SARAH KUTTNER, 23.02.2026, Altes Schauspielhaus, Stuttgart

SARAH KUTTNER, 23.02.2026, Altes Schauspielhaus, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Anfang der Nullerjahre war Sarah Kuttner mit eigener Show bei VIVA und MTV nicht wegzudenken aus dem deutschen (Musik)fernsehen. Es ist lang her, so lang, dass es beide Sender und quasi Musikfernsehen so nicht mehr gibt. Allein auf Wikipedia liest sich das wie eine Zeitreise: Die letzte Sendung Kuttners wurde dort am 3. August 2006 um 21.00 Uhr ausgestrahlt, zu Gast waren Superpunk und Roger Willemsen. Das ist nun schon 20 Jahre her. Viel ist seitdem passiert, Superpunk sind schon lange aufgelöst und Roger Willemsen wird schmerzlich vermisst und ist viel zu früh gestorben. Für Kuttner folgten neue Shows, erste Romane und seit 2017 der Podcast „Das kleine Fernsehballett“ mit Stefan Niggemeier.

Nun erschien vor kurzem „Mama & Sam“, ihr bereits fünfter Roman. Um Musik geht es diesmal bei weitem nicht, sondern kurz gesagt um Betrug, Familie, Liebe und Tod. Und um den schottischen Schauspieler Sam Heughan, der eigentlich gar nichts damit zu tun hat und dennoch im Mittelpunkt des Geschehens ist. In „Mama & Sam“ erzählt Kuttner die Geschichte einer Frau, die sich in einem Lovescammer verliebt, der sich als Sam Heughan ausgibt, dabei viel Geld verliert und kurz darauf stirbt. Zurückgelassen hat sie einen schier endlosen Chat der beiden, den die Tochter von hinten aufrollt, um zu erfahren wie es dazu kommen konnte. Das Buch basiert auf dem realen Erlebnis von Sarah Kuttner und deren Mutter und hat sich ähnlich zugetragen. Momentan mit dem Roman auf Lesereise, liest die 47-jährige daraus im Alten Schauspielhaus Stuttgart.

SARAH KUTTNER, 23.02.2026, Altes Schauspielhaus, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
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Bevor es richtig losgeht, hat Sarah Kuttner nach kurzer Begrüßung vom Veranstalterduo Literaturhaus und Schauspielhaus (es ist die erste gemeinsame Kooperation überhaupt) das Publikum schon binnen Sekunden mühelos auf ihrer Seite. Fans, klar, aber sie zieht die Leute mit ihrer einnehmenden Art direkt in den Bann, macht es von Beginn an äußerst persönlich, auch mit leicht chaotischen Anteilen, wilden Sprüngen, Abschweifen und off topic und special interest-Dialogen mit einzelnen Besuchern, an denen sie das ganze Publikum teilhaben lässt. (Ganz konkret: Hufpflege-Youtubevideos, wahlweise Gartenpflegevideos)

So ganz Off-Topic ist es dann aber nicht, kommen die Hufpflegevideos tatsächlich im Buch, wenn auch nur nebensächlich, vor. Das Wilde und Chaotische macht sie zugleich sehr sympathisch, es ist menschlich und aufrichtig, einfach sie selbst und zudem ein angenehmer Einstieg in einen thematisch eher aufwühlenden Abend. Obendrein ist sie als langjährige Moderatorin natürlich auch Profi, Publikum abzuholen und mitzunehmen.

Kuttner, ganz in schwarz – es sei ihre Lieblingsfarbe bei Kleidung, wie sie erzählt – vielleicht auch passend zum Thema, nimmt die ca. 300-400 Gäste im nicht ganz ausverkauften schönen alten Schauspielhaus direkt zu Beginn der Lesung mit in die Wohnung der verstorbenen Mutter, wie im Buch auch. Sie wurde erst nach Wochen zuhause gefunden, Polizei, Tatortreinigung, die ganze Palette. Und wäre der Tod und Verlust nicht schon schlimm genug, offenbart sich im Anschluss das unfassbare Ausmaß eines Betrugs, aber auch einer schmerzvollen, einseitigen Liebe in der letzten Wochen und Monaten im Leben der Mutter. 

