MERRY CRUSTMESS III, 23.12.2025, Schwarzer Keiler, Stuttgart

In Crust we trust – gerade kurz vor Weihnachten. Denn gegen all den gefühligen Feiertagstrubel, den eskalierenden Konsumwahn und glühweinseligen Feelgood-Terror hilft vor allem eines: kathartischer Lärm. Und der ist bei der dritten Ausgabe des Minifestival „Merry Crustmess“ im Schwarzen Keiler garantiert. Wem bedrohlich klingende Genres wie Grindcore, Hatecore, Stenchcore ,Sludge und Powerviolence nicht fremd sind, wer keine Angst vor Extreme Metal hat, ist bei Crustpunk genau richtig. Oder man verirrt sich einfach als neugieriges, aber unbedarftes Gigblog-Team in den knackvollen Schwarzen Keiler. Für Genre-Feinheiten fehlt uns die Kompetenz, Spaß am anarchischen Lärm haben wir aber allemal. Und zumindest von einer der fünf auftretenden Bands bin ich schon vorher großer Fan.

Nochmal grundsätzlich zu Crust: Die Musik ist enorm schnell, bretthart, immer wütend und hochenergetisch. Die Texte sind mutmaßlich super (gerne antifaschistisch und anarchistisch), aber im allumfassenden Trodesgrowl nicht zu verstehen. Fans und Fachleute erfreuen sich auch der Tatsache, dass Crust das einzige Punk-Subgenre ist, das sich nie auf die Musikindustrie eingelassen hat und konsequent innerhalb der eigenen Strukturen arbeitet.

Das „Merry Crustmess“ ist aus einer Schnapsidee von Keiler-Boss und dem Veranstalter „Better Gigs“ entstanden. Gemeinsam holen sie jetzt zum dritten Mal lokale und regionale Crust-Bands zu einem kleinen Festival in den Stuttgarter Metal-Club, was sich von Anfang an als Erfolgsgeschichte erweist. An dieser Stelle darf man als fleißiger Konzertgänger darauf hinweisen, wie segensreich das Wirken gerade der kleinen Konzertveranstalter ist. Namen wie „No Shows“, „Better Gigs“, „IndieWohnzimmer“ und natürlich auch „Trash A Gogo“ bringen in Stuttgart kontinuierlich grandiose Musik auf Bühnen in unterschiedlichsten Locations – mit ganz viel Leidenschaft und bewundernswerter musikalischer Kompetenz. Ganz herzlichen Dank dafür.

Jetzt aber zurück zum Raw-Punk: Der Abend startet mit einer nicht angekündigten Überraschungsband. Also Gehörschutz justiert und los geht’s mit Millenial Kingdoom, einer Stuttgarter Allstar-Band, die sich nur für diesen Anlass zusammengefunden hat und sogar zweimal geprobt hat. Und das mit Erfolg: Shouter Ralf („Harder, Faster & Out Of Control“) pflügt mit seinen Mannen durch zehn klassische Songs von Exploited über Discharge bis zur – nicht ganz unerwarteten – Zugabe von Napalm Death (ihr wisst schon).

Nach diesem ebenso familiären wie explosiven Einstieg geben sich die Bands auf der Bühne die Klinke in die Hand. Will sagen: Alles ist tipptopp organisiert, der Sound brachial, aber sehr gut (danke, Micha), das Bühnenmanagement geschmeidig. So kommt es nur zu kurzen Umbaupausen, in denen man viele Freund*innen und Bekannte treffen kann.

Weiter geht’s mit Cop an Attitude aus dem „badischen Feindesland“ (Karlsruhe). Sie rotzen „No-Bullshit-Hardcore-Punk“ (treffende Selbstbeschreibung) raus. Ihre Haltung haben sie definitiv gefunden, hier wird schnörkellos und explosiv gelärmt, was die Stimmung im jetzt aus allen Nähten platzenden Keiler weiter steigen lässt. Ich stehe wie meistens in der Ecke links neben der Bühne, mein Aktionsradius beschränkt sich über den gesamten Abend wahrscheinlich auf einen Quadratmeter – weil es so voll ist. Was aber auch daran liegt, dass die besten Freunde regelmäßig Bier reichen und auf dem Weg zum Klo auch wirklich alle bekannten Gesichter mal Hallo sagen.

Auf die nächste Band bin ich besonders gespannt: Von Arsen (wie das wohl angloamerikanisch ausgesprochen wird?) habe ich vorab nur Gutes gehört und die Band aus Stuttgart wird meinen hohen Erwartungen mehr als gerecht. Alleinstellungsmerkmal am heutigen Abend ist das oft heruntergefahrene Tempo. Das führt zu einer mächtigen Doom-Schwere, möglicherweise heißt das Genre auch Deathdoom – aber sicher bin ich mir nicht. Angekündigt werden Arsen als „Blackened Sludge“ und „Sludge Doom“ – so oder so packt mich der abgründige, düstere, tonnenschwere und extrem kraftvolle Sound von Anfang an – Arsen schaue ich mir garantiert bald wieder an.

Es folgen Cluster Bomb Unit, eine Band, die ich zum Glück schon mehrfach erleben durfte und die mich jedes Mal aufs Neue umhaut. Früher wusste ich gar nicht, dass sie mit ihren mittlerweile 36 Dienstjahren eine der etabliertesten Crust-Bands Deutschlands sind – ich hielt es einfältigerweise nur für enorm mitreißenden Noise-Punk. Bis heute sind CBU nach mehreren Tourneen big in Südostasien, empfohlen sei an dieser Stelle mal wieder die spannende Arte/ZDF-Doku „Punk im Dschungel“.

Seit den Gründungstagen in Burladingen (Wiki), sind mit Drummer Oliver und Gitarrist Werner noch zwei Gründungsmitglieder dabei. Bass spielt übrigens Waggon-/Schachtel-Betreiber Moritz – und das, wie wenn er in seinem Leben nie etwas anderes gemacht hätte. Noch beeindruckender ist allerdings seine Schwester Julia als growlende Shouterin. Ihre Vocals sind wie ein rostiges, rot glühendes Skalpell, das sich in die Gehörgänge bohrt – extrem beeindruckend und auf ganz eigene Weise auch richtig schön (ich kann es nicht erklären). Eher crustuntypisch finde ich auch Werners abgedrehte Spacegitarre. Mit Vorliebe drückt er sein WahWah-Pedal bis zum Anschlag durch und hebt zu kleinen, fast slayeresken Mini-Soli ab, die Helios Creed wie Paco de Lucia klingen lassen. Und ja, CBU sind garantiert die lauteste Band Stuttgarts.

Zum Finale gibt es Accion Mutante, ebenfalls aus Stuttgart und seit 1994 mehrfach umbesetzt am Start. Heute glänzen sie ungewöhnlicherweise mit zwei Sängern, was ihren Crust-Punk noch ein bisschen dynamischer und intensiver klingen lässt. Der Sound des Stuttgarter DIY-Undergrounds ist rasend schnell, aggressiv, primitiv und dank der brutalen Dual-Vocals auch richtig eigenständig. Was bei insgesamt fünf Bands an einem Abend schon wichtig ist.
Das war’s, Ohren und Hirn sind freigeblasen, Crust-Katharsis funktioniert. Alle Anwesenden freuen sich garantiert schon auf Merry Crustmess #4 im nächsten Jahr.

