FEINE SAHNE FISCHFILET, FOCUS., 08.12.2025, Porsche-Arena, Stuttgart

Eine Rampensau ist definiert als leidenschaftlicher Bühnenkünstler, als jemand, der, im Mittelpunkt stehend in der Lage ist, durch seine Leidenschaftlichkeit mitzureißen. Bezeichnet man Jan Gorkow, der von allen „Monchi“ genannt wird, als Rampensau wird sicher kein Widerspruch kommen. Nicht vom Sänger von Feine Sahne Fischfilet und auch von keinem der gut 4.000 Besucher:innen in der Porsche-Arena an diesem Montagabend, die in bester Stimmung sind, als Monchi um 21:00 Uhr die Bühne entert.

Focus. haben ihren Auftrag als Vorband gut ausgeführt
Dass die Leute bereits heiß waren, lag auch an der Vorband Focus., die ihren Auftrag ernst nahmen und gut ausgeführt haben: nicht zu gefallen, sondern zu entzünden. Es öffnen sich die ersten Moshpits, Leute surften auf der Crowd, aber das passte eben einfach. Focus. spielen schmissigen Punk-Rock bei dem man jede Menge Einflüsse raushört — Bands wie Dritte Wahl oder Pascow, vielleicht auch mal ein kleines bisschen Broilers und in der Kindheit wurde sicher auch die ein oder andere Prinzen-CD aufgelegt. Nach einer knackigen halben Stunde ist dann auch gut. Hat Spaß gemacht und kommenden April sind die Fünf auch schon wieder in Stuttgart, auf ihrer eigenen Tour.

Damit die gut aufgebaute Stimmung nicht wieder zusammenfällt, läuft in der Umbaupause nicht einfach nur ein bisschen Musik, sondern — wie immer bei FSF — ein Mixtape auf angemessener Lautstärke, mit passenden Hits, von Offspring (Anmerkung des Autors: wann sind die eigentlich wieder so groß geworden dass, die Kids deren Hits mitsingen können und die ganz großen Festivals wie das Southside nun headlinen?) bis zum inzwischen obligatorischen Halbstark der Toten Hosen, das auch schon bei den letzten Konzerten das Ende Umbaupause einläutete.

Bierduschen mit dem besten Plastikbier aus Vorpommern
„Wir kommen in Frieden“ steht in großen gelben Lettern auf dem Backdrop hinter der Bühne. Aber „in Frieden“ heißt ja nicht, dass man leise und zurückhaltend sein muss. Schon nach dem ersten Song steht Monchi direkt beim Publikum auf der Absperrung und lässt sich durch die Menge tragen. Eigentlich permanent sucht er den Kontakt zu den Leuten, auch weil die Band Geschenke mitgebracht hat: bestes vorpommersches Plastikbier, das den Abend über großzügig im Publikum verteilt wird. Und „großzügig“ auch in dem Sinne, dass die Securitys im Graben vor der Bühne einen Wischmob bereitstehen hat, um zwischen den permanenten Bierduschen die Rutschgefahr auf dem Boden zu vermindern, damit die ganzen Crowdsurfer sicher in Empfang genommen werden können.

Wenn man sich in der für einen Montag in Stuttgart sehr respektabel gefüllten Halle (Innenraum war voll, die Sitzplatz-Tribünen aber zum Teil abgehangen) umschaut, kommt man nicht umhin zudenken: der Feine-Sahne-Fisch schwimmt im Mainstream. Und das im besten Sinne, denn es waren viele Gruppen vertreten: Iro-Punks zwischen Normcore-Cliquen, Szene-Volk und Kinder auf ihrem offensichtlich ersten Konzert. Und die ein oder andere Oma, die auch taktsicher mitklatschen konnte.

Auch wenn sie vom Start weg als linke und politische Band eingestuft worden ist, ist Heimat (im Sinne von zu Hause sein, Freundschaft und familiärer Zusammenhalt) eines der zentralen Themen in den Texten von FSF. Anekdoten über das Leben und Aufwachsen auf dem Land, die Monchi zwischen den Songs immer wieder ausführlich erzählt. Und hier kommt dann zwangsweise wieder das Politische mit ins Spiel: Wenn man aus einem Dorf kommt, in dem man mit 15 von Nazis verprügelt wurde und in dem zuletzt über 50% die AfD gewählt haben. Da kann man sich eine bloße Anti-Haltung gar nicht leisten kann, man muss aktiv werden muss und getreu ihrer Textzeile „Lass schau’n, was uns verbindet und nicht nur, was uns trennt“ mit allen reden und zusammenarbeiten, die eine gewisse Grenze an Menschenverachtung noch nicht überschritten haben. Was die Band ja ausführlich tut, die ihren Übungsraum noch immer dort in der Provinz hat.

„Ohne Stuttgart würde es dieses Lied hier so nicht geben“
Württemberg und Vorpommern sind so weit voneinander entfernt, wie es für zwei Bundesländerteile nur geht. Und doch lieferte ausgerechnet Stuttgart wohl die Inspiration für eine der Singles auf dem neuen Album, wie Monchi in der Ansage verraten hat. „Endlich auf Reise (nach all der Scheiße)“ war in der Tat direkt von einem Fan-Gesang aus der Cannstatter Kurve zur Rückkehr des VfB Stuttgart in die europäischen Pokal-Wettbewerbe inspiriert. Man hat es als VfB-Fan vielleicht vorher schon erahnte ob des ähnlichen Reimes, ist es aber schon auch ein bisschen erstaunlich, da es sich bei Monchi zwar um einen Fußballfan handelt, er aber ja auch ein ehemaliger SVler aus dem Umfeld der Ultra-Szene von Hansa Rostock ist.

Die Band hat Bock, das ist nicht nur spürbar, es ist das zentrale Bühnenereignis. Neben Monchi sticht hier vor allem Trompeter Max Bobzin hervor, der den Songs mit seinem Instrument oft die nötigen Highlights verpasst. Und dann traute er sich einmal sogar selbst ans Mic und gab eine respektable Version von Eminems „Without Me“ zum besten, die bislang zu hören der Band vorbehalten waren, wenn im Proberaum ein gewisser Promillegrad überschritten wurde.
Es wird allerdings auch nicht durchgängig geknüppelt, es gibt Inseln im Sturm. „Haut an Haut“, eine Ballade, die Monchi für seine Tochter geschrieben hat, verschiebt den Tonfall und alle können mal Luft holen. Und „Eine rauchen wir noch“, dem 2024 verstorbenen Jugendpfarrer Lothar König gewidmet, wird zum großen Feuerzeug- und Taschenlampen-Moment.

Sichtlich berührt ist Monchi vom Enthusiasmus, von der Liebe der Fans; immer wieder schlägt er überwältigt die Hände über dem Kopf zusammen, ringt nach Luft, als müsse er selbst erst begreifen, wie groß das eigene Echo geworden ist. Und das auf einem Montag in Stuttgart. Nach dem Konzert geht er auch nochmal über die Absperrung in die Halle, um Freunde zu begrüßen und mit den Leuten verschwitzte Selfies zu machen.
Rund 20 Jahre ist es nun her, als Monchi von Trompeter Max Bobzin auf dem Schulhof angequatscht wurde, ob er nicht in seiner Band mitmachen will. Das wird im nächsten Jahr gefeiert mit einem großen eigenen Open-Air in Rostock, zu dem er alle noch einlädt. Mit anschließendem FKK-Baden in der Ostsee: „Wir sehen uns im Sommer, ihr Hippies!“

