JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
Foto: Reiner Pfisterer

Für den geneigten Gig-Blog-Leser ist Julian Knoth mit Sicherheit alles andere als ein Unbekannter. Als Bassist bei Die Nerven ist er Mitglied einer der besten Bands Deutschlands. Zahlreich sind seine anderen Musikprojekte, wie unter anderem das Peter Muffin Trio, Yum Yum Club und Njelk. Vor circa sechs Jahren begann Knoth während der Corona-Pandemie, Songs auf der akustischen Gitarre zu schreiben, die perfekt für die Realisation eines Soloalbums waren. Letztes Jahr erschien dann sein Solodebüt „Unsichtbares Meer“. Ein Album der Introspektion, roh und direkt. Heute Abend präsentiert er es nun im Rahmen des Pop-Freaks-Festivals im Merlin vor vollem Haus.

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Als Support treten Yeastweise als Duo auf. Seonha Park und Jerry Ahn an Gitarre und Bass sind uns bereits als Mitglieder des Musikerinnen-Kollektivs Horizontaler Gentransfer bekannt, das sich 2022 an der Kunstakademie Stuttgart gegründet hatte.

Die Bühne des Merlin ist heute bestuhlt, was klar macht, dass wir heute Abend ein Konzert der etwas anderen Art erleben werden. Seonha Park und Jerry Ah nehmen kurz nach 20 Uhr Platz und starten ihr Set mit leisen, ja geradezu zurückhaltenden Tönen, die weit vom dadaistisch-eklektischen Pop-Punk-Sound ihres Kollektivs entfernt sind. Und der Beginn wird laut Ansage auch Programm für den gesamten Auftritt des Duos sein, da sie ohne Jannik Morgana am Schlagzeug am Start sind. Feinster Singer/Songwriter-Pop ist das, was uns hier dargeboten wird, und der trotz der ruhigen und balladesken Ausrichtung erstaunlich dynamisch ist. Der gefühlvolle Gesang wird durch dezent eingesetzte Dissonanzen kontrapunktiert, die mich kurz an das Gitarrenspiel J Mascis‘ der Indie-Band Dinosaur Jr. erinnern, was für einen interessanten Spannungsaufbau sorgt.

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Ich bin begeistert darüber, was für komplexe Stimmungsbilder Park und Ah in dieser minimalistischen Besetzung zu erzeugen wissen, die bis zu melancholisch-sphärischen Klangräumen mit dezenter Sigur-Rós-hafter Atmosphärik reichen. Träumerische Melodien verführen zum rettenden Eskapismus, und wie heißt es dann auch:

„Uns geht es gut, die Welt ist scheiße, aber uns geht es gut“

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Nach 20 Minuten wird mit „Cats And Dogs“ – für das dazugehörige Video unter der Regie von Lloyd Marquardt haben Yeastweise vor kurzem den Buggles Video Award 2026 gewonnen – leider auch schon der letzte Song performt. Mit Hundegebell und dem bereits erwähnten dadaistischen Einschlag, für den die Künstlerinnen ja bekannt sind, wird es dann auch leicht schräg, humorvoll und experimentell, was sich aber trotzdem erstaunlich gut in das Gesamtset einfügt. Ein ausgesprochen schöner und stimmungsvoller Auftakt des Konzertabends.

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Als die ersten Takte des Titeltracks von Julian Knoths Album aus den Streichinstrumenten seiner Begleitband erklingen und wohlig umhüllen, wähnt man sich in einem Kammerkonzert. Großartig, was für ein musikalisch vielfältiger Künstler Knoth doch ist.

Julian setzt mit seiner Akustikgitarre und introvertiertem Gesang ein, stille Melancholie erfüllt den Raum.

„Kein Lied
Kein Lied das mich berührt
Kein Lied
Einsam war der Tag und einsam fing er an
Halt mich an meinem Atem fest
Die Stille kam heut früh“

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Andächtig still ist es im Merlin und das Lied berührt! Berührend schön, ohne auch nur im Entferntesten kitschig zu sein. Wahrhafte Gefühle, die musikalisch transportiert werden und bewegen. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Julian Knoth auch berührt ist, als er Publikum, Familie, Freunde und Bekannte begrüßt, den Leuten vom Merlin dankt und einfach überwältigt vom ausverkauften Haus ist.

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Und überwältigt bin ich von den einfach nur wunderbaren Klangräumen, die Louise Engel am Cello, Charlotte Oelschlegel an der Bratsche und Johannes Mirwald an der Geige zu erzeugen wissen; das ist zutiefst schön, was die drei Streicher*innen an musikalischen Kleinoden zaubern. Preziosen, die zwischen ephemerer Leichtigkeit und durchdringender Rhythmik changieren. Geradezu zärtlich fließen dazu Knoths Songs in den Äther, pure Gefühlsfragmente aus Melancholie und Nachdenklichkeit, um dann ohne Vorwarnung von einem ekstatischen Urschreiausbruch kathartisch zerlegt zu werden.

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Aber Julian Knoth ist nicht nur ein überzeugender Musiker, er zeigt durchaus auch Qualitäten eines Entertainers, wie er launig, witzig und ironisch erzählt; vom Touren mit der Deutschen Bahn (bitte den Merch kaufen, damit man nicht ständig diese schweren Bandshirts schleppen muss), vom Fahren mit der Wuppertaler Schwebebahn (so was bräuchte man in Stuttgart und sollte er Oberbürgermeister werden, dann lässt er eine bauen, wollen wir aber mal hoffen dass er seine Musikerkarriere erstmal fortsetzen wird, bevor er in die Politik geht), er weiß unprätentiös zu unterhalten.

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Doch trotz der unterhaltsamen Leichtigkeit, die Julian immer wieder zeigt, stehen die Ernsthaftigkeit der Musik und die Tiefe seiner Texte im Vordergrund.

„Wir werden nie mehr einsam sein
und nie nie wieder allein“

(aus „Nie wieder allein“)

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Ein Song, der in seiner Repetition ergreifend ist, und durch die hymnische Melancholie scheint der Funken der Hoffnung. „Morgen fängt der Ernst des Lebens an“ singt Knoth zum Abschluss:

„In meinem Herzen brennt immer Licht
Brennt immer Licht nur sehen kann ich’s nicht“

Zur Zugabe blitzt die Discokugel, die Drum-Machine wird auf laut gedreht , Seb Urquell erzeugt mit seinem Keyboard einen catchy Siebziger-Discosound und wir stellen uns vor, wie Julian Knoth auf einer relaxten Welle sich crowdsurfend ins unsichtbare Meer verabschiedet.

JULIAN KNOTH, YEASTWEISE, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Reiner Pfisterer
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Julian Knoth

Yeastweise

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