HELSTAR, AXETASY, 09.12.2025, Schwarzer Keiler, Stuttgart

„Criminally overlooked“! Eine Bezeichnung, die man wohl vielen Bands zukommen lassen kann, selten aber einem ganzen Genre, bzw. Sub-Genre. Im Falle des 80er US-Metals / US Power Metals trifft es wohl aber zu. Agent Steel, Jag Panzer, Heir Apparent, Omen, Vicious Rumors, Chastain, Savage Grace und wie sie alle heißen. Geschmackssichere Bescheidwisser*innen nicken anerkennend bei diesen Namen. Aber das Kopfnicken auf dem Planeten verstreuter Individuen machte nicht reich. Auf die unfassbar sympathischen Helstar aus Houston trifft das mehr als auf alle andere zu. Widmen wir uns aber erstmal der Vorband.

Die Lokalhelden und fast schon Keiler-Hausband Axetasy hatten uns ja schon letztes Jahr als Support von Kryptos begeistert. Seitdem ist das Debütalbum „Withering Tides“ auf dem sehr guten Label Dying Victims Productions erschienen. Verdientermaßen gut besprochen, unterstreicht der Auftritt aber noch einmal, dass Axetasy vor allem live eine der herausragendsten Bands nicht nur der lokalen Metalszene sind. Und das hat mehrere Gründe.

Was einem von der ersten Sekunde an ins Gesicht springt, ist diese unglaubliche Energie und Spielfreude, welche die Band aussendet. Hochintensive Musik, und jeder der Musiker strahlt eine geradezu fanatische Besessenheit aus. Und mit hochintensiv ist nicht nur gemeint, dass die Spielart eine hochgradig schnelle und wilde Form des Metals ist. Die Intensität kommt auch dadurch zustande, dass viel passiert in den Songs. Es gibt Gesangs- und Gitarrenmelodien zuhauf. Letztere auch mal zweistimmig. Der Gesang ist meist rau, kann aber auch mal Kai-Hansen-artig melodiös daherkommen, um dann immer wieder in spitzen Screams zu münden. Viel los also innerhalb eines einzelnen Stücks.

Die Qualität der Musik ist gleichbleibend hoch, und auch ein am Ende des Sets eingebauter neuer Song überzeugt vollauf. Der einzige Kritikpunkt rein persönlichen Gustos, den ich auf Platte aber deutlicher als live spüre, ist, dass der ein oder andere langsame heavy Part den Hörgenuss für mich erhöhen würde. Kann aber auch am Alter liegen, denn ein Axetasy-Set prügelt einen ganz schön durch, und man steckt das als old bo(d)y nicht mehr ganz so locker weg. Wer die Band noch nie gesehen und gehört hat, dem sei hiermit befohlen: Unbedingt nachholen!

Back to the Helstar-Story. Meine persönliche Geschichte mit der Band spiegelt vielleicht ein wenig wider, was den ausgebliebenen, kommerziellen Erfolg der Band angeht. Positiv notiert hatte ich mir die positiven Plattenrezensionen der Band in den 80ern. Problem: als Schüler wenig Geld zur Verfügung, da möchte man schon mal vor dem Kauf ein wenig reinhören in die Platten. In den von mir gehörten Metal-Radiosendungen kamen Helstar nicht vor, Videos im TV auch in spezifischen Metalsendungen Fehlanzeige. Auf Tour mal anschauen? Das letzte Mal waren sie hier 1988 zusammen mit Tankard und anderen Bands, die stilistisch auf einer anderen Wellenlänge waren. Klingt alles nach nicht sehr gutem Management, etwas, das Sänger James Rivera im Verlauf des Konzerts in einer Ansage auch kurz erwähnen wird.

Das erste Mal was von der Band zu hören bekam ich in der kurzen Blütephase des CD-Verleihs. In Ludwigsbug-Oßweil gab es einen gut sortierten Laden, und so konnte ich zumindest Anfang der 90er mir fünf Jahre nach Erstveröffentlichung „Remnants Of War“ zu Gemüte führen. Und mich ärgern und wundern, warum Helstar so sang- und klanglos im Untergrund steckengeblieben sind. Sprung ins Jahr 2025. Vor dem letzten Metalquiz im Oktober stieß ich erfreut und überrascht auf die neue Helstar-CD „The Devil’s Masquerade“ im hiesigen Müller-Markt. Jetzt, da physikalische Tonträger am Rumvegetieren sind, klappt’s wohl besser mit der Distribution. Egal, seitdem läuft die Platte bei mir, Spitzenwerk ohne Zweifel.

Und mit dem Titeltrack des neuen Albums geht es bei nicht einwandfreiem Sound los. Schwierig genug bei der dichten und komplexen Musik Helstars an sich, kommt erschwerend hinzu, dass Sänger James Rivera gerade am Auskurieren einer Krankheit ist. Er wird zwar knuffigerweise behaupten, dass er heute Abend mirakulöserweise „like a bird“ singt, aber das wäre zumindest Nachtigallen und ähnlich kompetenten Singvögel nicht ganz gerecht. Haken wir das ab, weil alles andere am heutigen Abend ist famos.

