EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen

EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

EA80 – eine monolithische Größe der deutschen Punk-Geschichte. Mächtig, stoisch, unveränderlich. Gegründet 1979 in Mönchengladbach, bis heute klingt jedes neue Album kaum anders als die frühen Werke. EA80 haben ihren Sound gefunden und in Stein gemeißelt. Meine ungebrochene Begeisterung erwuchs 1989 mit dem für mich epochalen „Licht“-Album, damals durfte ich sie auch live sehen, ich glaube zusammen mit den unvergessenen Boxhamsters.

EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

In den letzten Jahren waren EA80 schon mehrfach im Esslinger Komma zu Gast, auch heute ist der Laden sehr gut gefüllt. Als Supportband sind die Berliner Gym Tonic am Start, sie machen ihr Sache mehr als gut. Allein der Kontrast der Band zu den notorisch grumpeligen alten Männern von EA80 ist sehr erfrischend. Ihr treibender Keyboard+Gitarren-Punk ist richtig tanzbar, die drei Stimmen wirbeln munter durcheinander. Vor allem der quirlige Gesang von Katharina und Stephanie erinnert alte Konzerthasen an die B-52s, den Gesamtsound würde ich als leicht windschiefes Update von LeTigre bis Au-Pairs beschreiben.

EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Besondere Kennzeichen von EA80 dagegen: keinerlei Inszenierung. In schwarzen Alltagsklamotten wird auf kahler Bühnen gespielt. Lightshow? Braucht es nicht. EA80 entziehen sich bis heute jeder Vereinnahmung und scheren sich nicht um Erwartungen. Zentrales Alleinstellungsmerkmal ist ihre radikale DIY-Haltung. Man gibt keine Interviews, veröffentlicht kaum Fotos, meidet mediale Auftritte und lässt sich nicht vermarkten. Social-Media-Präsenz? Nein. Ihre Platten erscheinen seit Jahrzehnten auf dem eigenen Label, Konzerte finden ohne große Ankündigungen zu mehr als fairen Eintrittspreisen statt. Dank eines etablierten Indie-Vertriebs ist das bestechend großartige neue Album „Stecker“ aber tatsächlich auch bei Amazon als Vinyl zu bekommen.

EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Die politische Haltung von EA80 ist unsentimental antifaschistisch, antiautoritär und systemkritisch – aber ganz ohne plakative Parolen. Der Sound dazu: Düsterpunk – hart, noisig, aber auch mit einer gewissen rockistischen Liebe zur brettharten Gitarrenarbeit (fällt mir jedenfalls an vereinzelten Stellen auf). Statt pogoseligem Rumpelpunk sind die Songs aber oft subtil aufgebaut, setzen auf Dynamik und Zusammenspiel der beiden Stromgitarren, explosive Laut-Leise-Kontraste und krachige Gitarrenbreaks (Solo wäre zu viel gesagt). Texte interessieren mich bei Musik ja in den seltensten Fällen, aber die von EA80 finde ich schon sehr okay. Dunkel und introspektiv, aber nicht zu verzweifelt oder verbittert – dafür aber auch hier sehr eigen. Punk und Postpunk, aber auch Darkwaviges verbinden sich zu einem einzigartigen Sound, der sich immer sofort identifizieren lässt – vor allem natürlich durch den markanten Bariton von Sänger Junge.

EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Der steht mit seinen Kollegen zehn Minuten vor der eigentliche Stagetime auf der Bühne. Sein Charme ist, äh, recht spröde, die Band macht aber einen motivierten Eindruck. Schon früh gibt es eine kleine Kontroverse zwischen Gitarrist und Gigblog-Fotograf, wir wissen allerdings nicht, was dem Musiker missfällt und die Wogen glätten sich auch schnell wieder. Wobei die Stimmung doch merkwürdig verhalten ist und bleibt. Das liegt sicher an der zelebrierten Unnahbarkeit der Band, vielleicht auch am reiferen Alter der meisten Gäste. Mir ist das aber wurscht, denn die Musik holt mich nach kurzer Zeit – wie immer – völlig ab. Junge ist gut bei Stimme, die Gitarren sind fiebrig und explosiv. Die gesanglosen Passagen erinnern ein bisschen an die Wipers und haben manchmal auch so kleine, flirrende „Holiday in Cambodia“-Momente. Oder auch Gang Of Four-Zickigkeit. Alles andere ist aber authentisch EA80. Die Songs sind mal unter einer Minute lang, dann aber wieder ausladend wie beim finalen „Fliegen“. Vermisst habe offenbar nicht nur ich „Marthy“, das hochdramatische Verzweiflungs-Opus Magnum – spielen sie aber wohl nie live.

Showeffekte braucht man nicht, schnöde Rockrituale werden abgelehnt, dennoch begibt sich der Junge tatsächlich mal mit seiner Gitarre ins Publikum. Und hey, es gibt ausnahmsweise sogar eine Zugabe! Was man durchaus so interpretieren könnte, dass es der Band im Komma auch gefallen hat.

EA80, GYM TONIC, 13.12.2025, Komma, Esslingen | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

EA80 bleiben sich auch im 46. Jahr ihrer Bandgeschichte treu, machen konsequent und glaubwürdig ihr Ding, ganz ohne jeden Feelgood- oder Nostalgiefaktor (gegen den ich als alter Sack an sich ja nichts habe). Der souveräne und wie immer mitreißende Auftritt dokumentiert viel mehr völlige Zeitlosigkeit und reife Größe. Hier wird Haltung nicht vorgebetet, sondern auf kantige Weise gelebt. Für mich ein erhebender Abend, der drohende Abgründe wie den nur einen Tag später in viel größerem Rahmen stattfindenden Auftritt der Bösen Onkels (die von Einfaltspinseln ja auch als Deutschpunk verstanden werden) nur noch verabscheuungswürdiger aussehen lässt.

EA80

Gym Tonic

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.