AGNOSTIC FRONT, WISDOM IN CHAINS, RAW BRIGADE, 13.02.2026, Im Wizemann, Stuttgart

AGNOSTIC FRONT, WISDOM IN CHAINS, RAW BRIGADE, 13.02.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Eigentlich fremdle ich ja mit dem Hardcore-Genre: Für meinen Geschmack zu viel Testosteron und Aggression – live macht’s dann meistens aber doch höllenmäßig Spaß. So auch an diesem Abend im ausverkauften Club im Wizemann. Frauenquote maximal fünf Prozent, ansonsten schwäbische Hardcoreler unterschiedlichsten Alters. Teils mit Bandana und gerne mit Basecap werden graue Schläfen kaschiert. Alle machen einen netten und gechillten Eindruck, einige werden im ritualisierten Circle Pit dann aber später zum Tier. Okay, eher Kuscheltier, denn so richtig ganz wild (wie kürzlich bei Terror) wird es vor der Bühne nur selten, soweit ich das von meinem sicheren Platz ganz am Rand beurteilen kann.

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Aber gehen wir chronologisch vor. Opening Act des Minifestivals sind Raw Brigade aus Bogota, Kolumbien. Mit Exotenbonus und einem plakativen Banner („Fuck Borders – Latino America Resiste“) finde ich die eher konventionelle Hardcore-Band zwar sehr sympathisch, aber auch etwas hüftsteif. Auch weil die Halle sich erst langsam füllt, haben es die Burschen anfangs nicht leicht, legen aber einen kraftvollen und motivierten Auftritt hin. Schließlich sind Raw Brigade heute die klar jüngste Band. Bei der Sichtung aktueller Videos stelle ich fest, dass der Sänger wohl erst seit kurzem an Bord ist – so oder so ist diese erste halbe Stunde ein perfektes Warm-up für das, was noch kommen soll.

AGNOSTIC FRONT, WISDOM IN CHAINS, RAW BRIGADE, 13.02.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
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Die nächste Band heißt Wisdom In Chains, von denen ich (Asche auf mein Haupt) noch nie gehört habe. Dabei steht mir ihr Sound von Anfang an viel näher, arbeiten sie doch auch mit knackigen Metalstrukturen und haben richtig klassische Songs mit Hooks und Melodien – und sogar einen jungen Gitarristen mit Matte, der geradewegs der Bay-Area-Szene der frühen 80er entstammen könnte. Ansonsten ist die Band aus Pennsylvania seit rund 30 Jahren in wechselnden Besetzungen am Start. Die schon etwas reiferen Typen überzeugen mit unbändiger Spielfreude, vor allem Frontmann Frankie Puopolo ist eine Macht. Obwohl erst seit 2024 im Dienst, hat der aufgepumpte Muskelmann alles souverän im Griff. Was für eine Bühnenpräsenz, kein Wunder, dass das Publikum begeistert mitmacht und jetzt auch das Moshpit belebt. Die dynamische Anthraxhaftigkeit finde ich super, was gepaart mit explosivem Hardcore- und Streetpunk schon extrem zündet. Das hat Wucht und Groove und lässt nach 40 Minuten ein begeistertes und deutlich angeschwitztes Publikum zurück.

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Derart in Stimmung gebracht, wird auch gleich vielkehlig die Pausenmusik mitgegröhlt („Can’t Stop Believing“ von Journey). Nach kurzer Bierpause im Foyer wird im Saal sogar A-Has „Take On Me“ mitgesungen, so sind sie halt, die schwäbischen Hardcoreler*innen. Sinatras „New York, New York“ scheint dann schon das Intro von Agnostic Front zu sein und wird ebenfalls beherzt mitgegröhlt.

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Denn auf ihre Mutterstadt sind die teils recht verwitterten Typen ganz schön stolz, schließlich gelten sie ja auch als Säulenheilige des New York Hardcore. Gegründet in den frühen 80ern, sind die zentralen Akteure bis heute dabei: Shouter Roger Miret und der Gitarrist mit dem vielleicht coolsten Punkrocknamen („Vinnie Stigma“) überhaupt. Und der Heldenstatus von Agnostic Front lässt beim Publikum von Anfang an alle Dämme brechen: Jetzt wird gepogt, gemosht, crowdgesurft und natürlich beständig ins Circle Pit zitiert. Frage an die Fachleute: Geht das eigentlich immer im Gegenuhrzeigersinn? Explosiver Frohsinn ist jedenfalls von Anfang an garantiert. Fans singen textsicher mit, der Hardcore kommt mir klassisch und erfreulich abwechslungsreich vor – mit Einflüssen von Oi bis Thrash Metal. Miret schwelgt von vergangenen CBGBs-Zeiten, lässt aber keinen Zweifel an der aktuellen Relevanz und der bis heute hundertprozentigen Authentizität der Genre-Pioniere.

AGNOSTIC FRONT, WISDOM IN CHAINS, RAW BRIGADE, 13.02.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
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Im Vorfeld war ich ja etwas skeptisch bezüglich der politischen Einstellung der Band (zumindest in jungen Jahren). Vage patriotisch und sozialpolitisch wirr, kategorisierte der Gigblog-Analyst Agnostic Front bereits 2013 als „Krach mit Sozialdarwinismus“ – klingt jetzt nicht wirklich charmant, zumal ich damit eher das Parteiprogramm der FDP beschrieben hätte. Es ist (oder war) also theoretisch kompliziert – dabei versteht bei dem Konzertlärm ohnehin kaum jemand die Texte. Ich hab mich jedenfalls hervorragend amüsiert und kann dem Hardcore zunehmend mehr abgewinnen.

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Agnostic Front

Wisdom In Chains

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