KLASSIK TRIFFT KURVE, 03.03.2026, Liederhalle, Stuttgart

„Klassik trifft Kurve“ ist das Motto, welches das Stuttgarter Kammerorchester und das Commando Cannstatt 1997 für diesen Abend ausgerufen hatten. Lieder der Cannstatter Kurve sollten im Zusammenspiel mit dem Orchester im Hegelsaal der Liederhalle erklingen. Im Vorfeld konnten wir uns nicht einer gewissen Vorahnung erwehren, dass der Abend einen leicht „cringen Touch“ bekommen könnte und waren mehr als gespannt, wie der Spagat zwischen Fankultur und Hochkultur gelingen würde.
Fußball 🤝 Musik
Wir persönlich fühlen uns im Bereich der Fangesänge etwas mehr bewandert als in der Klassischen Musik – akkumuliert kommen wir beiden Autoren auf über 70 Jahre Erfahrung mit Stadionbesuchen und dem stehen so etwa 30 besuchte klassische Konzerte entgegen. Dass der Faktor Musik um ein Fußballspiel herum ein zentraler ist, ist für uns also eine Binsenweisheit. Für Markus Korselt, Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters, war dies aber auch eine Erkenntnis, die ihn bei einem Stadionbesuch dazu inspirierte, mit dem VfB Kontakt aufzunehmen, woraus letztendlich dann dieses Event entstand.

Die Entwicklung der Fankultur in Deutschland
Den Gesängen in deutschen Fußballstadien in den 1980er- und 90er Jahren konnte man viel zuschreiben – Bandbreite jedoch keineswegs. Von der Elbe bis zur Isar erklangen in den Stadien immer wieder dieselben Melodien, deren oft übersichtliche Texte ohne Skrupel einfach nur auf die jeweilige Stadt bzw. den Verein angepasst wurden. Und von Seiten der Vereine wurde auch „einiges“ aufgeboten an musikalischem Begleitprogramm. Noch in den 1990er konnte man sich z.B. als Musikverein bewerben, um auf der damals noch vorhandenen Tartanbahn im Neckarstadion ein paar Polkas und Märsche zum Besten zu geben.

Fangesänge aus aller Welt
Auch wenn es überraschen mag — vor allem Leute, die das Thema Fankultur nur aus der Presse kennen, wo Hooligans mit Ultras gleichgesetzt werden und immer nur berichtet wird, wie gefährlich das doch alles sei im Fußballstadion — aber Fankultur lebt von Austausch. Und eben auch vom Austausch mit anderen Fans. Viele der Gesänge im Stadion wurden von Auswärtsfahrten mitgebracht oder wurden Inspiriert durch Besuche andere Fangruppen hier, bei eigenen Spielen oder Großveranstaltungen wie einer WM oder EM.

Über England und Italien nach Bad Cannstatt
Die Einflüsse von außen – zunächst von der englischen Fan-, vor allem aber von der italienischen Ultra-Kultur – hat im Laufe der Zeit eine neue Generation von jungen Fans inspiriert, in diesem Bereich neue Wege zu gehen, was hier bei uns dann im Jahr 1997 in der Gründung des Commando Cannstatt gipfelte, die erste und bis heute größte Ultra-Gruppierung des VfB Stuttgart. Damit wurden auch die Fangesänge in der Cannstatter Kurve, aber auch in den anderen Stadien in Deutschland deutlich vielfältiger, da man bewusst versuchte, eigenes Liedgut zu präsentieren (auch wenn es natürlich bis heute Melodien gibt, die in mehreren Kurven zu hören sind).
Einen Querschnitt dieser Kurven-Lieder hat nun das Commando Cannstatt zusammen mit dem Stuttgarter Kammerorchester arrangiert und in einem ausführlichen Programm einem begeistertem, teils staunenden Publikum präsentiert.

Ein erster WTF-Moment
Neben SWR-Moderator Michael Bollenbacher, der moderativ durch den Abend leitete, eröffnete Stadionsprecher Holger Laser auf der Bühne den Abend und begrüßte allerhand Prominenz aus Stadt und Fußball, die auch wegen des am selben Abend stattgefundenen VfB-Frühjahrsempfangs da waren. Und während ein paar der anwesenden Spieler und der Trainer aus dem Profikader der Männer mit Namen begrüßt wurden, wurde die Frauenmannschaft als „anwesend“ erwähnt und als „Augenschmaus“ bezeichnet. WTF, was ein grobes, rückständiges Foul! Leider gab es aber keinen VAR, der diese Szene nachträglich ahnden konnte. Zum Glück wurde der Rest des Abends erfreulicher.

Stuttgart Kommt
Das Ganze begann natürlich obligatorisch mit der Stadion-Hymne „Stuttgart kommt“, die 1993 von Wolle Kriwanek komponiert und 2022 von den Ultra-Gruppierungen als Hymne etabliert wurde. Gesungen wurde diese dann als eines der wenigen Stücke mit einem Sänger auf der Bühne, nämlich Philipp Volksmund von der Band „Die Fraktion“. Deren Lied „Für immer VfB“, mit dem vor jedem Spiel ausgewählte Kinder mit Maskottchen Fritzle eine Stadionrunde drehen, wurde später im Programm zusammen mit der Brenz Band aufgeführt; die Band aus Ludwigsburg, die zu einem großen Teil aus Menschen mit Behinderung besteht, kam hierfür extra noch einmal zusammen, denn eigentlich hatte die Band sich vorletzes Jahr von der Bühne verabschiedet.

