DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Franz K, Reutlingen

DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Frank K, Reutlingen | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Mit diesem Karriere-Move hätte ich nicht gerechnet, aber dass Derya Yıldırım & Grup Şimşek vom nicht genug zu lobenden Global Beat-Label Les Disques Bongo Joe letztes Jahr zu den New Yorker Soul-Spezialisten Big Crown gewechselt sind, freut mich doch sehr. Chef von Big Crown ist Leon Michels aka El Michels Affair, der das neue Album des türkischen Projekts aus Hamburg auch gleich produziert hat.

Vor diesem erfreulichen Hintergrund macht sich am Sonntagabend eine beachtlich große Delegation Stuttgarter Musikliebhaber*innen auf den Weg nach Reutlingen ins Franz K – das unerwarteterweise mit 300 Gästen proppevoll ist. Auch mit zahlreichen Menschen, die ich zur türkischen Community rechnen würde, überwiegend scheinen mir die Leute aber schwäbischer Herkunft zu sein, was in Zeiten eskalierenden Rechtsrucks an sich schon eine gute Sache ist.

DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Frank K, Reutlingen | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Auch dass die komplett auf Türkisch gesungene Musik in einem solchen Rahmen so toll funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein schlagender Beweis für die Weltoffenheit der Menschen, auch wenn eine Minderheit Ewiggestriger anderes suggeriert. Das Konzert der Hamburgerin mit anatolischen Wurzeln und ihrer international besetzten Band macht auch als starkes Zeichen für Integration und Multikulturalität von Anfang an größten Spaß und nimmt das begeisterte Publikum mit Herz und Hüfte mit. Und das, obwohl die erste Konzertstunde noch recht verhalten verläuft. Die Musik ist weder schnell noch partytauglich, dennoch entsteht von Anfang an ein subtiler Groove in höchstens mittlerem Tempo. Ohne Showeffekte oder besondere Oberflächenreize wird hier unaufgeregt und höchst intensiv musiziert. Die meisten Songs sind oder basieren auf anatolischen Volksliedern, klingen aber vollkommen zeitlos. Dass Derya Yıldırım eine extrem ausdrucksstarke und stimmlich präsente Sängerin ist, hat sich augenscheinlich herumgesprochen. Auch ihre virtuose Technik auf der türkischen Langhalslaute Bağlama lässt ein ums andere Mal staunen. Teils mit den Fingern gepickt, teils mit einem kleinen Plektrum gespielt, entlockt sie dem eleganten Instrument mit der nahöstlichen Klangfärbung mitreißende und hypnotische Linien von größter Perfektion.

DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Frank K, Reutlingen | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Dabei steht die Chefin keineswegs im Vordergrund, denn ihre Band ist wie schon vor gut drei Jahren im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen von atemberaubender Klasse. Gitarrist/Bassist Antonin Voyant auf Frankreich beeindruckt mit lässiger Nonchalance und punktet mit klassischem Blaxploitation-WahWah. Auch sein elastischer E-Bass sorgt für flüssigen Drive. Die Basslines werden aber auch immer wieder von seinem Landsmann Graham Mushnik locker mit der linken Hand auf dem Keyboard gespielt – während er mit der rechten abwechselnd die klassischsten Tastensounds fließen lässt: Hammond, Farfisa und Moog. Vor allem letzteres verleiht den nahöstlichen Harmonien einen traumhaft psychedelischen und angenehm hippieseligen Seventies-Space-Vibe.

DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Frank K, Reutlingen | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Schon beim letzten Konzert beeindruckte mich Drummerin Helen Wells aus Südafrika mit ihrem einzigartigen Groove ganz besonders. Habe selten jemanden so feinfühlig trommeln sehen. Oft nur mit Hi-Hat, Snare und angetupfter Bassdrum zaubert sie einen für mich völlig faszinierenden Beat. Die Snare ist an sich ja ein recht derbes und aufdringliches Instrument, das halt den Beat vorgibt – hier entstehen dagegen hingetropfte Soul- und TripHop-Beats und zarteste Rimshots, die aber nie ihre zwingende Gradlinigkeit verlieren.

Dass diese formidablen Musiker*innen so großartig zur Geltung kommen, liegt auch am makellosen Sound im wie gesagt sehr gut gefüllten Franz K. Die Klasse der Darbietung lässt sich vielleicht auch daran erkennen, dass es während der Songs fast mucksmäuschen still im Publikum ist, nach Songende der Applaus aber umso lauter tost.

DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Frank K, Reutlingen | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Nach einer Stunde feinster Pretiosen der milde angespaceten anatolischen Folklore beschleunigt die Band im letzten Konzertdrittel dann doch nochmal ein gutes Stück, was mit schwingenden Hüften und textsicher mitgesungenen Passagen des muttersprachlichen Teils des Publikums belohnt wird. Zu meckern gibt es hier gar nichts, ich sehe ausnahmslos begeisterte Gesichter und der Run auf den Vinyl-Merch ist daher auch keine Überraschung.

Fazit: Grandiose Band in einer ganz feinen Location mit sehr netten und engagierten Macher*innen, High-End-Sound, Sitz- und Stehplätzen in angemessener Relation sowie leckerem regionalem Bier zu höchst fairen Preisen. Irgendwie fehlt sowas in dieser Größe in Stuttgart.

DERYA YILDIRIM & GRUP ŞIMŞEK, 08.02.2026, Frank K, Reutlingen | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.