LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 30.01.2026, Merlin , Stuttgart

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Wenn ich mir das Video „Not Again“ von Lobsterbomb, die sich 2020 in Berlin gründeten, anschaue, dann bekomme ich richtig Konzert-Lust; der Clip transportiert eine unbändige Energie und einen großen Spaß an einem direkten, schnörkellosen Punkrock-Sound. Das klingt nach Moshpit, guter Laune und Bier und nach einer guten Zeit. Also die perfekte Beschallung, um in das wohlverdiente Wochenende zu starten. Als Support ist die Stuttgarter Band Endstation Sanifair am Start, die einigen bereits durch das letztjährige Klinke-Festival des Merlins bekannt sein dürfte und die Gig-Blog-Kollegin damals zu begeistern wusste.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Endstation Sanifair zeigen Understatement, ist doch hinter dem Drumset kein Banner mit dem Bandnamen angebracht, ein nur kaum wahrnehmbarer Notizzettel mit ebendiesem tut es wohl auch; sehr sympathisch! Ziemlich erstaunt bin ich von den ersten Takten der drei Musiker*innen. Lärmende Gitarrenfeedbacks im Stile von Sonic Youth ertönen und blasen meine Gehörgänge ordentlich durch, das hatte ich in dieser Intensität nicht erwartet. Endstation Sanifair lassen sich eindeutig in den Neunzigern verorten, angesiedelt irgendwo zwischen Grunge, College-Rock und Riot Grrrl. Mitsingbare Harmonien treffen auf durchdringende Rhythmen und Noise-Elemente, die aber nicht nur ohne Umwege nach vorne gehen, sondern auch von einem Fundament aus einnehmender Melancholie getragen werden, wie beim Song „3 Meter Brett“. Diese Mischung aus emotionaler Authentizität und chaotischem Lärm macht richtig Laune, und das nicht nur mir. Dem zahlreich anwesenden Publikum gefällt’s ebenso.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Doch bei all dem Spaß gibt’s auch ernste Töne vom Schlagzeuger Johannes, der das Thema „Sparhaushalt“ anspricht, unter dem viele Kultureinrichtungen und Kulturschaffende, bedingt durch die teilweise drastischen Einsparungen, zu leiden haben. Eben auch Orte wie zum Beispiel das Merlin. Man kann gar nicht genug erwähnen, was für eine gesellschaftliche Bedeutung Kulturorte haben, wie diese eine Gesellschaft ausmachen und definieren. Sein Appell: Geht mehr auf Konzerte unterstützt Künstler*innen und Einrichtungen. Ich möchte hinzufügen: Geht vor allem zu kleineren Bands, in kleinere Locations, und nicht nur ein oder zweimal im Jahr auf ein großes Hallenkonzert oder auf ein großes Festival, wo überwiegend die Einkommensmillionäre auftreten. An Orten wie hier, oder auch auf Festivals wie dem „About Pop“ findet der direkte kulturelle Austausch statt und man hat auch noch den unmittelbaren Kontakt zu den Künstler*innen.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Ich möchte darüber hinaus aber auch noch den wirtschaftlichen Aspekt ansprechen, da doch wirtschaftliche Überlegungen bei den Sparmaßnahmen wohl eine entscheidende Rolle spielen. Hier beziehe ich mich auf eine Studie zum subventionierten Museumsbetrieb (ich denke, dass sich ähnliche Effekte auch in anderen Bereichen der Kultur zeigen), vom „Institut für Museumsforschung“, das zeigt, dass jeder investierte Euro, über die Wertschöpfungskette wieder mehr an die Kommunen zurückfließt (Quelle: Art-Magazin 9/2025). So, jetzt aber genug über aktuelle Kulturpolitik gesprochen, und zurück zum großartigen Konzert.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Der nächste Song wird mit den Worten angesagt, dass er wohl etwas peinlich sei, da es sich um ein Cover der Band „Glasperlenspiel“ handelt. „Ich wünsche mir noch ein geiles Leben“ und das muss absolut nicht peinlich sein, der Kitschsong wird von Jelenas Gitarre, Johannes Drumming und dem Bassspiel von Viktor, ordentlich und musikalisch sehr fein, zerlegt. Mit dem letzten Song „Stuttgart“ geht das Konzert im energetischen Furor zu Ende.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Ebenso furios beginnen „Lobsterbomb“. Was für eine Energie und was für ein Tempo, das die drei Berliner*innen auf die Bühne bringen und ins Publikum branden lassen! Die Bühnenpräsenz von Nico Rosch (Gesang, Gitarre), Vic Chi (Schlagzeug) und Crayon Jones (Gitarre, Gesang) ist überragend, hier sind echte Performer am Start. Echte Exaltiertheit und massiver Körpereinsatz, besonders von Nico, wie man es nur selten findet. Glamouröser Postpunk, wie man ihn von Bands aus den Achtzigern kennt, „Siouxsie And The Banshees“ fallen mir spontan ein. Musikalische und Bühnenqualitäten des Trios sind auch international schon aufgefallen, durften sie doch schon in Berlin im Vorprogramm von „Duran Duran“ vor 12.000 Menschen spielen und Sänger „Simon Le Bon“ outete sich als Fan.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Textlich reflektieren „Lobsterbomb“ unsere fast schon dystopisch anmutende Realität in all ihren Facetten, von Social-Media-Scheinwelten, Verwerfungen im Politischen und der Arbeitswelt, bis hin ins Private, wie zum Beispiel toxische Beziehungen. Musikalisch mit einem Noise-Garage-Punk-Sound umgesetzt, der einen den Mund offenstehen lässt. Hier ist nichts glattgebügelt, das ist rohe, pure Energie, die sowohl den Musiker*innen als auch dem begeisterten Publikum, den Schweiß aus den Poren treibt. Besonders rau ist die Musik durch das Fehlen des Basses, was aber, Dank des intensiven Drummings von Vic Chi, der Rhythmik keinen Abbruch tut; der Sound geht direkt in den Magen.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

