POGENDROBLEM, SOCKE, 20.12.2025, Helene P, Stuttgart

Im Publikum liest man auf den Shirts wie üblich Turbostaat, Team Scheisse und Pascow, die gängigen Uniformen der Flaggschiffe des modernen deutschsprachigen Punks. Man kennts, auch diesem Samstagabend. Was sogleich an die berechtige, anfängliche Sorge anknüpft: Was kann man dann heute erwarten? Was sticht denn noch wirklich raus im leider doch sehr eintönig gewordenen Brei des aktuellen, sogenannten Deutschpunks? Der zugegebenermaßen etwas alberne Bandname macht es nicht unbedingt leichter. Doch beim Auftritt von Pogendroblem exakt ein Jahr zuvor im Komma Esslingen zeigte die Band, dass sie durchaus ein anderer Vibe im hiesigen Punkkosmos umströmt: Pogendroblem sind erfrischend anders, cute, schlau und hysterisch. Alles kommt leichter daher, ohne an Dringlichkeit zu verlieren. Sie sind eine der wenig herausstechenden Positivbeispiele im Überangebot der immergleichen Deutschpunksuppe. Beruhigend zu wissen.

Erst kürzlich erschien ihr viertes Album „Great Resignation“. Seufz. Welch treffender Titel für eine (Punk)-Platte in dieser Zeit. Sowieso haben Pogendroblem ein Gespür für den Zeitgeist in ihren Songs. Nicht ohne Grund eine von Linus Volkmanns Lieblingsbands. Und vielleicht demnächst noch von einigen mehr. Wünschen würde man ihnen es, sind sie doch generell etwas zu unterschätzt und verkannt. Das könnte sich gerne bald ändern. Was John Peel für The Fall oder F.S.K. war, ist Linus heute vielleicht im Kleinen für Pogendroblem.
Noch eine Woche zuvor beeindruckte der Auftritt des unkaputtbaren Gladbacher Punk-Koloss EA80 in Esslingen und hallt auch heute Abend immer noch nach. Es ist und bleibt eine Band wie ein Baum, die nichts an ihrer Dringlichkeit und ihrem unverkennbaren düsteren Schwermut verloren hat, bei der sich jede Band am Bühnenrand auch im 46. Jahr noch immer alles abgucken könnte und nichts falsch machen würde. Mit diesem Nachhall im Hinterkopf, setzen Pogendroblem quasi als kompletter Gegensatz und einem 2-3 Generationen-Gap an. Sie sind quirlig und aufgedreht, ohne dabei albern oder plump zu werden, aber performen in einer ähnlichen Dringlichkeit. Punk am Jahresende 2025.

Sehr NRW-related schreiben die Kölner die 50 Jahre Punk Geschichte heute fort und wirbeln gleich zu Beginn ohne weitere Umschweife mit dem wilden eineinhalb Minüter „Wie betäubst du dich“ und einem Sprung ins Publikum den kleinen obligatorischen Halbkreis vor der Bühne auf. Knapp über hundert Gäste dürften es an diesem Samstagabend vor Weihnachten sein, die im stufigen Vorraum des Jugendhauses zusammenkommen, dem ehemaligen, auch für Musik bedeutsamen OBW9, damals ein Raum für substanzielle, nachhaltig prägende Subkultur.
In den Songs ist das Private stark verwoben mit dem Politischen, die Last des Alltags, die Selbstausbeutung, die Arbeit mit Träumereien und Love. („Ich träume nicht von Arbeit, ich träume nur von dir.“) Die Songs sind catchy und intelligent, nicht einmal die vereinzelten „Ooooh“-Stadionchöre im Jugendhaus nerven, sondern runden die Hits angenehm ab. Streaming-Überflieger „Wir“ kommt mit einem betörenden Indie-Riff daher. Oder wie Linus Volkmann es ausdrückt: Pogendroblem legen ein Faible für Hits und Utopien an den Tag.

In der kommenden knappen Stunde ballern sie 26 Songs durch, um vor dem Weihnachtsstress noch irgendwas zu spüren. Hits wie „Die Sache“ funktionieren besonders gut, das komplette neue dreiundzwanzigminütige Album, passenderweise erschienen bei Audiolith, wird in einem Zug durchgerusht. Das Debut kam beim sympathischen Auskenner-DIY-Einmannlabel In a car aus Duisburg raus (Sleaford Mods, Pisse, Karies, Gewalt, wir erinnern uns), zwischendrin This Charming Man, jetzt Audiolith, die Band ist dort gut aufgehoben, was damals für die Millenial-Kids Egotronic und Frittenbude war, könnte für Gen Z Pogendroblem sein.

Vielleicht auch für Vorband Socke, die krankheitsbedingt für die ursprünglich geplanten Das Aus der Jugend das Konzert eröffnen, noch jüngere vier Männer aus Heidelberg, die auch hier zunächst angenehm überraschen. Deren rastloses und freudiges, aber tightes Geschepper der maximal Zweiminüter weckt hier und da Erinnerungen an Die Verlierer oder Pisse, letztere gerade dann, wenn der Synth einsetzt. Könnten so auch beispielsweise auf Spastic Fantastic zu finden sein. Das, was man der rasanten Wortsalve der Hau-drauf-Lyrics des singenden Drummers im Cypress Hill-Shirt entnehmen kann; ein Lied über Marbach, die CDU und Bullenschweine – auch 40 Minuten und 40 Jahre später bleiben die Themen gleich.
Pogendroblem halten es subtiler und verspielter, ohne den Fokus zu verlieren und dennoch Position zu beziehen und ihren Punkt zu machen.

„Shirt an“ die Anti-Macker-Hymne gegen die „Freiheit für neuen deutschen Männerschweiß“, verpasst auch der eigenen Szene einen Denkzettel für einen notwendigen Wahrnehmungscheck, außen und innen, die sie dringend nötig hat. Chapeau. (Hut kann abgenommen werden) Eine (selbst)kritische Sicht auf sich und die eigene Umgebung, glasklar und dennoch funny, auf den Punkt und gleichzeitig tanzbar. Rücksicht ist sexy.
„Self Checkout“, ein weiterer Zeitgeist-Song über die verführerische Lust was an der SB-Kasse mitgehen zu lassen. Das entsprechende österreichische Pendant gabs vor einigen Jahren vom weitaus unbekannteren „5 Finger Rabatt“ der Wiener Punkband Feidl (nur ohne SB-Kassa), so oder so:
Des steck i ma an,
des nehm i ma mit,
des brauch i daham.

Adorno, Foucault (im Großraumbüro) – immer wieder Referenzen an Philosophen, zwischendrin die ein oder andere unausgesprochene Hommage an Arno Dübel (Neuzeitphilosoph, mindestens), das Schlingensief-Shirt von Drummerin Benta, es sind die Verweise an das Gute.
Die härteren, gar gröligeren Songs gehören Gitarrist Frieder der sie auch singt, vor allem der Block am Ende des Konzerts aus den Songs „Kotzen“, „CDU“, „Ich“ und „Flucht“, allesamt Brecher, die Pogendroblem dem Pulk vor den Latz knallt, springt das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes voll darauf an und entfesselt es in der letzten Viertelstunde.
