ROSA ANSCHÜTZ, Pop Freaks, 23.01.2026, Merlin, Stuttgart

Schwer zu fassen ist die musikalische Arbeit der 1997 in Berlin geborenen Künstlerin Rosa Anschütz. Das erste Instrument, mit dem sie in Berührung kam und das sie erlernte, war das Klavier, Querflöte und Trompete kamen hinzu. Anschütz spielte in einer Bigband und kam später mit elektronischer Musik in Berührung. Die besten Voraussetzungen also, um nicht in einem musikalischen Genre zu erstarren, sondern offen unterschiedlichste Einflüsse aufzusaugen und in etwas wirklich Neues zu verwandeln, ohne jedoch in allzu avantgardistische Sphären des rein Konzeptionellen und nur schwer Hörbaren abzuschweifen. Rosa Anschütz bleibt trotz aller Experimentierfreude stets nachvollziehbar und auch tanzbar.
Letztes Jahr erschien ihr Album „Sabbatical“, das mit einem Sound zwischen Darkwave und fast schon poppigen Elementen zu überzeugen wusste und durchweg gute Kritiken bekam. Musik, die perfekt in das Programm des feinen Pop-Freaks-Festivals des Merlin passt.

Gespenstisch dunkel ist es im sehr gut gefüllten Merlin, nur spärlich beleuchtet von monochromen Naturprojektionen, eine geradezu unheimliche Stimmung erfüllt den Raum vor der Bühne. Als Rosa Anschütz mit ihrem ruhigen und doch durchdringenden Gesang und Kevin Kuhn mit einem atavistisch ritualisierten Drumming einsetzen, herrscht gespannte, konzentrierte Aufmerksamkeit im Publikum; Stille, volle Konzentration. Willkommen zum Sabbatical, Zeit für Reflexion und für technoide Riten zum Zelebrieren des Jetzt. Eingesponnen in einem Kokon aus New- und Cold-Wave kann man sich diesem nicht entziehen.
Die tiefe, eindringliche Stimme von Anschütz und ihr wandlungsfähiger Gesang, der von rezitierendem Sprechgesang, flehentlichem Hauchen und wunderschönem Harmoniegesang reicht, erschaffen eine hypnotisierende Atmosphäre. Dazu Kuhns Spiel, welches fein nuanciert und gleichzeitig extrem intensiv ist, dominiert den Gesamtsound und die Sensibilität der Musik aber zu keiner Zeit und ist doch weit mehr als reine rhythmische Erdung. Das ist schon ziemlich großartig.

Assoziativ ist die Musik, (innere) Bildwelten evozierend, die irgendwie seltsam vage bleiben, ambig; etwas, das wirkliche Kunst auszeichnet. Träumerische Introspektion und Poesie treffen auf entschlossene Beats, die zum Tanzen verführen. Ein Poem, eindringlich rezitiert, über ihr halb gebrochenes Herz, gefolgt von treibendem, schwarzem Techno, mit dem der Schmerz exorziert wird. Diese geradezu beschwörende musikalische Darbietung wir durch Anschütz Bühnenperformance, die ausgesprochen expressiv ist, ohne jedoch ins Overacting zu kippen, zum Gesamtkunstwerklichen Ganzen.
Hier sei erwähnt dass, sich Rosa Anschütz 2017 an der Universität für angewandte Kunst eingeschrieben hatte, um transmediale Kunst zu studieren.

Nach einer Stunde sakraler Melancholie und bassiger Körperlichkeit, die mich und das Publikum in einen ganz eigenen Klangkosmos transferiert hat, meint Kevin Kuhn, dass er nun gerade erst warm werden würde. Sollen wir noch mal von vorne anfangen? Das begeisterte Publikum wäre auf jeden Fall dafür. Zwei Songs werden zum Glück noch dargeboten. Mit dem wunderschön ätherischen „Swan Song“ gibt es bittersüße Melancholie, beschienen von Handylampen, zum Abschied.
„I shut my heart from anger
Because i couldn’t make the space
It is not that i wouldn’t keep your secrets
I thought i’m someone you could tell
Turn around
There’s always a way“
(aus „Swan Song)
Dem tosenden Applaus sei Dank, kommen Anschütz und Kuhn noch einmal für zwei Zugaben auf die Bühne, bevor dann dieser großartige Konzertabend, der mit Sicherheit noch länger nachhallen wird, zu Ende ist.
