DAS ICH, VAGUE PHONIQUE, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart

DAS ICH, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Ich liebe erste Besuche: erste Besuche beim neuen Bäcker, erste Impressionen bei der Institution, bei der ich ein Bewerbungsgespräch habe, den ersten Besuch in einer neuen ärztlichen Praxis, die erste Hospitation, den ersten Arbeitstag – bla, bla, bla. Und warum? Weil ich neugierig bin. Weil ich in den ersten Minuten geballte Informationen über das Klima bekomme, das zwischen Menschen dort „herrscht“, sichtbar in ihrem all ihren Handlungen und ihrem Verhalten und ungeniert gezeigt. Es ist sichtbar innerhalb weniger Minuten, manchmal sogar Sekunden.

Also, erster Besuch im „Schwarzen Keiler“ – ja, ja, shame on me, I know. Ist ja nicht so, als wäre ich aus Buxtehude und hätte ’ne stundenlange Anreise. Ich stand vor dem Metal-Club und wartete auf Claus, mit dem ich mein erstes Konzert für den gig-blog besuchen wollte. Er Bilder, ich Text – so der Deal.

Die meisten der Besuchenden waren offensichtlich schon drin, denn es gab keine Schlange am Eingang, obwohl das Konzert ausverkauft war. Da stand ich nun und wartete, als jemand von der Kasse sagte: „Wenn du mir deinen Namen nennst, kann ich schauen, ob du auf der Liste stehst.“

WOW! Erster Eindruck: 100 von 100 Punkten. Übelst freundlich und aufmerksam. Der Keiler hat mich schon für sich eingenommen – und das, obwohl ich bald erfuhr, dass es keinen Kaffee gab. Leute, ich war an diesem Morgen um 3:30 Uhr aufgestanden. I neeeeed fucking coffee!

DAS ICH, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Ok, und bevor ich nun in die Beschreibung sämtlicher freundlicher Details der Mitarbeitenden des SK gehe: Der Laden ist es wert, besucht zu werden. Alle – zumindest diejenigen, denen ich an diesem Abend begegnet bin – haben Spaß an dem, was sie tun, sind freundlich und haben „Schuld“ daran, dass uns dieser Gig in dieser Atmosphäre überhaupt ermöglicht wurde. Dazu aber später mehr.

Den Schwarzen Keiler betritt man über eine lange Treppe und lässt die Stadt oben zurück. Unten wartet Keller. Die Decken sind niedrig, alles ist klein, ausgeklügelt, gut durchdacht – es funktioniert. Man muss sich etwas durch die Menschenmenge schieben, um an die Bar gegenüber der Eingangswand zu gelangen. Wer sich seiner Klamotten entledigen möchte, findet die Garderobe direkt neben der Bar.

Die Stimmung unter den Gäst:innen wirkt rücksichtsvoll und wohlwollend, während ich mich durch die Menge bewege. Man fragt freundlich, ob ich anstehe. Kein Drängen. Man spricht sich gegenseitig an, es wird gelächelt. Die erste Patchouli-Wolke trifft mich. Dieser erdige, süße, warme Duft gehört zur Dark-Wave-Szene wie Federn zu einem Vogel. Wunderbar.

Die Bühne ist links, kaum höher als ein Treppenabsatz – nur wenige Zentimeter zwischen Kunst und Publikum. Das wirkt von Anfang an bedeutungsschwanger.

VAGUE PHONIQUE, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Vague Phonique betreten kurz nach 20 Uhr die Bühne: Val (Synths & Gitarre), Nina (Gesang) und Jan an der Gitarre. Matti (Drums & Gitarre) fehlt an diesem Abend. Die Band bringt ihre Getränke mit auf die Bühne und stellt sie bereit, während Nina ihre Selbstversorgung mit einer Portion Nüsse ergänzt, von denen sie während des Konzerts zwischen zwei Songs immer wieder ein paar in ihrem Mund verschwinden lässt.

Die 2023 gegründete Post-Punk-Band eröffnet ihr Set mit dem Song „Unhappy“ und schafft es schnell, das Publikum mitzunehmen. Denn unhappy wirkt die Band keineswegs – sie überzeugt mit positiver Präsenz. Vor allem die Bewegung der Frontsängerin auf der Bühne nimmt den Raum und die Menschen darin mit.

