LUCIFER’S CHILD, SERVANT, 19.01.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart

Dass das (Nicht-)Phänomen Blue Monday, nachdem dieser Montag jetzt der traurigste des Jahres sein soll, Mumpitz ist, geschenkt. Wissenschaftlich abgesichert hingegen ist, seit heute Abend, dass der Black Monday im Schwarzer Keiler für allerbeste Gemütsverfassung sorgt. Freude im pechschwarzen Anstrich. Und wir werden froh sein, uns trotz Wochenbeginn und Kälte außer Haus gewagt zu haben.

Gegen halb Neun betreten die vier aschfahlen Musiker von Servant die nebelige Bühne. Das Fehlen eines gesund wirkenden Gesichtsteints ist bei dem deutschen Quartett allerdings gewollt, aka corpse paint. Trotz anfänglicher Soundprobleme wird schnell klar, dass die Musik mit der Optik locker mithalten kann. Auf einem Black Metal Fundament aus oft flirrenden Gitarren entspannt sich ein so abwechslungsreiches wie durchaus melodisches Set. Von getragenen spukigen Introsequenzen über Midtempostampfer bis zu Blast Beats wird es nicht die Bohne langweilig.

Für Die Hard Vertreter der reinen Second Wave Of Black Metal Schule ist das alles bestimmt technisch zu sauber, zu wimpy und viel zu melodisch. Ich find’s prima und der gut gefüllte Keiler scheint das genauso zu fühlen. Am besten gefallen mir die langsamen oder mittelschnellen Passagen. Die erzeugen wohligen Grusel. Aber meine Lieblings-Black Metal Songs sind ja auch eher langsamerer Machart wie z.B. „Helvegr„, „Beyond The Northern Waves“ oder eben „De Mysteriis Dom Sathanas„. Quasi Black Metal für Leute mit niedrigem Puls.
Sehr angetan aber nicht begeistert bin ich am Ende des Auftritts, und frage mich: Ist meine Begeisterungsfähigkeit an diesem Werktag im Januar gedeckelt, weil einfach winterlicher Grundverdruss gepaart mit gespenstischer Weltlage, oder geht da noch was? Ist da noch etwas mehr Ekstase in diesem halbtoten Geist?

Nach den ersten Takten Lucifer’s Child ist klar: Oh ja! Die Athener werden einen der für mich besten Auftritte, die ich im Keiler gesehen habe, hinlegen. Hauptgrund: die Musik. Die trifft meinen Sweetspot voll. Die Riffs sind boshaft schneidend, die Drums scheinen einem soundmäßig nur so um die Ohren zu fliegen. Und sollte ich geglaubt haben, dass es bei Black Metal eigentlich egal ist, wer da ins Mikro keift, muss ich mich eines Besseren belehren lassen. Was Sänger Marios Dupont da abliefert ist von der Bühnenpräsenz her eine Pracht, vom Gesang her erschütternd geil.

Da ich nur das letzte Album „The Illuminant“ kenne, ist mir der Opener unbekannt. Evtl. ist es „Black Heart“. Auf jeden Fall ist es ein Einstieg wie er besser nicht sein kann. Spannend, düster, mitreißend, einen von jeglicher Lethargie befreiend. Der Nachfolgesong „As Bestas“ ist fast noch bestas besser. Ausgestattet mit dem besten Riff, dass es nie auf Bathory’s Blood Fire Death zu hören gab, bedarf der Song nur eines gemäßigten Speeds, um ein Biest von einem Song zu sein.

Es wird ein für mich deutlich anderer Grundcharakter der Musik im Vergleich zu Servant deutlich. Dort mehr Stimmung, mehr Flächen und Atmosphäre. Bei LC mehr Drive, mehr Faust in die Luft, mehr „ich schlag gleich alles kurz und klein“. Die Grundierung ist dabei ebenfalls eine schwarzmetallische, alleine wie gemein die Gitarren klingen. Gleichzeitig mischen sich neben ultraschnellen Blast Beats Parts, in denen das Propellergebange von Marios an einen jungen Tom Araya gemahnt, so kickende wie manchmal auch erhabene langsamere Parts.

Ein Auftritt, der mich so mitreißt, dass ich gleichzeitig ständig weiterschreiben könnte, und gleichzeitig mir auch ein wenig die Worte fehlen, wie gut sich das angefühlt hat. Für mich kann diese Art Musik stilistisch nicht besser klingen. Und tatsächlich scheint das ein wenig ein griechisches Ding zu sein, denn Zemial mit ihrem Album „Nykta“ schaffen es ebenfalls so eine Spielart des Black Metals zu kredenzen, die mich zu begeistern vermag wie wenig anderes aus dem Genre.
Selten war eine Zugabe nach dem letzten Song des Sets („The Order“?) entschiedener gefordert. Den Blick auf die Uhr habe ich irgendwann vergessen am Ende. Es fühlte sich sehr kurz an. Aber wer so viel Qualität in unter eine Stunde quetschen kann, der muss und soll auch nicht länger. So verlasse ich den Keiler mit dem Gefühl einen nahezu perfekten Auftritt gesehen zu haben.

Lucifer’s Child
Servant
