IGORRR, 06.02.2026, Stuttgart, Im Wizemann

Von allen Shows, die während der Pandemie-Zeit in Stuttgart zunächst verschoben bzw. gleich gestrichen wurden, hat mich die von Igorrr, geplant für den 11.02.2021, ebenfalls im Im Wizemann, mit am Härtesten getroffen. Das bereits vierte Album der Franzosen „Spirituality and Distortion“ war bereits 2020 erschienen. Noch heute wie damals war ich schwer begeistert von diesem Werk, und würde das Album als Einstieg direkt empfehlen, wer Bock auf einen krassen Stilmix aus Progmetal (das Frickelige) Deathmetal (die Shouts), Blackmetal (die Blastbeats), opernhaftem Gesang, Balkan Beats, orientalischen Einflüssen, Breakbeats, Streichern, Gameboy-Sounds und vielem mehr hat. Klingt zunächst nach „too much“, aber Mastermind Gautier Serre schafft es, aus den ganzen Einflüssen ein stimmiges Destillat zu kreieren. Meshugga meats Squarepusher, Aphex Twin, Mr. Bungle & Oizo.

Weltweite Touren auch durch die USA und Kanada sind mir bekannt. Gibt’s nicht gehäuft von Bands aus Zentral-Europa. Aber trotz ausverkauftem Haus heute, kennen die meisten Leute aus meinem Umfeld die Band nicht. Im Netz muss die Resonanz, auch die der Hater riesig sein, gibt es doch am Merch Klopapier zu kaufen, komplett bedruckt mit Kommentaren aus Social Media. Ein „Charles Bronson“ meldet sich zu Wort, und landet auf dem Klopapier „Just because you can do something doesn’t mean you should. I imagine this is what you’d get if you told Siri to make a YouTubevideo incoherent garbage that loosly resembles human ability“. Nett. „Mungenloo“ schreibt: „The „opera singer“ is garbage. Just find someone else. Live she was embarassing, but then again you guys couldn’t even keep time so ¯\_(ツ)_/¯“. Auch nett, und ist sie gar nicht.

Kaum 6 Jahre vergangen, das neue, ebenfalls starke Album „Amen“ im Gepäck, bekommen wir also endlich die Show in Stuttgart, meines Wissens die Erste überhaupt. Prominente Beteiligte an „Amen“ sind übrigens Trey Spruance (Mr. Bungle, Secret Chiefs 3, Faith No More), und Scott Ian (Anthrax), was die Augenbrauen heben sollte.

Wenig überraschend geht es mit dem ersten Stück von „Amen“ los, dem dämonischen „Daemoni“, ein Banger-Banger. Ein Album zurück, geht es mit „Nervous Waltz“. Zu den Streichern aus dem Keyboards dirigiert Herr Serre, der auch wirkt wie ein Maestro. Von den Keys wechselt er zur Gitarre und wieder zurück. Wenn es zu perfekt klingt, kommt es mir schon vor, als wären Parts „Pre-Recorded“ und werden von ihm in das Live-Setting mit eingebaut. Von einer weitgehenden Playback-Show, wie wir es zuletzt von Ministry in Karlsruhe ertragen mussten, ist das aber weit entfert.

„Camel Dancefloor“ ist ebenfalls von „Spiritual and Distortion“, man fühlt sich in ein orientalisches Theater versetzt. Rein instrumental. Die Vocals teilen sich die mir leider namentlich nicht bekannten Mitglieder – ein Mann für die Shouts, eine Frau die mutmaßlich auch den Operngesang auf den Alben einsingt. Ungewöhnlich für mich, mir eine Show anzuschauen, wo jemand wirklich singen kann. Das klingt nach Gesangsstudium. Dieser „Mungenloo“ hat doch keine Ahnung dieser Troll.

Bei „Downgrade Desert“ kommen beide zum Einsatz, ein Hin-und Her zwischen Death-Metal-Growls und ihrem Gesang – wow. Die Hits kommen alle, Igorrr müssen nicht aufgefordert werden zu „Shut up and play the hits“, diese kommen wie an der Perlenkette.

Sogar „Polyphonic Rust“, kein schneller Banger, aber Monster von einem Track, der Stärkste von „Spirituality & Distortion“. Während der Performance passiert im Publikum nicht viel, weil alle staunen ob der meisterhaften Inszenierung, des Windens der Sängerin, das Einbauen von Harmonien. Mit der Beste Moment der Show.

Wow, was ein Ritt. Nach dem letzten Track wird die Band wirklich ungewöhnlich hart abgefeiert. Mehr als eine Metal-Show, Theater, Oper, Rave, alles dabei. Das Im Wizemann scheint in Tourplanungen der Band eine Rolle zu spielen. Wer heute draußen bleiben musste tut mir leid, bekommt aber hoffentlich eine weitere Chance.

