JINJER, UNPROCESSED, TEXTURES, 12.02.2026, LKA, Stuttgart

Den Status Geheimtipp hat die ukrainische Band Jinjer längst hinter sich gelassen, was durch das wirklich zum Bersten gefüllte LKA bestätigt wird. Und dennoch bin ich froh, dass die Musik wohl doch noch, so naja nicht wirklich nischig, aber vielleicht spezieller ist, dass zumindest noch keine größeren Hallen herhalten müssen. Man merkt schon, wie ich mich um das Genre herumdrücke, aber das ist auch nicht leicht. Angegeben werden in der Regel die Sub-Genres Metalcore und Progressive Metal, gelegentlich auch Djent, was aber im engeren Sinne kein eignes Genre ist (aber das würde zu weit führen bzw. zu einem eigenen Artikel). Und an diesen Einordnungen ist nach meinem Dafürhalten auch überhaupt nichts falsch. Nur dass sich Jinjer mit einem eher genre-durchbrechenden Ansatz einen Ausnahmestatus erspielt haben, bei dem Sängerin Tatiana Shmayluk ganz im Mittelpunkt steht.
Aber der Reihe nach. Als Auftakt und Anfangseinheizer wurden die Niederländer von Textures für das Tour Line-up nominiert. Pünktlichst um 19 Uhr (wie das heute so üblich geworden ist) stehen die fünf Wackeren am Bühnenrand. Denn es ist kaum noch Platz auf der mit Instrumenten und sonstigem, abgedeckten Equipment gefüllten Bühne. Das Textures-Schlagzeug ist das dritte, dass nun ganz rechts außen noch ein Plätzchen gefunden hat. Die Stimmung ist gut, was sich bereits vor Konzertbeginn bemerkbar gemacht hat – entspannt und vorfreudig auf den besonderen Metal-Leckerbissen. Gelegentlich sind auch ukrainische Symbole, Aufnäher, T-Shirts zu sehen und man hört auch den einen oder anderen ukrainischen und/oder russischen (ich bin leider unvermögend, diesen Unterschied zu erkennen) Gesprächsfetzen.
Textures legen los geben einen soliden Metal-Sound wieder, der sich wohl auch grob in der Ecke Metalcore (aber wohl auch Djent) ansiedeln lässt, aber insgesamt einen recht eingängigen Stil pflegt, bei dem der Gesang von dem bärtigen Mann aus den Dutch Mountains, Daniël de Jongh, meist klar, aber auch mit einigen guturalen Parts dargebracht wird. Technisch musiziert die Band durchaus auf einem hohen Niveau, doch erscheint es mir doch etwas zu artifiziell. Der Zuspruch des Publikums ist nach 40 Minuten doch recht groß – Mission acomplished.

Es dauert nicht lange bis das zweite, etwas größere Drumset in der Bühnenmitte enthüllt wird und der very special guest Unprocessed aus Wiesbaden die Bühne betritt. Der Name scheint schon untergekommen und einen gewissen Klang zu haben und siehe da: Kollege Lino berichtete bereits über die Band, die 2024 im Vorprogramm von Tesseract im Wizemann auftraten. Die Band um Ausnahmetalent Manuel Gardner-Fernandes darf noch mal gefühlte zwei Stufen lauter antreten. Die Band ist jung, maximal 30 und tritt (in meinen Boomer-Augen Metal-untypisch) in weißen Oberteilen auf. Gardner-Fernandes ist ein Virtuose an der Gitarre und begnadeter Sänger, ebenso sind die Mitstreiter extrem gut ausgebildete und ausgeübte Könner an ihren Instrumenten. Gardner-Fernandes war sogar einmal Manipulationsvorwürfen ausgesetzt, er würde Videos in doppelter Geschwindigkeit veröffentlichen und das live gar nicht spielen können. Weit gefehlt und längst zigfach widerlegt, alles echt und unglaublich beeindruckend. Sowohl Gardner-Fernandes brüllt uns neben perfekt intoniertem Klargesang auch guturale Parts und Growls in die Ohren als auch Bassist David John Levy, der sich die Seele aus dem Leib schreit. Und doch, es fehlt an Seele und das Ganze wirkt womöglich auch aufgrund seiner hohen Komplexität etwas retortenhaft, was aber nur zu einem kleinen Teil an der Jugendhaftigkeit der Band liegen dürfte. Diese schlägt wohl eher bei den Balladen (ich bin nicht sicher, ob diese Bezeichnung hier zutreffend ist) zu Buche, denn diese stehen im Kontrast zu den ulta-lauten und ultra-harten und technisch komplexen progressive Metalcore-Attacken und -Gewittern und wirken fast boygrouphaft harmlos und schmachtig. Wer weiß, vielleicht hauchen Lebenserfahrungen dem Sound in Zukunft noch etwas mehr Soul ein.