SARAH KUTTNER, 23.02.2026, Altes Schauspielhaus, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Zentraler Teil der Story ist der Chatverlauf zwischen der Mutter und dem Betrüger Sam, aus dem sich die Protagonistin (und auch Kuttner selbst) Antworten auf viele offene Fragen erhofft. Sie gräbt und lässt zeitgleich schonungslos am Familien- und Liebesleben teilhaben. Auf einer Leinwand zeigt Kuttner einzelne Messages des Chats, die gleichzeitig von den nicht anwesenden Sprecher*innen Anna Thalbach und Julian Horeyseck vorgetragen werden und ebenfalls die Nachrichten der Mutter und des Betrügers im Hörbuch vertonen. Ursprünglich hatte Kuttner geplant, den deutschen Synchronsprecher von Sam Heughan für das Hörbuch zu gewinnen, eine großartige Idee, aus Zeitgründen aber leider nicht realisierbar. Kuttner kommentiert die abgespielten Nachrichten wortlos, aber mit vielsagender Mimik und Gestik, während man in ein Gespräch gesogen wird, das nie für einen zu lesen bestimmt war und dessen Verlauf gleichzeitig absurd, lustig, verheerend, tragisch und tieftraurig ist. Während man bei besonders obskuren Nachrichten in wohlvertrauter Spam-Mail-Lingo nur lachen kann, bleibt einem dieses anschließend im Halse stecken. Diese Ambivalenz schwebt die ganze Zeit über im Raum. Lachen sei erlaubt, merkt Kuttner ganz zu Beginn an, vor allem an den Stellen die sie besonders witzig fände. Überhaupt sei ihr Humor wichtig und man merkt wie es ihr hilft mit der Situation umzugehen. Trotz aller Tragik und der angespannten Stille im Raum während den Lesepassagen lockert dies den Abend enorm auf.

Denn der Chatverlauf offenbart nicht nur himmelschreiend groteske Nachrichten und die perfiden Tricks des Betrügers, sondern auch die Gefühls- und Gedankenwelt der Mutter, die an die Liebe glauben will, jede Sekunde, trotz vieler Zweifel und Gegenwind aus der Familie. Doch sie verschließt die Augen und wird gleichzeitig vom Betrüger bewusst von der Außenwelt abgekapselt, eingelullt mit immergleichen Phrasen und digitaler Zärtlichkeit, nach der sie sich so sehnt. Es fühlt sich falsch an, diese intimen Chats zu lesen, es ist eine besonders ungewöhnliche Art jemanden auf diese Weise kennenzulernen. Doch steckt in all der Tragik und auch eine Warnung und gleichzeitig ein Ratgeber zur Prävention: Dass diese Art von Betrug, so perfide sie auch ist, immer noch funktioniert, auch wenn man es bei all den absurden, fehlerhaften und auch cringen Chatnachrichten nicht glauben mag, an denen alles direkt nach Scam schreit. Man empfindet Mitleid mit der Mutter und ist gleichermaßen wütend und fassungslos, wie so eine kluge, toughe Frau die Gefahr nicht zu erkennen vermag – oder sich vielmehr irgendwann nicht mehr davon lösen kann, weil die Illusion „schöner“ ist als die Realität. Einzelne Messages treffen daher auf mehreren Ebenen besonders hart, wenn sie z.B. ihrem Betrüger schreibt: „Wenn das hier wirklich ein Betrug ist, dann habe ich zumindest für ein paar tausend Dollar in einem Vierteljahr mehr liebevolle Worte gehört als in meinen anderen Beziehungen“. Sie ist ihm quasi längst auf die Schliche gekommen, will den Schein aber offenbar ganz bewusst beibehalten. Zu viel ist bereits passiert. Dass sie trotz allem Liebe auf ihre Art spürte, sich berührt fühlte, verliebt, gar glücklich war. Es ist zum Heulen und Verzweifeln. Tränen zurückhaltender Smiley, diesmal for real. 

Kurz bevor Sarah Kuttner am Ende der doch sehr kurzweiligen eineinhalbstündigen Lesung Fragen jedweder Art aus dem Publikum beantwortet, geht es dann doch noch etwas um Musik. Die Protagonistin übt auf der Ukulele den Lieblingssong ihrer Mutter, ausgerechnet „I want to know what love is“ von Foreigner. Kuttner selbst hat sich das Ukulelespielen vor einigen Jahren über Youtube beigebracht, sogar einen eigenen Instagramaccount dafür eingerichtet. „She really did want to know what love is“ stellt sie treffend im Buch fest, „and he showed her“.

SARAH KUTTNER, 23.02.2026, Altes Schauspielhaus, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

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