„Overstimulated“ ist der Titel eines Songs, und der Name ist Programm: Die Stimulierung ist mehr als intensiv, eine Reizüberflutung aus Lautstärke, geilen Riffs und wavigem Glitter, und die Menge singt mit: „Oh Oh Overstimulated“. Yeah, so geht Punkrock! Ein Schlagzeug- und Gitarrengewitter vom Feinsten!

Die Grundstimmung der Musik „Lobsterbombs“ ist durchaus dunkel, ohne jedoch einer hoffnungslosen dystopischen Stimmung zu verfallen. Ganz im Gegenteil: Die Düsternis unserer Gegenwart wird in einer reinen künstlerischen Energie aufgelöst; Tanzen mit ernstem Spaß gegen die Endzeit. Eine euphorisierende Punk-Party galore, die Kommunikation mit der Menge sympathisch schnoddrig und mit Ironie garniert.

LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 31.01.2026, Merlin , Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Zum Schluss werden zwei kurze Highspeed-Klopper rausgehauen, bei denen Nico Rosch noch einmal alles gibt und in bester „Iggy And The Stooges“ Manier gesanglich und körperlich alles gibt. Eine ebenso mitreißende Zugabe folgt, die ein erschöpftes und glückliches Publikum hinterlässt. Puh, was für ein Konzertabend.

Lobsterbomb

Endstation Sanifair

2 Gedanken zu „LOBSTERBOMB, ENDSTATION SANIFAIR, Pop Freaks, 30.01.2026, Merlin , Stuttgart

  • 3. Februar 2026 um 19:28 Uhr
    Permalink

    Danke für die sehr umfangreichen „Berichte“<3.
    Bei Rosa Anschütz und Lobsterbomb, deren Rezessionen ich zu 100% teile, war ich noch mit dabei. Bei Julian Knoth musste ich leider leider passen wg. der ebenfalls sehr tollen "Anteile" im Trafikcafé "Hamburg-Süd" (oder auch Kemnat genannt;-). So konnte ich wenigstens nachlesen, wie toll es im Merlin war und hatte dann nicht mehr so sehr das Gefühl, etwas verpasst zu haben, sondern war auf Gig-blog-Art doch irgendwie mit dabei…

  • 7. Februar 2026 um 10:56 Uhr
    Permalink

    Hi.
    Ja. Genau.
    Aus der Ferne kam es mir ebenso vor.
    Hatte leider am 31. keine Chance, nach S. zu fahren.
    Hatte daher – schon lange – das Eeeevent diversen
    Freunden empfohlen –
    die sich nach der Lektüre Eures Beitrags Jetz’in’Hintern beissen, weil sie nicht auf mich g’hört ham…

    Lobsterbomb hab ich schon mal in München gehört, draussen am theatron. Waren da schon gut, aber haben das Publikum damals nicht sooo mitgerissen, beim open air am Sommerabend. ..

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