesem Konzertabend variieren:
„Es war, wie es war, und es war großartig.“
Kunst zur Lebensbewältigung, und es gibt immer Hoffnung! Danke!
