NILIPEK., 13.02.2026, Merlin, Stuttgart

Die zwischen Istanbul und Berlin pendelnde Musikerin Nilipek bekam bereits für ihr 2015 erschienenes Debütalbum „Sabah“ hervorragende Kritiken und es wurde gar in einigen Rezensionen als eines der besten Alben des Jahres gefeiert. Gelobt wurden im Besonderen ihre außergewöhnlichen Arrangements und ihr Gesang. Mit ihrem ganz eigenen Musikstil beeinflusst sie seither die türkische Alternative-Musik-Szene, die auch hierzulande immer mehr Aufmerksamkeit erfährt (spielten doch bereits am Sonntag im Franz K Derya Yıldırım & Grup Şimşek ein Konzert, das die Gig-Blog-Kollegen begeisterte) und dies auch zurecht; gibt es doch jenseits ausgetretener popmusikalischer Pfade hier wirklich Neues zu entdecken. Eine Wiederbelebung des universalistischen Geistes der Popkultur, Austausch und Vielfalt, die Utopie des globalen, Grenzen überwindenden Gemeinsamen.

Jazzige Drumbeats und dezente Gitarren- und Bassflächen erklingen, als Nilipek und ihre drei Mitmusiker die Bühne betreten, um dann in an Shoegaze erinnernde Soundpatterns à la Slowdive überzugehen, umschmeichelt von Nilipeks harmonischen Gesangsbögen des ersten Songs „Yalan Söyeldik“ der dann mit einem überraschend dynamischen Schlussteil beendet wird.
„Tonight it will be an emotional roller coaster ride“, begrüßt sie das jetzt schon gebannt zuhörende Publikum.

Spannend ist es auf jeden Fall, was uns hier dargeboten wird: Nahöstliche perkussive Elemente werden im Track „Gömülür“ mit rockistischen Klängen fusioniert und im Stück „Havada bir hinlik var“ fließt starker Singer-Songwriter-Pop mit ein. Dies alles ist von einer zärtlichen Melancholie durchwoben, getragen von Nilipeks den Zuhörer verzaubernder Stimme. Und obwohl ich der türkischen Sprache nicht mächtig bin, die Texte für mich nur Teil der Musik sind, berührt diese großartig vorgetragene Emotionalität, was die künstlerische Qualität der Musikerin umso mehr unterstreicht. Auch als sie sagt, dass sie sich oft wie die Überbringerin schlechter Nachrichten fühle, erspürt man diese Aussage intuitiv in ihrer Musik, und doch ist in ihren Songs keine Aggressivität, das Moment des Versöhnlichen, in dem auch immer der Funke der Hoffnung glimmt, ist allgegenwärtig.

Nilipeks Sound ist ein feiner Blend aus anatolischen Folk-Elementen, Alternative-Rock und Indie-Pop, und wie das für einen Blend so ist, ist dies in seiner klanglichen Gesamtheit sehr harmonisch ausgewogen, ohne akustische Spitzen oder gar Ausbrüche.
Nach einer Stunde meint Nilipek, nun sei der erste Teil des Konzerts vorüber, jetzt komme der Angry Part. Von wahrer Rage ist sie dann aber doch ein ganzes Stück entfernt, das Wütende ist aber durchaus unterschwellig zu vernehmen und der Sound begibt sich dann doch etwas auf andere musikalische Pfade. Grungige Töne erklingen, Bass, Gitarren und Schlagzeugsound werden dynamischer, hier möchte ich auch noch die wirklich tollen Musiker loben, die ein absolut fein austariertes Set abliefern, ohne jedoch ganz in destruktive Dissonanzen abzugleiten.

Beim Track „Yesil çimler“ swingt es dann mit einer ganz vorzüglichen Lässigkeit in einer poppigen Leichtigkeit, die einfach Spaß macht. Garniert wird dies mit jazzigen Rhythmen, bei denen der Schlagzeuger sein ganzes Können zeigt. Ein in seiner großen musikalischen Bandbreite sehr clever arrangierter Song. Dieses in sich ausgewogene der Musik wird auch durch die Performance der Musiker*innen verkörpert, die einerseits sympathisch zurückhaltend ist und doch von einer großen Präsenz geprägt ist.

Der letzte Titel „Sirf kirabilmek için“ bildet mit seiner fast schon post-punkigen Struktur einen gelungenen Kontra- und Abschlusspunkt dieses feinen Konzertabends.
Als Zugabe bekommt das begeisterte Publikum dann noch ein kurzes Solo, dargeboten auf der akustischen Gitarre, und ein Stück, in dem sich noch einmal die ganze musikalische Vielfalt Nilipeks Schaffen widerspiegelt: Discosound, orientalische Klänge und Rock werden zu einem hitverdächtigen Stück amalgamiert, mit dem sie uns in die Nacht entlässt.

