GRANDBROTHERS, 04.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart

Pre-Act Evan Gildersleeve legt ab Punkt 20.00 Uhr vor etwa 300 Zuhörerinnen und Zuhörer im Wizemann-Studio mit einem Breitwand-Ambient vor, der gefühlt alle 512 Spuren seines nvidia-enhanced Laptops belegt. Dazu schlägt Evan ab und zu die Elektro-Trommel, der Oberkörper kreist, jedes Knopfdrehen wird ausagiert als würde er einen Sandwurm reiten. Paul Kalkbrenner ist auch so ein Übertreiber (sehr lustig, siehe hier), aber Kalkbrenner wird in dieser Hinsicht eindeutig von Gildersleeve auf die Plätze verwiesen. In der zweiten Hälfte seiner halbstündigen Performance entwickelt sich seine Musik in Richtung Broken Techno. Aber ehrlich, das ist z. B. beim Album „Hingabe“ von Daniel Myer, Mastermind von Haujobb, schon mal abwechslungsreicher, feiner und intelligenter gehört worden, um einen Vergleich zu den ruhigeren Tracks von Modeselektor oder Aphex Twin erst gar nicht ziehen zu müssen. Damit bleibt, bös´gesagt, Evan Gildersleeves Musik zwischen Kitsch-Quatsch und KI-Kacke stecken.

Es müssen also die Großen ran. Grandbrothers starten um Punkt 21.00 Uhr. Erol Sarp setzt sich an den Flügel, Lukas Vogel stellt sich an die Synthesizer und Drum Machines. Der Opener des neuen Albums wird gegeben, „Farama Dust“, übergehend in den Anschlusstrack „Fable“. Die Akkordabfolge erinnert an die Eso-Harfenmusik von Andreas Vollenweider, bis die Elektronik an Fahrt aufnimmt, nein, über Hand nimmt und das Piano dominiert. Mit „Cypress“ geht es House-artig weiter. In der Live-Version erinnert es fast an Piano House, aber so groovig wird es nicht, Grandbrothers bekennen sich nicht wirklich zur Repetition.

Ihre Arrangements sind stark im Aufbau, bleiben dann aber bewusst im Ungefähren, es folgt kein Drop wie im Mainstream-Dancefloor. Manchmal ist das elegant, öfters ist es zaghaft. Hier macht sich keine die Stiefeletten dreckig, es bleibt clean und zumutungsbefreit, wir sind nicht im Omen oder Oz, wir sind im Oshos. So fahren Erol und Lukas auf der Mittelspur der neueren Pop-Klaviermusik. Sie haben nicht die Genialität der Solo-Piano-Alben eines Gonzales, nicht die Skurrilität eines Lamberts, nicht die elegische Stilsicherheit eines Nils Frahms und auch nicht die technoide Romantik von HOVB. Dafür kickt die Lightshow, das sieht verdammt gut aus.

Zum Ende hin trauen sich Grandbrothers auf die Überholspur und hängen sich an Modeselektors Zwölfzylinder, will sagen, es ballert ordentlich, ohne von ihren vier abfallenden Akkorden wegzukommen.
Mit dem wunderschönen und meistgestreamten „Bloodflow“ von ihrem 2017er Album beginnen sie ihre Zugabe und entlassen uns mit „Where Else“ vom letzten Album in die Nacht – ein guter Ausklang.

Wurde nun das Eingangsversprechen eingelöst? Vielleicht ist es wie in der Politik: im Wahlkampf klingt es überzeugend, die Umsetzung ist dann doch sehr anspruchsvoll und gelingt nicht immer vollständig. Die künftigen Koalitionäre Cem und Manuel mögen jedoch sich ein Beispiel nehmen an Erol und Lukas: die Grandbrothers stellen sich großen Aufgaben.

Die Setlist:
Famara Dust
Fable
Cypress
Blue
Wuppertal
Esra
White Nights
Liminal
What We See
All The Unknown
Velvet Roads
Yonder
We Collide
Cybele
Encore:
Bloodflow
Where Else