Mit schnellen Post-Punk-Beats, Synth-Klängen und Gitarre wächst die Atmosphäre stetig, und auch die Interaktion mit dem Publikum lässt nicht lange auf sich warten. Das Publikum bewegt sich in den typischen Bewegungen der Szene – rhythmisch zwischen Anmut und Härte, dabei jedoch rücksichtsvoll gegenüber den Menschen um sie herum.

Es wirkt fast so, als stünden bekannte Gesichter im Publikum. Immer wieder sucht Nina den Blickkontakt, reißt im Rhythmus der Songs die Arme in die Luft und fordert beim Lied „Prionen“ das Publikum zum Mitklatschen auf. Im Raum gehen die Arme nach oben, Hände schlagen im Takt zusammen – und für die ersten Momente des Abends scheint der Schwarze Keiler die ersten Dark Waves zu reiten.
Während sich der Duft von Patchouli langsam mit den anderen Gerüchen des Raumes vermischt, erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt kurz bevor die Band ihr Set mit „Night Club“ beendet. Nach etwa 40 Minuten und acht Songs ist der Auftritt vorbei.

VAGUE PHONIQUE, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Im Publikum wird geklatscht und gerufen – einige hoffen offensichtlich auf eine Zugabe, doch Vorbands geben selten eine. Eigentlich schade, denn verdient hätte es Vague Phonique an diesem Abend durchaus.

Langsam steigen die ersten Besucher:innen von den kleinen Erhöhungen am Rand des Raumes herunter und bewegen sich Richtung Bar, während die Band beginnt, ihr Equipment abzubauen. Nach und nach verschwindet ihr musikalisches Handwerkszeug von der Bühne – bis schließlich nur noch das Instrumentarium des Hauptacts übrigbleibt.

Auf der Bühne stehen diverse elektronische Instrumente. Stefan Ackermann und Bruno Kramm sind bereits immer wieder zu sehen, während sie alles vorbereiten. Beide in gewohnter Optik: düster, schwarz und in gewisser Weise beängstigend. Als ich wesentlich jünger war, ließ mir ihr Anblick das Blut in den Adern gefrieren.

DAS ICH, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Im Publikum liegt eine spürbare Vorfreude – auf eine der prägendsten Bands der deutschen Dark-Wave- und Todeskunstszene: Das Ich. Dieser Satz könnte sich auf den ersten Blick beißen: Todeskunst und Vorfreude. Aber nein – keinesfalls.

Bruno beginnt den ersten Song mit einem Intro auf einem EWI (Electronic Wind Instrument) und holt den Raum sofort ab. Bei den ersten Tönen von „Lazarus“ verstummt das Raunen im Saal. Mit fesselnder Stimme, intensiven Klangflächen und spürbaren Interaktionen gelingt Ackermann und Kramm ein kraftvoller Einstieg. Das Publikum tanzt, pulsiert und interagiert mit den zwei Urgesteinen der Schwarzen Szene.

Weiter geht es mit „Kannibale“. Kramm, bekannt für seinen Hang zu ausgefallenen elektronischen Instrumenten, schiebt sein auf Rollen befestigtes Keyboard über die Bühne. Beide müssen immer wieder aufpassen während der Performance nicht ineinander zu laufen. Die Tastatur leuchtet in fluktuierenden Regenbogenfarben – Leben in der Dunkelheit.

„Kannibale“ fühlt sich durch Text und Darbietung wie ein Gedicht an. Es fließt wie ein warmer unsichtbarer Nebel durch den Raum und hüllt das Publikum in die Wärme des Moments. Schon beim ersten Song performen die beiden auf einem Niveau, das ein wirklich gutes Konzert ausmacht. Resonanzen sind deutlich spürbar.

DAS ICH, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Die Texte von Das Ich stellen das Leben der Anwesenden auf den Prüfstand, sofern man sich darauf einlassen möchte. Einzelne Textzeilen reichen aus, um ins Fühlen zu geraten. Der Raum beginnt, sich langsam in rhythmischen Bewegungen zu verlieren. Generationenübergreifend: Menschen, die schon bei den ersten Konzerten der Band dabei waren, ebenso wie jüngere Zuhörende.