Die seitlichen Beleuchtungselemente, die offenisichtlich nur für das Vorprogramm von Textures und Unprocessed aufgebaut waren, werden abtransporiert und die Bühne lichtet sich um weiteres Material und der Blick wird freigegeben für das Spielfeld der sehnlichst erwarteten Headliner des Abends: Ein fast die komplette Bühnenbreite umfassender Drum-Riser, der natürlich mit entsprechenden Licht- und Videoelementen ausgestattet ist. Davor ist die Bühne nun frei und bietet Platz – in erster Linie für Tatiana Shmayluk ist zu mutmaßen. Auch hier läuft alles perfekt wie bisher, vom Umbau, dem Licht, der Pünktlichkeit bis hin zum Auftritt.
Endlich wird es stimmungsvoll still und dunkel, der Reihe nach betreten Wlad Ulassewytsch (Schlagzeug), Roman Ibramchalilow (Gitarre) und Eugene Abdjuchanow (Bass) die Bühne und beginnen ein Intro zum Opener „Duel“ (Titelsong des gleichnamigen aktuellen Albums) in einer Lautstärke anzustimmen, dass mir der Bass- und Drums-Doppel-Wums fast das Abendessen herauskatapultiert. Aber es ist einfach nur großartig. Und schon kommt sie auf die Bühne: Tatiana Shmayluk, die für extravagante Bühnen-Outfits bekannt ist, betritt in einem recht kurzem weißen Kleid, versehen mit einer Art Korsage und einer ich-kann-mir-nicht-helfen-aber-irgendwie spanisch anmutenden Frisur und hat instant das Publikum auf ihrer Seite und im Griff.

Es folgen „Green Serpent“ und „Fast Draw“ vom aktuellen Duel-Album. Ersteres nimmt das etwas Tempo heraus und Tatiana bringt sowohl ihre unglaubliche Gesangsstimme zum Einsatz als auch ihre Fähigkeit, was krassen guturalen Gesang angeht und kann dies anscheinend in einem mühelosen Wechsel zum Besten geben. Genau diese Fähigkeit führt zur Spaltung in Bezug auf Jinjer: Die Fraktion, die sagt „nur weil sie growlen kann wie ein Mann, gibt es diesen Hype“ und diejenigen, die geflasht sind von dieser Performance – ich gehöre zu letzteren und bin mal echt beeindruckt. „Fast Draw“ kommt ausschließlich gutural und growlig und ziemlich schnell aber sowas von auf die 12 daher, eben „draw your weapon before I draw mine“. Beeindruckt bin ich auch von der Wucht, die die neuen Songs entfalten und ich kann nur mit großer Willenskraft den offen stehen gebliebenen Mund wieder schließen.
„Vortex“ und „Disclosure!“ vom 2021er Wallflowers-Album schließen an. „Vortex“ gibt einem etwas Luft zum Atmen und Shmayluk bewegt sich grazil tänzelnd über die Bühne und nutzt den gesamten Raum, der ihr zur Verfügung steht, nimmt die Fans mit, winkt mit einer Hand zum Duell, stampft, tanzt und hat immer den richtigen Move in petto und spielt ihre ganze Aura und Erscheinung absolut gekonnt aus. Natürlich ist das einstudiert, aber es wirkt nicht so und kommt mit einer Leichtigkeit und Authenzität daher, von der sich alle nur zu gerne abholen lassen. Und diese Form der aktiven Bühnenpräsenz praktiziert die Frontfrau wirklich druchgehend und unermüdlich und ihr ist die Lust an ihrer Musik und deren Intensität anzusehen.

