MARIA ISKARIOT, SILK, 14.02.2026, Merlin, Stuttgart

Bereits im letzten Jahr hatte die vierköpfige Band aus Belgien, deren Name sich aus der Jungfrau Maria und Judas Iskariot zusammensetzt, ihr Album „Wreldwaan“ was so viel wie „Warum Darum“ heißt, veröffentlicht und tourte seither intensiv. Der Sound ist wütend und von Empörung geprägt. Diese Kombination verspricht am heutigen Valentinstag ein energetisches Konzert, das meilenweit von einem romantischen Kuschelsound entfernt sein wird.

Als Support ist die aus Düsseldorf kommende, vierköpfige Newcomer-Band Silk am Start. Der Sound ist im positiven Sinne ungeschliffen, mit einer rohen Punk-Attitüde, der sich nach dunklem Probenraumkeller anhört. Die Gitarren sägen ordentlich, gepaart mit melodiösen Riffs, und die Rhythmusfraktion erzeugt eindringliche Basslinien und fordernde Beats. Das hat schon eine ziemliche Wucht, auch textlich: Emotionales Chaos, Wut und allgemeine gesellschaftliche Befindlichkeiten werden behandelt. Dynamisch ist auch die Bühnenperformance: Die Sängerin gibt die exaltierte Punk-Diva mit einer entsprechenden Vocaldarbietung, die Bassistin zeigt an ihrem Instrument vollen Körpereinsatz und wechselt auch mal ans Mikrophon zum energetischen Shouting mit gutturaler Abgründigkeit. Und wie es sich für so druckvollen und direkten Punk gehört, ist das Set kurz, knackig und sehr schweißtreibend und nach circa 20 Minuten auch schon vorüber.

Gut vorgewärmt steigt die Vorfreude auf die vier aus Gent stammenden Musiker*innen. Amanda (Gitarre, Vocals), Helena (Vocals, Gitarre) und Loeke (Bass, Vocals) entern unter Trommelwirbeln des Schlagzeugers Sybe die Bühne und los geht’s, und zwar von Null auf Einhundert. Puh, was für eine massive Energie gleich zum Start, hier wird sich gar nicht erst mit einem langsamen Spannungsaufbau abgemüht, die Belgier*innen reizen unvermittelt die nach oben offene Richterskala aus. Ob sie dieses Level wohl das gesamte Konzert über halten können? Obwohl, im Training sind sie ja, in den letzten beiden Jahren haben die Vier immerhin um die zweihundert Konzerte gespielt. Und diese Bühnenerfahrung merkt man Maria Iskariot definitiv an; sehr selbstbewusst füllen sie den Raum aus, spielen mit einer Selbstverständlichkeit auf, als ob sie schon ewig im Geschäft wären. Scheu vor dem Publikum gibt es auf jeden Fall nicht, die Kommunikation ist direkt und entspannt und vom Spaß am Spielen geprägt, frei von Posen. Wenn man den schon etwas abgenutzten Begriff der Authentizität bemühen mag: Bei den Belgier*innen ist er mehr als angebracht.

Der Sound ist punkig, direkt und ziemlich kantig, als Referenz kann man da durchaus die Punk-Pioniere Flipper (Helena trägt auch ein Shirt dieser Band) heranziehen. Doch reiner Punk ist es nicht, was hier dargeboten wird; sehr ausgeprägt sind auch Grunge und im Besonderen Riot-Grrrl-Einflüsse. Genannt seien hier Hole mit ihrem Debütalbum „Pretty On The Inside“ oder Babes In Toyland, die ebenfalls mit ausgeprägten Laut-Leise-Dynamiken spielten. Gerade diese stilistische Vielfalt macht den Auftritt von Maria Iskariot so dynamisch und spannend. Textlich greifen die Musiker*innen, wie meine Recherche ergab, gesellschaftliche und selbstreflexive Themen auf. Verstehen kann ich die Songs leider nicht, da auf Flämisch gesungen wird, was sich aber ziemlich toll anhört, was auch darin liegen mag, dass es eine eher raue, kehlige Phonetik hat.

Beim Song „Dat Vind Ik Lekker“ kommen zu den wütenden Riffs und zur treibenden Rhythmik noch klagende Tiefen hinzu, ohne jedoch im Abgründigen zu versinken. Das ist verdammt gut gespielt und man sieht, welche Spielfreude die Band dabei hat, was sich auch auf das begeisterte Publikum überträgt, skandiert es doch im Rhythmus „vind ik lekker, lekker“. Schweißtreibend und verausgabend ist das Set, und da dies der letzte Auftritt der Tour ist, empfangen wir die letzte Energie der Band in unseren Herzen, wie Amanda meint.

Die Energie fließt unablässig ins Publikum, und als sie „Tame“ von den „Pixies“ covern, ist Helena nicht mehr zu halten und nimmt, nach einer expressiven Tanzeinlage, ein Bad im Moshpit. Exzessives Shouting mit voller Hingabe bietet sie bis zur Verausgabung. Es ist ja schon sehr mutig, einen so ikonischen Track zu covern, aber Maria Iskariot gelingt es, dem Song einen eigenen Stempel aufzudrücken. Ihre Version hat nicht die kristalline, reduzierte und harte Klarheit des Originals, ihre Version ist körperlicher und dreckiger und genauso ungezähmt.

Nach gut 50 Minuten wird es musikalisch immer vielfältiger: Spannende Gitarrendialoge und fast schon jazzige Improvisationen zeigen, was für gute Musiker*innen sie sind, dass sie nicht nur gnadenlos nach vorne gehen, sondern auch atmosphärische Klangflächen von bedrohlicher Schönheit und Tiefe erschaffen können. Und in ebendieser Atmosphäre klingt das Konzert zum Abschied leise aus …
Als Zugabe für das begeisterte Publikum gibt es zur finalen musikalischen Eskalation noch zwei weitere Songs. Was für ein Konzert, ich wurde heute Abend zum Fan!
