TOCOTRONIC, 15.01.2026, Halle02, Heidelberg

TOCOTRONIC, 15.01.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Als die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger im vergangenen Herbst mit dem Deutschen Buchpreis für Die Holländerinnen ausgezeichnet wurde, zitierte sie als eine Art Lebensmotto und poetologischen Kern ihres herausragenden Romans „eine Zeile aus einem Lied von Tocotronic, die sagt, dass das Unglück überall zurückgeschlagen werden muss“. Über die Reverenz freute sich die Gruppe Tocotronic, die fast zeitgleich ein Textbuch bei Reclam veröffentlichte und dafür „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“ als Titel wählte.

Mit eben diesem erstmals auf dem einflussreichen Album K.O.O.K (1999) veröffentlichten Song eröffnen Dirk von Lowtzow (Gesang und Gitarre), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Schlagzeug) und ihr durch seine Zusammenarbeit mit Muff Potter und Einstürzende Neubauten bekannter Mitmusiker Felix Gebhard (Gitarre), der den seit 2024 aus gesundheitlichen Gründen ausfallenden Rick McPhail ersetzt, jetzt ihr Konzert in der Heidelberger Halle02, nachdem sie wie gewohnt zu Prokofjews „Tanz der Ritter“ aus dem Ballett Romeo und Julia die Bühne betraten. Tocotronic ist seit der Gründung 1993 in Hamburg eine politisch engagierte Band. Und so ist „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“ durchaus als Motto der Indie-Institution zu verstehen, die selbstredend auch in Heidelberg zahlreiche Lieder als Protestsongs ankündigt und mit dezidiert antifaschistischen Statements in Erscheinung tritt.

TOCOTRONIC, 15.01.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Das letzte Tocotronic-Konzert in Heidelberg liegt bereits acht Jahre zurück und in der Folge kann es kaum überraschen, wie leidenschaftlich und begeistert das Publikum schon auf die ersten Takte reagiert. Die Zuschauer:innen, die zuvor erfreulich aufmerksam den überzeugenden Auftritt der als Mitglied von Locas In Love und längst auch als profilierte Solokünstlerin bekannten Stefanie Schrank mit großartigen Songs wie „Die Katze von Jesus“ und „Fabrik“, lauschten, sind sowohl bei Klassikern wie „Digital ist besser“ (1995) vom gleichnamigen Debüt als auch bei Stücken des neuen Albums Golden Years (2025) wie „Bleib am Leben“ (angekündigt als „eine Art Neujahrsgruß in diesen Zeiten“) textsicher. Fäuste werden gereckt und schon nach drei Liedern bilden sich vor der Bühne erste (auffallend sanfte) Moshpits.

TOCOTRONIC, 15.01.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Spätestens als der 1971 in Offenburg geborene Dirk von Lowtzow vom augenzwinkernden Kommentar, man könne ja auch drei Strophen des „Badnerliedes“ spielen (unter anderem: „Alt Heidelberg, du feine, / du Stadt an Ehren reich, / am Neckar und am Rheine, / kein’ and’re kommt dir gleich.“), direkt in die kämpferische Hymne „Aber hier leben, nein danke“ übergeht, entsteht zwischen Bühne und Saal eine intensive Spannung, die sich in kollektiver Ekstase entlädt. Das ebenfalls vom meisterhaften Album Pure Vernunft darf niemals siegen (2005) stammende wunderschöne, so Lowtzow, „dunkle Liebeslied“ „Gegen den Strich“ ermöglicht Band und Publikum dann aber auch eine durchaus nötige kurze Verschnaufpause: „Ihr dürfte euch küssen, wenn ihr möchtet“.

Es folgen großartige Lieder aus allen Schaffensphasen der Band: Etwas überraschend können in der Konzertmitte insbesondere neuere Stücke wie das zarte, im Original als Duett mit Soap & Skin aufgenommene, „Ich tauche auf“ vom Album Nie wieder Krieg (2022), der dezidiert antifaschistische Protestsong „Denn sie wissen, was sie tun“ sowie eine ausgesprochen kraftvolle Version des angenehm folkigen titelgebendem Stück „Golden Years“ vom aktuellen Album begeistern.

TOCOTRONIC, 15.01.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Das reguläre Set endet mit gleich vier längst kanonischen Klassikern aus den 1990er Jahren: „Let There Be Rock“, „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“, „Drüben auf dem Hügel“ und „Das Geschenk“. Mit seinem langen instrumentalen Beginn und dem brachialen Ende ist letztgenannter Song ein Highlight des Konzerts. Entsprechend lautstark werden Zugaben eingefordert. Nach sehr kurzer Pause geht es weiter mit „This Boy Is Tocotronic“ und „Hi Freaks“. Die Übergänge zwischen den Liedern sind fließend. Zuschauer:innen und Band sind längst schweißgetränkt. Als dann mit „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“ und „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ noch zwei punkige Songs von dem vor nunmehr dreißig Jahren erschienenen dritten schrammeligen Album Wir kommen um uns zu beschweren folgen, verschmilzt das Heidelberger Publikum zu einer pogenden Masse. Freudestrahlend verlässt Tocotronic erneut die Bühne, nur um kurz darauf mit „Explosion“ (2007) eine weitere Zugabe zu spielen: „Alles gehört Dir, eine Welt aus Papier“.

TOCOTRONIC, 15.01.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Dann ist Schluss, doch das Publikum verharrt zu Ingrid Cavens traditionell am Konzertende abgespielten „Die großen weißen Vögel“ im Saal und wird von der ein letztes Mal zurückkehrenden Band mit einer fulminanten Version der ikonischen Single „Freiburg“ (1995) belohnt. Zum Schluss skandiert Dirk von Lowtzow mantraartig Albert Aylers Credo: „Music is the healing force of the universe“. Das kennt man von Tocotronic-Konzerten. Doch spürt man am Ende dieses intensiven Abends körperlich, was damit gemeint ist. Und blickt man in die euphorisierten Gesichter um einen herum, zeigt sich unmittelbar, dass es den meisten genauso geht. Das Unglück konnte in diesen düsteren Zeiten zumindest für knapp zwei Stunden zurückgeschlagen werden.

Tocotronic

Stefanie Schrank

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