Beim Song „Uterus“ zeigt Bruno kurz in meine Richtung, während er „Schwester, schenk mir Tod“ ins Mikrofon ruft. Gänsehaut kriecht mir über den Rücken – gewollt und willkommen.

Poesie, harte Synthesizerklänge und eine Wolke aus Patschuli. Feuchte Haut, die sich im Gedränge kurz berührt.

Nach dem Song wirft Stefan Handküsse Richtung Bruno und ins Publikum. Mit seinen knochigen Händen formt er ein Herz in die Menge. Der Saal tobt und applaudiert.

Vor dem nächsten Lied erklären die beiden, wo das dritte Bandmitglied ist: Kevin Groß musste seine Anreise wegen starker Migräne unterbrechen und strandete irgendwo bei München auf einem Rasthof. Er bat die beiden anderen Bandmitglieder aus Bayreuth, das Konzert auch ohne ihn zu spielen und den Gig nicht abzusagen, und diesem Wunsch seien sie nachgekommen. Das Publikum bedankt sich mit tosendem Applaus und schickt Genesungswünsche.

DAS ICH, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Das Konzert geht mit „Engel“ weiter. Schon nach wenigen Tönen ist das Publikum völlig im Song versunken. Im weiteren Verlauf lässt Ackermann immer wieder Menschen aus dem Publikum mitsingen und hält ihnen den Text zum Ablesen hin – darunter auch der Sängerin von Vague Phonique.

Ackermann betont zwischendurch, dass Kramm sein bester Freund sei. Wieder fliegen Herzgesten durch den Raum. Authentische Zuneigung füllt den Saal – nicht nur zwischen den Musikern, sondern auch zwischen Bühne und Publikum.

Beide Künstler sind immer wieder nah am Bühnenrand, und Ackermann steigt schließlich von der Bühne, um direkt im Publikum einzutauchen. Die Kunst überwindet die Stufe zum Publikum.

Auch bei „Kain und Abel“ lassen sie das Publikum aktiv Teil der Show werden, indem sie den Refrain von den Menschen im Raum singen lassen. Danach kündigen sie das letzte Lied des Abends an – das Stück, welches Das Ich 1991 erstmals auf ihrem ersten Album veröffentlichten: „Gottes Tod“.

Auch hier hält Ackermann das Mikrofon ins Publikum und lässt die Menge performen. „Gottes Tod – Gott ist tot!“ ruft der Raum. Viele singen den Refrain mit, gebannt von der Intensität. Der Schwarze Keiler surft in diesem Moment eine der größten Dark Waves der Geschichte.

DAS ICH, 26.02.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Danach verbeugen sich die beiden, Hand in Hand und gehen von der Bühne, kehren jedoch nach lauten Zugaberufen noch einmal zurück. Zwei weitere Songs folgen, bevor sie den Kreis des Abends nach elf bewegenden, aus Poesie entstandenen Liedern mit einer Reprise von „Lazarus“ schließen.

Im Nachgang erfahren wir, dass wir diesen Gig Gerry zu verdanken haben. Er ist im Schwarzen Keiler hinter der Bar und als Runner tätig. Im Jahr 2025 schlug er seinem Chef während des Aufräumens im Kühlhaus ein Konzert mit Das Ich vor. Was so ein Kühlhausmoment doch wert sein kann.

Das Konzert lässt sich ohne Zweifel als ein Erlebnis beschreiben, durchdrungen von den Wurzeln der Dark-Wave-Szene der späten 80er- und frühen 90er-Jahre. Zwei Menschen der deutschen Musikgeschichte stehen auf der Bühne und versetzen den Raum und die Menschen darin spürbar in Resonanz. Es gelingt ihnen, alte wie neue Fans abzuholen und gemeinsam er-leben zu lassen.

Der Abend hinterlässt das Gefühl, dass dort, wo Lyrik zur gelebten Haltung wird, Resonanzen entstehen können und dass aus vermeintlich schweren Themen zwischen Menschen Wärme erwachsen kann.

Das Ich

Vague Phonique

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