TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Wenn man schreibend für diesen Blog tätig ist, neigt man oft zu starker Kategorisierung, um etwas so Emotionalem wie Musik eine einigermaßen griffige Ordnung verpassen zu können. Man kann das natürlich problemlos auf andere, Konzertbesuche betreffende Angelegenheiten ausdehnen. Reizthema heute Abend: Sind 75 Minuten lang genug für einen Konzertabend ohne Vorband? Zumal man ja extra den Aufwand aus Stuttgart zu kommen auf sich genommen hat. Oder ist es gerade deswegen ok, weil man dann nicht riskiert um 3 Uhr nachts an einem Werktag übermüdet im Wald zu landen? Meine 2 Cents neigen zu kürzeren Abenden. Wären die Stühle auf der Tribüne heute etwas gemütlicher gewesen, hätte mich heute aber auch ein 2 Stundenkonzert nicht gestört. Das Repertoire dafür haben Tortoise. Meinungsstarke, den Meinungskorridor verengende Mitblogger (die sog. „Falken“ der Redaktion) sehen das anders.

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
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Wundern wir uns noch ca. viertel vor Acht wie spärlich das Konzert besucht ist, wundern wir uns Schlag Acht mit Konzertbeginn warum der Saal dann jetzt doch proppenvoll ist. Spezialwissenschaft: die Physik und Dynamik von Konzertbesuchen. „Night Gang“ ist der von Anfang an soundtechnisch bestens ausgesteuerte Opener, und gleich ein Song aus dem neuen Album „Touch“. Mein letztes Tortoise-Konzert dürfte ein Vierteljahrhundert zurück liegen, ungefähr aus der Zeit stammt auch das letzte Album der Band „Standards“, das ich mitbekommen habe. Und trotzdem ist der alte Vibe gleich wieder da. Das schwebend-fließende der Musik, das skizzenhaft wirkende, das nicht kategorisierbare. Ja die Rhtythmus-Gitarre spielt eine dem Reggae zaghaft entlehnte Offbeat -Begleitung. Ja jeder Snare-Schlag hallt nach wie man es von Dub-Platten kennt. Und ja natürlich ist das aber kein Reggae-Dub.

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
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Von dem Jeff Parker ersetzenden Mann an der Gitarre und McCombs an Bass und Bass-Gitarre abgesehen, wechseln die anderen Musiker gewohnt die Instrumente. Keyboards, Vibraphon, Xylophon, zwei Schlagzeuge, es steht ja auch genügend Instrumentarium auf der Bühne herum. Nach „Monica“ dürfen zwei Schlagzeuge eine Art Samba-Battle als Fundament auslegen, aber natürlich haben wir es bei „In Sarah Mencken, Christ And Beethoven There Were Women And Men“ – als Instrumentalband kann man die Songs ja nennen wie man will – nicht mit einem Samba zu tun. Hingegen klingen diese letzten zwei Songs wie ein Retrosoundtrack zu einem Südseeinsel-Clip, ein wenig wie Takanaka-Songs, die man aber nicht richtig fokussieren kann. Dekonstruierter Softrock, bei dem beim Wiederzusammensetzen absichtlich die Refrains vergessen wurden.

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
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Kategorisieren ist also ein Ding der Unmöglichkeit bei Tortoise. Weiteres Merkmal: Akkorde und Melodien lassen einen gerne ins Leere laufen. Das Ohr sucht nach einem Anker, findet aber nichts. Manchmal kommt es mir vor, als würde die Band ständig um einen nie präsentierten Kern herum spielen. Das erzeugt bei mir oft Momente reinster musikalischer Magie. Wenn es aber für längere Zeit allzu ruhig wird („Works And Days“ oder „Promenade À Deux“), wandert meine Aufmerksamkeit dann aber doch weg von der Bühne, hin zu dem blendend wie drei Mittagssonnen hell strahlendem Display des Nebensitzers, der natürlich ständig schauen muss, wie es denn beim VfB steht (in Karlsruhe zu allem Überfluss) oder den Wikipedia-Artikel zu Tortoise studieren.

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
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Magisch ist „Ten Day Interval“ mit seinen Zusammenspiel von Vibra- und Xylophon. Ein melancholisches Juwel, das mit seinem repetitiven Minimal Music Touch hypnotisiert. Außerdem erinnert es mich ganz grob vom Ding her an „Waiting Man“ von King Crimson, und dann schwingt eben noch ein wenig Vorfreude auf die die im Sommer kommende Tournee von Beats beim Hören des Tortoise-Song mit. Jazzig ohne Jazz zu sein ist hingegen das fabelhafte „Oganesson“.

Absolut faszinierend für mich mit welcher Selbstverständlichkeit und Lockerheit die Songs in einer meisterhaften Präzision gespielt werden. Zumal es sich bei den Herrschaften ja meist um Leute mit einem Hardcore-Hintergrund handelt. Man mag es nicht glauben, v.a. wenn man die Schlagzeuger beobachtet. Als wäre die Gravitation rund um die Drums nur ein Zehntel so stark.

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
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Das begeisterte Publikum bekommt noch Zugaben. Für mich ragt da natürlich „I Set My Face To The Hillside“ von dem quasi Hit-Album „TNT“ heraus. Der Spaghetti-Western Anstrich sorgt aber natürlich nicht gleich dafür, dass es sich um einen verloren geglaubten Morricone-Track handelt. Vielmehr schimmern auch artverwandte Bands wie Stereolab oder High Llamas durch den Song durch. Um halb zehn lassen uns die Chigagoer aus ihren Genre-Irrgarten wieder hinaus. Und ob zu lang, zu kurz oder genau richtig ist am Ende dann auch ziemlich Wurst. Denn in erster Linie sind Tortoise eine einmalige Band, bei denen mir die Fantasie fehlt, wie sie jemals ein schlechtes Konzert spielen könnten.

TORTOISE, 22.01.2026, Tollhaus, Karlsruhe | Foto: Steffen Schmid
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