JASSIN, 10.12.2025, Im Wizemann, Stuttgart

Stuttgart gilt jetzt nicht unbedingt als klassischer Schauplatz ostdeutscher Migrationsrealitäten. Solang Häusle gebaut und schnittige Autos exportiert werden, interessiert der Mythos eines geeinten Deutschlands anderswo. Trotzdem hat Jassin, der als Sohn einer Deutschen und eines Ägypters im Osten Deutschlands aufgewachsen ist, am 10.12. im Wizemann einen Nerv getroffen: Mitten im Ländle grölt eine restlos ausverkaufte Halle Texte über ikonische Kleinkrafträder, Wittenberger Nachtclubs und Stress mit Nazis.

Schon als Jassin letztes Jahr Support für Apsilon spielte, munkelte man, er wäre das heimliche Highlight des Abends gewesen. Mit dem diesjährigen Upgrade vom Club zur Halle blicken dieselben Augen diesmal umso gespannter. Aber Jassin ist vorbereitet: Statt wie letztes Jahr nur zu zweit, steht er jetzt mit einer vierköpfigen Band auf der Bühne. Der Mix klingt fett, seine Stimme klar, grelles Licht lässt ihn erstrahlen. Kaum zu glauben, dass das Release seines allerersten Songs gerade mal ein Jahr her ist.

Diesen November kam sein Debütalbum „Arsenalplatz“ – benannt nach einem zentralen Ort sowohl seiner Jugend als auch seiner Heimatstadt Lutherstadt Wittenberg. Es handelt vom Kindsein, vom Erwachsenwerden, von Liebe, von Abschied, von Freundschaft, von Angst, von Fußball, vom Kiffen und von überhaupt allem, was einen jungen Menschen so umtreibt.

Die Arsenalplatz-Tour ist die zweite, die Jassin dieses Jahr spielt, zusätzlich zu knapp 40 Festivals im Sommer. Viel zu viel zum Innehalten und Genießen und deshalb, sagt er, hat er sich genau das für diese Tour vorgenommen. Nach einem explosiven Start mit der Hit-Single “Dieses eine Lied” dicht gefolgt vom Titeltrack des Albums, weist er also explizit auf Awareness-Team und Sanitäter*innen hin und ruft uns alle zu gegenseitiger Rücksichtnahme auf. Zwischen feel-good Tracks wie “Simson S51”, zarten Liebeserklärungen an seine Mama (“Dein Herz”), seinem kontemplativen Durchbruchstrack “Wellness am Scherbenmeer” oder schmerzhaft-schönen Hymnen wie “Kinder können fies sein” erzählt er aus seinem Leben, spielt Ukulele, lässt kleine menschliche Augenblicke zu oder kann sie manchmal gar nicht vermeiden: Einen Teil der Show spielt er normalerweise auf dem Boden sitzend. Doch als er fragt, ob wir ihn dann überhaupt noch sehen können und ich mit all meinen ebenfalls 1,60-großen Schwestern im Geiste “NEIN” zurückschreie, spielt er den Song halt doch im Stehen. Als links vorne tatsächlich ein Sanitäter gebraucht wird, sind seine Betroffenheit und Überforderung greifbar. Und als nach über einer Stunde seine Stimme langsam brüchig wird, entschuldigt er sich und bittet um Nachsehen. Wer bis dahin noch nicht lauthals mitgesungen hat, tut es spätestens jetzt.

Dieses Menschliche ist es, was Jassin innerhalb kürzester Zeit zum spannendsten Newcomer der deutschsprachigen Musikwelt gemacht hat. Sei es die Trennung der Eltern oder das Mobbing in der Sportumkleide auf der einen, der Rechtsruck in Deutschland und die Politisierung der eigenen Existenz auf der anderen Seite – die Offenheit und das Feingefühl, mit denen Jassin seine präzise Bestandsaufnahme des eigenen Innenlebens und des gesellschaftspolitischen Gefüges drumherum in dreiminütigen Songs verpackt, ist nicht nur einzigartig, sondern vor allem eins: echt.

Dass das resoniert, merkt man an diesem Abend im Wizemann: Allein auf den vier Quadratmetern um mich herum heulen mindestens drei Personen (mich eingeschlossen). Und während ich mir die Tränen aus den Augen wische, kriegt Jassin den ganzen Abend sein Grinsen nicht aus dem Gesicht. Weil er sichtlich den Spaß seines Lebens hat. Weil er so sehr liebt, was er tut. Weil aus dem kleinen Jungen aus Wittenberg, der sich nie irgendwo so ganz zugehörig gefühlt hat, ein Mann geworden ist, dem Menschen in ganz Deutschland zuhören.

