SLIME, THE EXPLOITED, ERECTION, 24.01.2026, Im Wizemann, Stuttgart

Zwei Punk-Legenden zum Preis von einer zwei, dazu ein Support, der bereits 2023 großen Spaß gemacht hat. Kein Wunder, dass die Halle des Im Wizemann komplett ausverkauft ist. Wie zu erwarten, haben sich (fast) alle Altpunks Stuttgarts und der Region versammelt und stehen in langen Schlangen vor dem Eingang. Als die Regensburger Kombo Erection Punkt 19 Uhr den Abend eröffnet, ist die Halle leider erst zur Hälfte gefüllt. Die noch draußen Stehenden verpassen eine Powerpunk-Band, die aus dem Stand auf Vollgas ist.

Frontfrau Julia Melzer sprintet von einem Ende der Bühne zum anderen, die Mitmusiker lassen keine Rockpose aus. Textlich gibt sich die Band trotz des spaßigen Auftritts durchaus kritisch. Einen Song zum Thema „Gewalt gegen Frau“ widmet die Frontfrau allen Arschlochmännern, von denen sicher heute auch einige da seien und zum Thema „Menschenwürde“ rät sie allen, mal ihren Umgang mit Obdachlosen zu überprüfen. Deren Leben kennt sie aus eigener Erfahrung, war sie doch selbst einige Jahre auf der Straße. Ein rundum gelungener Auftritt, der mit vierzig Minuten für einen Support auch recht üppig ausfällt.

Doch machen wir uns nix vor: Die allermeisten sind heute aus nostalgischen Gründen hier, schließlich sind zwei Bands im Angebot, deren Legendenstatus unbestritten ist. Seit fast 50 Jahren stehen The Exploited auf der Bühne, und diese entert Gründungsmitglied und Frontmann Wattie Buchan mit seinen fast 70 Jahren, nacktem Oberkörper und ikonischem Iro erstaunlich dynamisch. (Vor allem, wenn man bedenkt, dass er schon zwei Herzattacken, darunter einen veritablen Infarkt auf der Bühne erlitten hat.)

Mit hohem Tempo, teilweise schon fast Richtung Hardcore, geht die Band zu Werke. Hier ist nichts subtil oder raffiniert, hier wird einfachster Punkrock mit immer gleichen Akkordfolgen rausgeballert. Aber das ist auch exakt das, was das Publikum erwartet und spätestens beim Klopper „Fuck the USA“ auch vielstimmig mitgrölt. (Angesichts der aktuellen Weltlage allerdings auch dringend nötig). Das gut einstündige Set beinhaltet fast alle Hits – und die Exploited-Fans, die wohl den größeren Teil des heutigen Publikums ausmachen, voll zufriedenstellen dürfte. Zumal der Merch der Schotten wirklich erfreulich günstig ist und man sich mit genug Erinnerungsstücken eindecken kann.

Da ich die Hamburger Punk-Legende Slime zum ersten Mal überhaupt sehe, muss ich mich gar nicht erst mit dem Vergleich vom neuen zum alten Sänger beschäftigen. Tex Brasket ist ein unfassbar präsenter und mitreißender Frontmann, der den Laden sofort im Griff hat. Mit seiner rauen Stimme gibt er dem Sound zwar eine deutliche Rock-Note, aber musikalisch und inhaltlich ist das reinster, teils politischer, Punk. Textlich eher simpel und Klopper wie „A.C.A.B.“ mögen die Stimmung in der Crowd ja heben, durch besondere inhaltlich Tiefe zeichnen sie sich aber nicht gerade aus. Spätestens beim Klassiker „Alle gegen alle“ gibt es kein Halten mehr, Moshpit und Crowdsurfen geben der Security ordentlich zu tun. Und das bei einem Publikum, das im Durchschnitt wohl eher fünfzig als vierzig sein dürfte.

Die Titel vom aktuellen Album „3!+71“ werden dabei kaum weniger frenetisch aufgenommen werden, obwohl ich im teilweise doch arg konventionellen Punkrock eine gewisse Tote-Hosen-Haftigkeit spüre. Die Performance ist aber derart kompakt und die alten, härteren Titel gut verteilt, sodass das Set keine Tiefen hat. Mit zwei Titeln an der Akustikgitarre endet der offizielle Teil des Konzerts. Und wo es in Lindau eine Woche vorher noch fünf weitere Titel gab, wird hier sofort mit der (ebenfalls verkürzten) Zugabe begonnen, in der die Publikums-Lieblinge „Linke Spießer“, „Störtebeker“ und „Religion“ für ein furioses Finale sorgen.
