FAMILIE HESSELBACH, HERZ RHYTHMUS MASCHINE, 06.12.2025, Merlin, Stuttgart

Was machen eigentlich drei so richtig junge Menschen, augenscheinlich knapp dem Teenageralter entwachsen, beim Gig der Familie Hesselbach im Merlin? Sie bekennen freimütig: Spotify macht’s möglich. Da staunt man als reiferer Konzertbesucher, begleiten die Tübinger Veteranen die allermeisten Anwesenden doch schon seit mehreren Dekaden. Genauer: ihr einziges echtes Album wurde vor 43 Jahren veröffentlicht und hat bis heute nicht an Strahlkraft verloren – auch wenn sich kommerzieller Erfolg nie eingestellt hat. Umso höher ist heute der Kultfaktor, wie man bei einem der seltenen Auftritte – fast in Originalbesetzung – erleben kann.

Im gut gefüllten Kulturzentrum Merlin scheinen sich alle Gäste irgendwie zu kennen. Der Vibe ist entspannt und milde nostalgisch, obwohl die Musik an diesem Abend wirklich hervorragend gealtert ist. Das beweist schon die kurzfristig als Support eingesprungene Band Herz Rhythmus Maschine, das Projekt von Hesselbach-Bassist Lupe. Der erweist sich heute als Hardest Working Man in Showbiz und steht mit beiden Bands auf der Bühne. Gemeinsam mit dem eigenwilligen Gitarren-Stilisten Latino-Klaus und dem druckvollen Drummer Dieter spielen sie neue eigene Songs. Die sind betont kantig und pflegen einen stoischen Postpunk-Stil. Lupe bellt seine Vocals zu Joy Division-artigen Bassriffs, die Gitarre variiert Gang Of Four-Splitter mit dunklen Noise-Flächen. Der Beat dazu ist hart und treibend, die Songs könnten auch in den frühen 80ern entstanden sein – ein perfekter Einstieg in das, was noch kommen soll.

Wobei sich Familie Hesselbach kaum düster, sondern gewohnt upliftend, dynamisch und gut gelaunt präsentieren. Das liegt vor allem an Sänger Gottfried, ein selten freundliches Energiebündel mit den coolsten Dance-Moves, Pirouetten und Sprungeinlagen. Immer in Bewegung, ein Punkrock-Showman erster Güte, der das ohnehin von Anfang an ergebene Publikum locker um den Finger wickelt.

Familie Hesselbach entstammen zwar ursprünglich der postpunkigen Kassettentäter-Szene im schwäbischen Südwesten, entfernten sich aber bereits 1982 mit ihrem ersten (und einzigen) Album von den meisten bierseligen Pogo-Stereotypen. Stilistisch ist die Band breit aufgestellt. Ska-Elemente treffen auf den Drive der jungen Fehlfarben, mit zickigem Gebläse ist der Weg zum New Yorker No Wave und Punkfunk a la Contortions nicht weit. Früher hätte ich die knalligen Blech-Breaks gehasst, heute finde ich das Getröte von Altsax und Trompete sensationell und wünsche mir mehr. Der Beat ist schnell und immer ein bisschen zickig, die Gitarrenarbeit unprätentiös und umso wirkungsvoller. Selbst HipHop wird als „White Rap“ souverän zelebriert.

Entscheidend aber ist: Familie Hesselbach haben Hits für Herz und Hüfte: „Warnung vor dem Hunde“, „Süddeutschland“, „Blut im Stuhl“ und natürlich das unsterbliche „Rimini“, das wir bei jedem Grenzübertritt nach Italien rituell in voller Lautstärke im Auto hören. Rührend, dass gleich zweimal beinharten Fans im Publikum das Mic überlassen wird, um Geschichten aus der bewegten Bandhistorie zu präsentieren, ohne dass es peinlich wird.

Denn Band und Publikum haben heute richtig Spaß, die Zeit vergeht wie im Flug. In klassischer Punkrockmanier purzelt Gottfried bei einer Tanzeinlage dann noch ins Schlagzeug – bei ihm sieht aber selbst das würdevoll und halbwegs elegant aus. Ganz anders als der selige Guz von den Aeronauten, der einst wie ein Käfer rücklings in seinem Drumset lag. Ich schweife ab und beende die Berichterstattung zu einem grandiosen Konzertabend – wie bei fast alle Anwesenden – mit einem Lächeln im Gesicht.


Das war ein super Doppelkonzert ! Jochen