Neben den Urgesteinen Rivera und Larry Bagarran an einer der zwei Gitarren, bestehen Helstar aus jüngeren Mitgliedern. Die zweite Gitarre ist in den Händen von Alan DeLeon Jr., der neben einem beneidenswert geilen Namen und schönen Haaren, extrem geschmeidig seine Finger auf dem Griffbrett bewegt – und das schon als 14-Jähriger gut konnte. Garrick Smith am Bass ist trotz seiner Größe, die neben den beiden kurz geratenen Urmitgliedern noch beachtlicher wirkt, etwas weniger präsent. Drummer Mikey Lewis hingegen ist ein weiterer Blickfang. Ihm beim Spielen zuzuschauen, wie er die Lieder teilweise mitsingt und mitlebt, und wie unglaublich er dazu trommelt, ist eine wahre Freude.

Helstar warten mit unglaublich guten Riffs auf, die wie ein heißes Messer durch die buttrigen Gehörgänge schneiden. Zweistimmige Läufe, verzwickte Breaks, aber auch ultraschnelle Stakkatoriffs gehören zum Arsenal der Band. Und dann sprechen wir doch gleich mal kurz einen weiteren Grund an, warum es nicht zu mehr Erfolg bei Helstar, und vielen anderen Bands der US-Metal Richtung gereicht hat. Die 80ern werden ja als die Blütezeit des Metals beschrieben, als eine goldene Platte nach der anderen verliehen wurde. Traf ja auch für viel Bands zu, aber ab 1986 entwickelte sich der Markt, mitgesteuert von Plattenmanagements und in Wechselbeziehung stehend MTV, dahin, dass man als Band fast nur noch Erfolg haben konnte, wenn man Hair-Metal oder Thrash-Metal spielte. Für Bands wie Helstar waren das schwere Zeiten. Trotz überragender Musik, war man für Hair-Metal deutlich zu hart und party-inkompatibel, für richtigen Thrash nicht extrem genug. Und die Komplexheit ihrer Musik half auch nicht weiter, da Prog-Metal erst später ein Ding wurde. Paradoxerweise konnten in den 90ern und später Nevermore, mit einer gar nicht so anders gearteten Musik, eine deutlich höhere Resonanz erzielen.

Vergossene Milch! Erfreuen wir uns lieber am Midtempo-Track „Carcass For A King“ vom letzten Album. Spitzenriffs all over the song, starke Melodie, aber nie in süßlich-kitschige European-Power-Metal Gefilde abdriftend. „Black Wings Of Solitude“ ist eine starke Ballade, oder Epic-Metal Stück im Stile der 80er Black Sabbath. „The King Of Hell“ hingegen ein astreiner Thrash-Song, wie man ihn auch nicht besser von bekannten Thrash-Metal-Größen zu hören bekommt. Und wir müssen nun auf jeden Fall nochmal über James Rivera reden.

Seine Statur lässt mich unweigerlich an den guten, alten Ronnie James Dio denken, und wie auch er geizt James R. nicht mit der mano cornuta. Das Vampirding mit angespitzten Eckzähnen hat er seit spätestens dem Album „Nosferatu“ am Laufen. Ich kann mich auf jeden Fall an kaum ein Konzert erinnern, an dem ich so eine starke Sympathie für einen Musiker empfunden habe. Wie sympathisch und das Publikum umarmend der Mann sich gibt, ist eine Klasse für sich. Statt verbittert zu sein, dass es mit so einer classy Reihe an Alben nicht zu mehr gereicht hat, freut sich der Mann über jede Person, die heute Abend anwesend ist und die Band feiert. Dass 37 Jahre seit dem letzten Konzert in Stuttgart vergangen sind, ist für ihn kein Grund zur Trauer, sondern er freut sich, dass es wieder geklappt hat nach all der Zeit. Kein Erfolg gehabt in den 80er? Vielleicht besser so, weil „maybe I wouldn’t have survived the 80ies if we had success“, und er spielt lieber diese intimen Shows. Kann man auch verstehen, wenn man sieht, wie die Leute in den ersten Reihen teilweise die Songs mitsingen.

„Run With The Pack“ und „Burning Star“ vom Debütalbum schließen einen Abend ab, der einen so beseelt wie ratlos zurücklässt. Eine Band, deren Musik um ein Vielfaches größer ist als ihr Bekanntheitsgrad. Man kann nicht dankbar genug sein, dass solche zähen Sturköpfe weiterhin unbeirrt ihr Ding durchziehen, und uns, die wenigen, die anerkennend mit dem Kopf nicken, dabei erfreuen.