Bereichert wird dieses Spektakel noch durch Videoclip-Sequenzen, natürlich zu jedem Song passend und hochwertig. Sie sind über die gesamte Bühnenrückwand bis über den Drum-Kit-Riser zu sehen und besorgen ihren Teil zur Stimmungssteigerung. Auch hat sich jemand große Mühe mit zusätzlicher Hintergrund-Elektronik gegeben. Natürlich besteht das Live-Erlebnis aus allen Elementen und diese spielen auch perfket ineinander. Aber die Musik ist so heftig und einnehmend und Frau Shmayluk so gut und vereinnahmend, dass diese Bühnenshow und Add-ons gelegentlich in den Hintergrund rücken.
„Teacher, Teachter!“ ist eine Art Klassiker im Jinjer-Universum und hat neben den schweren Growls auch einen leichten Hip-Hop-Einschlag, der nochmal einen anderen Drive gibt. Überhaupt ist der Sound der Band nicht nur genre-übergreifend, sondern sprengt eigentlich aktuelle Genre-Vorstellungen. Zum einen scheinen Begriffe wie Strophe und Refrain im Jinjer-Wortschatz nicht zu existieren und zum anderen sind Einflüsse aus diversen Musikrichtungen auszumachen. Hip Hop wurde schon genannt, hinzu kommen immer wieder eindeutige Blues- und Folk-Anklänge oder sogar Einflüsse aus Reggae und Jazz. Und dazu eben Tatiana Shmayluk, die seit 2010 bei Jinjer tätig ist und maßgeblich zum Aufstieg der Band beigetragen hat, die trotz Besetzungswechsel zentrale Figur bleibt. Sie steht für Widerstandsfähigkeit, Entschlossenheit und auch musikalische Innovation, da sie auch bei den Songs mitschreibt und entscheidend den Ausnahmestatus dieser Band mitgeprägt hat. Es wird selbstverständlich auch crowd-gesurft (ich muss der Fairnes halber sagen, dass dies auch bei Unprocessed schon praktiziert wurde), aber auch wild getanzt, geheadbangt und gelegenlich auch ein bisschen gemoshpitet. Für letzteres eignet sich Jinjer-Material nicht besonders gut, was auch vollkommen ok so ist. Aber der Stimmung tut das in keinster Weise Abbruch, die ist nämlich großartig und die Fans saugen alles auf, was hier zu bekommen ist. Jinjer wollen Spaß haben und das merkt man, sie wollen keine Ansagen machen (obwohl sie allen Grund dazu hätten), sondern eine Metal-Band sein, die geile Konzerte spielt, die ihr Publikum abholt und hofft, dass dieses sich auch gelegentlich die Lyrics zu Gemüte führt und sich davon inspirieren lässt.

Denn auch textlich sind Jinjer recht anspruchsvoll und sehr vielfältig und die Lyrics drehen sich unter anderem um persönliche Konflikte oder wie in „Someone’s Daughter“, das Tatiana „all the Ladys“ widmet, um die Widrigkeiten, denen Frauen nach wie vor in einer von Männern geprägten Welt ausgesetzt sind. Hierzu ein Zitat von Shmayluk: „Somenone’s Daughter ist der künstlerische Versuch, die innere Welt von Frauen zu beleuchten, die sich in den verschiedenen Umständen für einen Weg entschieden haben, der historisch nur für Männer vorgesehen war und von ihnen entsprechend geprägt wurde. In einer Welt, in der Frauen oft unterschätzt und übergangen werden, macht sie das zu wahren Heldinnen, die sich Herausforderungen stark und mutig entgegenstellen und dabei Widerstände und Grenzen überwinden. Someone’s Daughter feiert den Übergang von Naivität zu Weisheit, von Schwäche zu Stärke sowie die unerschütterliche Entschlossenheit und Furchtlosigkeit, während Generationen von Müttern, Schwestern, Töchtern und Ehefrauen durch Widrigkeiten gingen und gehen und bis heute für Veränderung kämpfen müssen. Oft werden diese Frauen vergessen, aber sie haben den größten Respekt verdient. Meinen haben sie gewiss!“
Ebenso wie „Someone’s Daughter“ stammt das nun folgende „Rogue“ von der aktuellen Duel-Scheibe und diesen Track könnte man allerdings als Mittelfinger in Richtung Putin interpretieren:
„Collecting blood is his ambition
He sets so light the value upon lives
Each despicable decision
Activates his dreadful knights“

Nach dem ekstatisch gefeierten „Rogue“ und rund einer Stunde fünfzehn höre ich ungläubig den Satz aus Tatianas Mund „We have one more for you“ und denke dann zugleich, ja eigentlich ist alles gesagt (und gespielt). Und one more ist wieder ein Klassiker: „Pisces“ von dem erfolgreichen Album „King of Everything“, 2016. Und das Publikum ist auch gar nicht beleidigt, sondern zelbriert diesen wunderbaren Song. Und die Freude steigt noch einmal mehr als die Band noch unter frenetischem Jubel und lauten „one more song“-Rufen ein weiteres Mal für einen allerletzten Song auf die Bühne kommt. Denn Tatiana Shmayluk scheint sich irgendwie wehgetan zu haben und ist auch nicht mehr ganz so beweglich unterwegs („I think I broke my ass“). Doch lässt sie sich mit „Sit Stay Roll Over“ den letzten, ultra-schnellen und von Hardcore beeinflussten Kracher nicht nehmen. Ein wirklich gelungener und beeindruckender Metal-Abend endet oder wie meine Konzertnachbarin Sophie es zusammenfasst: „Was für ein Riesenspaß!“.
