SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark’s, Stuttgart

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Es gibt da dieses Video im Internet. Es zeigt einen Hang auf einem Festival. Menschen sitzen, dösen. Ein Nachmittag, an dem Musik eher Kulisse ist als Ereignis. Und dann ist da dieser eine Typ. Er tanzt. Einfach so. Wild, unkoordiniert, frei. Er ist der Einzige, der sich bewegt. Ein bisschen albern, aber irgendwie ansteckend. Nach einer Weile fragt man sich, was das soll. Und genau da beginnt unsere Geschichte. Nicht bei dem tanzenden Typ, sondern kurz danach. Denn plötzlich kommt ein Zweiter ins Bild und beginnt mitzutanzen.

Eine Sprecherstimme erklärt die Regel des „First Follower“. Das ist so ein Medienwort für Menschen, die bereit sind, sich früh einer Sache anzuschließen – zu einem Zeitpunkt, an dem das soziale Risiko am größten ist. Sie könnten sich lächerlich machen. Genau deshalb sind sie für Bewegungen oft wichtiger als der Initiator selbst. Denn während der Erste zeigt, wie man beginnt, zeigt der Zweite, wie man folgt. Und das sollen Außenstehende ja lernen. Dann kommt ein Dritter, ein Vierter, ein Fünfter. Aus einem seltsamen Typen wird ein Kollektiv.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Unser Abend beginnt ganz ähnlich. Beat, Sänger und Gitarrist von Schmutzki, sitzt am Piano in der U-Bahn-Station Charlottenplatz. Mit dem Rücken zu einer Traube Menschen, die sich gerade erst formiert. Gitarrenfinger suchen Gitarrenakkorde auf der Klaviatur, finden sie nicht immer, aber oft genug. Es sind fragile Minuten. Doch über diese ersten Momente trägt ihn der Schmutzki-Mob hinweg. Eine Gruppe Menschen, die bereit ist, ein Risiko einzugehen. Den Bahnsteig zur Tanzfläche zu machen. Die Band auch dann zu unterstützen, wenn es wackelt. Sie singen, sie springen, sie strahlen. Sie sind wie der zweite Typ im Video – einfach da.
Kurz bevor die Magie dieses Anfangs zu verwässern droht, rollt der Rest der Band auf einem Schlagzeugwagen an. Das Warm-up dauert keine halbe Stunde, doch es reicht, um klarzumachen: Schmutzki haben sich eine Gefolgschaft aufgebaut, die den Swifties in Sachen Commitment – auch so ein Medienwort, für bedingungslose Hingabe – in nichts nachsteht.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Die Band leitet die Menge vor die Tore des ausverkauften Goldmark‘s. At the Shore eröffnen den Abend und gewinnen den Mob schnell für sich. Pop-Punk mit Haltung: Selbstbestimmung („My Body Belongs to Me“), das Aufbrechen gesellschaftlicher Konventionen („Purpose“). Frontfrau Jessi führt souverän durch das halbstündige Set, am Bass und Gesang stark, in den Ansagen charmant überwältigt von der etwas zu großen Bühne. Ihr Crowdwork („Wer seid ihr?“ – „Wir sind Schmutzki!“) bereitet den perfekten Boden für den Main Act. Wer zu spät war, kann die Band am Freitag nochmals im Juha-West sehen.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Nach einer dramatischen Kunstpause geht es los. Mit „Wunder“ präsentieren Schmutzki ihr sechstes Album, das zweite in diesem Jahr. Wie bei guten Partys üblich, ist der Anlass fast nebensächlich. Der Mob hätte vermutlich auch zu Jamba-Klingeltönen gefeiert. Doch getragen von dieser Hingabe zeigen Schmutzki, warum sie auf diese Bühne gehören. Beat wird um 6:66 Uhr aus der Hölle ausgespuckt, und spätestens bei der – kurzerhand dem Goldmark‘s gewidmeten – Punk-Hymne „Die beste Bar der Stadt“ legen die Anwesenden ihr Schicksal in seine Hände. Er stellt sich dabei nie über sein Publikum, sondern kommt zu ihm herunter, wenn er vom Platz der tausend Feuer singt und hunderte Handylampen erleuchten.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Die Nähe bleibt, mit Songs wie „Zeltplatz Baby“ oder „Rodeo“ zeigt die Band, dass sie nicht vergessen hat, wo sie herkommt. Dann hält das Goldmark‘s kurz inne. Beat richtet einen eindringlichen Appell an die Menge, auf Menschen mit anderen politischen Ansichten (er meint die AfD) zuzugehen, um sie zurückzugewinnen für die gemeinsame Sache. Die Fans verstehen, was zu tun ist: Sie steigen auf die Bühne, liegen sich zu „Dein Song“ in den Armen.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Es folgt die standesgemäße Taufe. Ein Bier fließt über die neue Platte in den Mund eines Fans und erhält den Namen „Wunder“. „Du bist wie Alkohol für mich, du bist ein Wunder, Wunder, Wunder“ – trivial genug für einen großen Hit. Wirklich.

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Kurz gesagt: Die Band liefert ab. Ein Sound, der sich die Unschuld eines ersten Festivals bewahrt hat – ungeschliffen, eingängig, spielfreudig. Eine Mischung aus roh, melodisch und direkt, wie man sie in Zeiten von Ableton und KI viel zu selten hört. Dazu Beats einnehmende Art, auch weniger eingefleischte Fans mitzunehmen, die theatralischen Marilyn-Manson-Moves von Bassist Dany und der enthusiastische Support des neu integrierten Pianisten Fredo, der sich sichtbar über seine neue Rolle freut und sich sofort der Schmutzki-Bewegung verschreibt.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Im Festivalvideo gibt es diesen kurzen Moment, in dem sich die Balance verändert. Braucht es anfangs Mut, mitzutanzen, wird es plötzlich abwegiger, stehenzubleiben. Es entsteht eine Gravitation, die einem Scham und Angst von den Schultern reißt. Eine Bewegung braucht einen Mutigen; eine Band, die sich zeigt mit allem, was sie kann oder nicht kann. Aber sie entsteht erst durch Menschen, die bereit sind, ihr überallhin zu folgen. Weil dieser Abend beides hat, endet er in einer riesigen Polonaise. Zu welchem Song, weiß ich nicht mehr. Ich war längst Teil der Familie. Wenigstens für diese eine Nacht der Wunder.

SCHMUTZKI, 11.12.2025, Goldmark's, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Schmutzki

At the Shore

Schmutzki Flashmob

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