Die bessere Version der Einlauf-Hymne
„Enter Sandman“ von Metallica in der Version des Kammer-Orchesters gewann dann im Vergleich zur Originalversion, die seit einigen Jahren in brachialer Lautstärke zum Einlauf der Mannschaften über die Stadion-Anlage gejagt wird.
Eine Zusammenarbeit des Commando Cannstatt mit der Punk-Band Begbie Boys zeigte vor knapp zehn Jahren bereits, dass die Kurve keine Probleme damit hat, ihre Gesänge in andere Settings zu übertragen, auch wenn das Genre Street-Punk natürlich naheliegender erscheint als Klassische Musik von einem Kammerorchester. Wenn dann jedoch Verdis Triumphmarsch aus der Oper Aida mit dem Text „Allez, VfB“ angestimmt wird, ist die Nähe zur klassischen Musik spürbar.

Schlager, New-Metal und Kammerorchester
Und wenn dann noch die Melodie von Jürgen Drews „Wieder alles im Griff“ von einem Kammerorchester gespielt wird, dazu über 1800 Besucher (wahrscheinlich waren es 1893) im Hegelsaal der Liederhalle in voller Inbrunst „Nach all’ der Scheiße geht’s auf die Reise, Stuttgart International, Europapokal Oh oh oh oh“ mitsingen, das wiederum war dann einer dieser „magischen Momente“, das passte wie ein Balakov-Freistoß aus 25 Metern ins linke obere Eck. Und ich weiß nicht, ob dereinst beim Erbauen des altehrwürdigen Hegel-Saals dieses Szenario bedacht wurde, aber als die Leute auf dem ersten und zweiten Rang wie im Stadion im Takt mithüpften, konnte man schon Angst um die Statik bekommen. Genau diese Momente machten aber den Reiz dieses Abends aus und könnten dafür sorgen, dass Fankultur bei manchen Gästen mit anderen Augen gesehen wird.
Insgesamt lässt sich sagen, dass sowohl das Commando Cannstatt als auch das Stuttgarter Kammerorchester ihr Können eindrucksvoll unter Beweis stellten. Die Faszination des gemeinsamen Singens in einem Fanblock und die Faszination eines klassischen Orchesters, bei dem jedes musikalische Rädchen ineinandergreift, – beides zusammen entfacht seinen ganz eigenen musikalischen Sog. Weil, wer hätte gedacht, dass eine Melodie von Linkin Park mit einem Text über die Strapazen des steten Auswärtsfahrens so gut funktioniert, wenn sie von einem Orchester gespielt und von Fans gesungen wird?
Und beiden beteiligten Gruppen muss man auch ein großes Kompliment machen, dass sie aufeinander eingegangen sind, ihre jeweiligen Stärken eingebracht haben und dabei sicherlich das ein oder andere Gewohnte aus ihrem Alltag (Kurve wie Konzertsaal) umstellen mussten. Die Fans das konstante Tempo, was oft naturgemäß in großen Gruppen mit der Zeit schneller wird. Und das Orchester, das mit hunderten mitsingenden Fans bei der Intonation sicherlich vor so noch nicht gekannten Herausforderungen stand.

Ce sont les meilleures équipes
Kurz vor Ende gab es noch einen Gastauftritt des Bachchor Stuttgart, der zusammen mit dem Orchester einen Ausschnitt von Georg Friedrich Händels „Zadok the Priest“ von 1727 aufführt, woraus sich Tony Britten 1992 für die bekannte „Champions-League-Hymne“ inspirieren ließ. Noch steht der VfB auf Platz 4 in der Tabelle, was zur erneuten Teilnahme an der sogenannten Königsklasse reichen würde. Im Mai wissen wir hier aber mehr.

Zuuuu-saaaammen
Es war ein Mitmach-Event, geradezu eine 360°-Experience: Von vorne auf der Bühne das SKO unter der Leitung von Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit und ihnen gegenüber auf der Empore das Commando Cannstatt (normalerweise unter der Leitung von Capo Benno Nagel) und dazwischen natürlich alle anderen Menschen im Publikum, die lautstark mitsangen und ihre mitgebrachten Schals schwenkten. Und so kann man aufgrund der strahlenden Gesichter auf und vor der Bühne mit Gewissheit sagen: Alle hatten Freude an diesem Abend, die Musiker:innen und die Fans.
Ein kleiner Kritikpunkt am Ende. Wie ein Fußballspiel manchmal ein paar Minuten zu lang geht und man in der Nachspielzeit noch ein ärgerliches Tor kassiert, so kann ein Konzert manchmal auch ein, zwei Stücke zu lang sein, damit das Programm im Ganzen runder, tighter wird – aber das ist bei einer erstmaligen Veranstaltung dieser Art absolut verzeihlich.
Vielleicht schauen nun ein paar Leute anders auf Fangesänge und der ein oder die andere aus der Kurve anders auf klassische Musik.


„Augenschmaus?“ WHAT?
Leider ticken einige Männer immer noch so… Danke für’s Sensibilisieren durch Positionierung/Ansprechen in diesem Beitrag ❤️.