PETERLICHT, 15.01.2026, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

PETERLICHT, 15.01.2026, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart | Foto: Fabian
Foto: Fabian

Das Pop Freaks Festival: Jedes Jahr eine Oase im langen grauen Januar, haucht es den geschundenen Seelen in diesem immerwährend zermürbenden und bleiernen Jahresanfang wieder Leben ein. Es ist die vitalisierende Wirkung der Kunst gegen die ewigen Unwegsamkeiten des Alltags. PeterLicht, (ja, der mit dem Sonnendeck) der heute im Merlin gastiert, setzt mit seinem neuen Buch „Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen“ im Prinzip dort an. 

PeterLicht, eine feste Größe des deutschen Indies und vielleicht Deutschlands dienstältester, kunstvollster Kapitalismuskritiker, wie er heute angekündigt wird, ist in dieser angebrachten Lobeshymne dennoch sowas wie ein unterschätzter Pop-Underdog. Seine Lieder und vor allem seine Lyrik sind wundervoll verschroben wie eigentümlich und reichen von phantasievoller Poesie bis hin zu system- und gesellschaftskritischen, pamphletartigen aktivistischen Texten – manchmal auch alles gleichzeitig. Diese Vielschichtigkeit seiner mehrdeutigen Lyrik macht ihn zu einem der spannendsten und besten Texter im deutschsprachigen Indie. Und immer umströmt seine Songs und Texte diese eine bezaubernde Ästhetik und Aura, allein schon ausgelöst durch PeterLicht selbst, der durch sympathische Undurchsichtigkeit und biographische Auslassungen so etwas wie ein kleines Mysterium im Indie-Pop ist – aber im guten Sinne.

PETERLICHT, 15.01.2026, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart | Foto: Fabian
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Der Begriff des Aushaltens treibe ihn um, wie er kurz zu Beginn den weit über hundert Besucher*innen erzählt, das Buch mit dem peterlichtesquem Titel sei eines über die vielen Zumutungen und entgegenkommenden Krisen des Lebens. 

Mit „Reden über Schaum“, zugleich der erste Text im Buch startet die Lesung mit einem bizarrem Zwiegespräch mit James Dean, der geformt aus den Schaumresten in einer Tasse Cappuccino durchaus angepisst zum Autor selbst spricht. 

Der insgesamt sehr dicht gehaltene Vortrag ist ein über einstündiger intensiver Deepdive ins Buch ohne größere Unterbrechung. Die Auswahl seiner vorgelesenen Texte reichen von Alltagsbeobachtungen, Traumdeutungen bis zu politischen Kommentaren.

PETERLICHT, 15.01.2026, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart | Foto: Fabian
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Mal fühlen sich die Texte an wie eine Flucht in die Irrealität, mal wie eine Ansammlung von Traumtagebüchern, man begegnet zuckrighaften Mechatronikern und kandierten Kreativen. Paradiesisch und utopisch bauen sich die Bilder vor den Augen auf, dann wird es wieder überfordernd skurril mit sich auftürmenden Assoziationen oder grotesk wie bei Strunk. Oder herrlich aus dem Alltag gegriffene Situationen, die überzogen weitergesponnen werden, aber im Kern eigentlich nur den real existierenden Irrsinn spiegeln, wenn er beispielsweise von all den blinkenden Geräten spricht, die einen um den Schlaf bringen. Wenn Zahnbürste, Ofen und Flachbildschirm blinken, fühlt man sich ihm so nah wie nie, als würde man selbst wachliegen. Diese Blinker-Poesie erinnert hier unweigerlich an seinen ebenfalls Kölner Kollegen Markus Berges und dessen Band Erdmöbel („Blinkt wie ein Bus / Schlüsselbund / Der beste Köder im Fluss“) und sein poetischer Blick auf den Alltag, der durchaus Ähnlichkeiten zu PeterLicht mit sich bringt. Zwei, die sich mal auf einen Kaffee treffen sollten, wenn sie sich nicht eh schon kennen.

