KNIPSEN, 11.02.2026, Ritterstüble, Stuttgart

Alles nur noch Fake! Durchgestylte, seelenlose Gastro-Franchise-Locations, profitoptimierte Konzert-Mega-Venues – gerne nach dem Hauptsponsor benannt und zur „Arena“ erhoben – die Bands zielgruppen-optimiert gecastet. Und die Musik? Bei der ist es am schlimmsten. Billigst zusammengeschusteter KI-Slop und als solcher noch nicht mal auf Anhieb erkennbar. Massen von zusammengepfuschtem Urheberrechts-Diebesgut überschwemmen die Streaming-Portale. Und die Algorithmen, die dies – zumindest bei manchen Anbietern – verhindern sollen, werden der Lage nicht mehr Herr. Authentizität? Am Arsch. Willkommen bei Holgers Kulturpessimismus-Rant.
Doch zum Glück gibt es zumindest bei der Musik einen von jedermensch ganz einfach durchführbaren Lackmustest: Nur das, was gerade jetzt von echten Menschen in deinem Beisein produziert wird, ist echt. Schau den Musiker:innen auf die Finger und die Münder. Ist das, was du siehst, auch das, was du hörst? Glückwunsch! Du wirst gerade Zeuge von authentischer Live-Musik!

Und damit ein wesentlich herzlicheres Willkommen beim Konzert von Knipsen in der Heslacher Kneipeninstitution Ritterstüble!
Aufmerksame Leser:innen wissen, hier am Bihlplatz gibt es immer am zweiten Mittwoch im Monat Livemusik. Und zwar von der Art, wie sie nur selten in Eckkneipen zu finden ist. Von Rembetiko über Cello-Avantgarde (mit modernem Ausdruckstanz!) bis zu Punk, Ska, Jazz und Bluegrass hat hier schon alles stattgefunden. Je „unpassender“, desto besser. Heute ist also das Elektronik-Frickeltrio Knipsen zu Gast. Sogar schon zum zweiten Mal. Die drei Musikanten haben sich in die drei Ecken des Kneipen-Eingangsraums verteilt und freuen sich über jeden irritierten Nachzügler, der beim Betreten der Kneipe quasi mitten auf die Bühne stolpert.

Michael Fiedler, der eigentlich gerade mit seinem weltweit beachteten Projekt Ghost Dubs tourt, schiebt den Gig noch kurz vor seiner Reise nach Marseille ein und hat sich hinter einem Tisch voller Elektronik verschanzt. Carsten Netz hat seine Ecke mit Saxofon, Querflöte und Klarinette ausstaffiert und befindet sich ebenfalls hinter einer Vielzahl rätselhafter, blinkender Gerätschaften. Noch verwirrender ist, was Markus Merkle, der Dritte im Bunde, so treibt. In seiner Ecke findet sich ein Koffer voller Synthesizer-Module und Kabelsalat, eine verkabelte Stahlskulptur und andere Dinge, die eventuell aus seiner Küche stammen oder auch zur Rohrreinigung dienen könnten. Optisch irgendwo zwischen Intensiv-Station und Hacker-Werkstatt.

Als interessierter Zuschauer ist man eingeladen, sich zwischen all dem locker zu bewegen und ganz genau hinzuschauen, wo hier die Musik herkommt. Und die entwickelt sich erstmal ganz langsam. Gehauchte Saxofontöne werden verzerrt und verfremdet, knisternd-sphärische Geräusche kommen dazu. Irgendwann erscheint ein Bass-Drone in der organisch wachsenden Klanglandschaft. Die Rhythmen werden intensiver, synkopieren, überlagern und verschieben sich. Steve Reich meets schamanistische Tribal Beats. Bei den einen geht es ins Bein, bei anderen führt es zu meditationsähnlichen Zuständen. Ein Zuschauer hat sich mit einem Stuhl zwischen den Musikern postiert und versenkt sich komplett in der Musik.

Und wenn ich mir das skurrile Gesamt-Setting mal aus der Außenperspektive anschaue, frage ich mich kurz: Ist dies hier vielleicht gar nicht, wonach es aussieht? Befinden wir uns hier eventuell in einer avantgardistischen Kunstinstallation mit Live-Performance, die uns zu ahnungslosen Mitspielern macht? Wird diese absurde Anordnung gerade aufgezeichnet und demnächst in einer coolen Galerie bei Häppchen und Schampus als „Installation mit Experimentalmusik und Raucherkneipe“ präsentiert? Hat Markus Merkle, der eigentlich bildender Künstler ist und einen verdächtig ironischen Gesichtsausdruck erkennen lässt, sich hier einen raffinierten Coup ausgedacht? Kurz schaue ich mich um, ob irgendwo Kameras hängen.

Aber nein, es ist nur hier und jetzt, es ist live, intensiv und ohne doppelten Boden. Die Songs – wenn man sie so nennen kann – verzichten auf klassische Strukturen und entstehen (vermutlich) zu einem guten Teil in spontaner Improvisation. Manchmal ruckelt es ein bisschen, doch nichts, was Fiedler durch etwas Magie am Mischpult nicht wieder in geordnete Bahnen lenken könnte. Auf meine Frage, ob die Zuschauer, die teils die Blickbeziehung zwischen den Musikern blockieren, nicht die Abstimmung stören, bekomme ich die gestische Antwort, diese sei nicht notwendig, man sei im Herzen miteinander verbunden. Zwinker.

Und so entwickelt sich ein sensorisch rundum einnehmendes Gesamtkunstwerk, in dessen Verlauf ich komplett das Zeitgefühl verliere. Waren es neunzig Minuten oder mehr? Keine Ahnung. Natürlich ist es nicht ganz so voll wie bei anderen Ritter-Gigs, aber dafür hat sich ein überaus aufmerksames Publikum eingefunden, das auf jegliches Geschwätz im Rückraum der Kneipe verzichtet. Und selbst die sonst ebenso herzlich wie lautstark agierende Theken-Crew hält sich zurück. Kurzum: Alles in allem ein wunderbares Statement für Echtheit und Menschlichkeit in Zeiten von Fake und Simulation. Ein Abend mit geradezu therapeutischer Wirkung für Kulturpessimisten. Wir sehen uns bei der nächsten Sitzung im März.


Schade, dass ich die ganze Woche erkältet wie Sau war und daher KNIPSEN leider verpassen musste.
Mir gefallen Deine kulturpessimistischen Auslassungen eingangs der Rezension. Wenn ich auf der Suche nach neuer Musik in Youtube blättere, hab ich auch den Eindruck, dass die Schwemme KI-generierter „Musik“ sich dort mittlerweile schon zu einer echten Flut ausgewachsen hat. Gruselig!