Immer wieder lassen sich in den Texten auch Anknüpfungspunkte zu bereits bestehenden Songs erkennen, vor allem natürlich beim „aktuellen Stand des Kapitalismus“, mit einer Auflistung an problematischen Gegenständen wie Plastiktüten, Edelholzmöbeln, Autos und Coffee-to-go-Bechern. Dieser Appell an die Wegwerfgesellschaft verknüpft er mit einem Ratschlag: Besser seien Gegenstände, mit deren Wegwurf man sich schwer tut: Ambosse, Geigen, Felsen.

PETERLICHT, 15.01.2026, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart | Foto: Fabian
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Das zugehörige Album „Lieder vom Ende des Kapitalismus“, sozusagen sein Manifest und das ausgemachte Kernthema Peterlichts, das er schon jahrzehntelang künstlerisch beackert, feiert in diesem Jahr bereits seinen 20. Geburtstag. Auch sein brillanter Text „Erklärungen für Kinder: Was ist Arbeit“ knüpft daran an, wie ein Fortsetzungsroman und erzählt von Wänden, die gemolken werden, weil das Geld aus ihnen fließt. In Zeiten von Bullshitjobs, dem Stumpfsinn der Arbeit und so genannten sinnstiftenden Tätigkeiten, Leistungsdruck oder dem grassierenden steigenden Arbeitswahn liefert er hier – wohlgemerkt kindgerecht – eine äußert treffende Definition von eben dieser: 

„Auf dem Klo sitzen und in der Nase bohren, keine Arbeit. 
Außer jemanden bezahlt jemand dafür, das ist Arbeit.
Wenn ich für mich selber bohre, keine Arbeit.
Wenn ich für jemanden anderen bohre, das ist Arbeit.“

Beinah ein Verweis zur „Ode an die Arbeit“ von Wir sind Helden, in der es u.a. heißt „Also was das Schaf da mit dem Gras macht: keine Arbeit / Was man später mit dem Schaf macht: Das ist Arbeit / Generell alles was Spaß macht: Keine Arbeit / Generell was man im Gras macht: Keine Arbeit.“ Auch Tocotronics „Hi Freaks“ verknüpft diese beiden PeterLicht-Texte quasi und behandelt die Themenkomplexe Geld und Wegwerfgesellschaft wenn es dort so schön heißt: „Unsere Freundschaft ist das Geld / mit dem wir bezahlen was man zahlen muss / alles muss im Überfluss vorhanden sein / dann sind wir nie allein“

Von einem CDU-Wahlplakat inspiriert („Uns reichts – wir wählen CDU“), trägt PeterLicht im ähnlich energischen Agitationston einige eigene Variationen des Slogans für „Alltag und sonstige Lebensbereiche“ vor: „Mir reichts – ich kauf mir eine Tüte Milch! Uns reichts – wir schneiden uns die Fußnägel! Mir reichts – ich esse eine Weihnachtsgans!“ für Gruppen und Privatpersonen – oder Diktatoren: „Mir reichts! Ich guvkjetzt mal, was für MICH gut ist!“

Der anschließende „Konzert“-Teil der Lesung ist mit einer knappen halben Stunde natürlich viel zu kurz und wirkt wie eine Zugabe der Lesung. Die ausgewählten sieben Songs, die er solo mit Akustikgitarre spielt, vereinen dennoch das Beste von PeterLicht aus gut 30 Jahren Songwriting wie eine Miniaturwerkschau. 

Neben Fan-Favorites und Klassikern wie „Das absolute Glück“, „Es bleibt uns der Wind“ sowie das bezaubernde und gar hymnisch-euphorisierende „Alles was du siehst gehört dir“ unterstreicht vor allem das eher neue Stück „Dämonen“ vom 2021-Album „Beton und Ibuprofen“ ganz zum Schluss die Essenz des Werks von PeterLicht mit einer zutiefst humanistischen Botschaft, die Zusammenhalt vermittelt: „Wenn die Dämonen kommen, ist jeder, der ein Mensch ist, dein Freund“. Er kritisiert die Gesellschaft nicht nur, sie liegt ihm am Herzen. Von wegen „Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären“, einer seiner vielen magischen, lang nachhallenden Zeilen; jemand, der so viel über sie schreibt und singt, kann ihr nicht egal sein, im Gegenteil, sie bedeutet ihm viel, er ist umso bemühter und glaubt an sie. Peter Licht ist ein Menschenfreund.

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