BAXTER DURY, 02.12.2025, Karlstorbahnhof, Heidelberg

Zwischen seinen Gastspielen in Berlin und Paris macht Baxter Dury Halt im Heidelberger Karlstorbahnhof. Es ist ein Coup von Timo Kumpf und Delta Konzerte, den 53-jährigen Engländer nach seinem umjubelten Auftritt beim Maifeld Derby 2023 zum zweiten Mal für eines seiner raren Deutschlandkonzerte in die Rhein-Neckar-Region gelockt zu haben. Während Stuttgart, Frankfurt und München leer ausbleiben, dürfen die teils von weither angereisten Zuschauer:innen im Karlstorbahnhof am mittlerweile gar nicht mehr ganz neuen Standort am Marlene-Dietrich-Platz ein unfassbar dynamisches, begeisterndes Konzert eines nur schwer greifbaren Künstlers erleben.

Punkt neun Uhr erlischt das Saallicht und kündigt den Auftritt von Dury an, der sich vollkommen zu Recht in den letzten Jahren eine stetig wachsende Fangemeinde erspielt hat, zu der spätestens seit seinem Feature mit dem auf TikTok schwer angesagten Fred Again.. auch zahlreiche Angehörige der Gen-Z zählen. In Heidelberg finden sich so neben angegrauten Britpopper:innen in Trainingsjacken, dann auch Baxter-Dury-Lookalikes im Teenageralter mit Goldketten und junge Menschen in Fußballtrikots. Lautstarker Applaus begrüßt seine Mitmusiker:innen an Keyboards und Gesang, Bass und Schlagzeug, der sich zu Jubelschreien steigert, als Dury selbst die Bühne betritt.
Im hellen Anzug, gelben, weit aufgeknöpften Hemd mit protziger Goldkette wirft er sich direkt in Pose. Zur Eröffnung gibt es „Alpha Dog“ vom großartigen aktuellen Album „Allbarone“, mitgeschrieben und aufgenommen vom vielfach ausgezeichneten Produzenten Paul Epworth. Baxter Durys Gesten sind von Beginn an überlebensgroß und ironisch zugleich. Wenn er sich mit immer wieder neu verrenkten Gliedmaßen vor den Zuschauer:innen aufbaut, sie mit weit aufgerissenen Augen und gefletschten Zähnen anstarrt oder mit an Monty Pythons ‚silly walk‘ gemahnenden Ausfallschritten über die Bühne schreitet, wird das vom begeisterten Johlen des Publikums, „Baxter“-Rufen und gereckten Fäusten begleitet.

Durys unterhaltsame und charismatische Bühnenpersona erinnert an halbseidene Dandys, wie wir sie aus älteren englischen Gangsterfilmen kennen. In seinen Songs erzählt er im schnodderigen, bisweilen rotzigen Cockneysound lakonische Geschichten aus der Halbwelt, von Gescheiterten und Größenwahnsinnigen. Ganz in diesem Sinne hat Jochen Overbeck im Musikexpress Durys Musik treffend in ein eigenes Genre einsortiert, den „ewig coole[n] Grummel-Pop“. Was das heißt, macht bereits der Konzertstart deutlich.
Schon als dritten Song spielt Dury mit „I’m Not Your Dog“ eines der erfolgreichsten Stücke seines mittlerweile neun Alben umfassenden Œuvres. Durys Songwriting ist von einer feinen Ironie geprägt, die auf Ambiguitäten und häufig auf Mehrsprachigkeit setzt: „C’est n’est pas mon probleme / Je ne suis pas ton chien“, heißt es im eingängigen Refrain, der augenzwinkernd den The-Stooges-Klassiker „I Wanna Be Your Dog“ konterkariert. Wie für Baxter-Dury-Songs üblich singt den Refrain auch hier seine Keyboarderin. Dieser steht wie die Keyboardmelodie in einem angenehmen Kontrast zu den harten Beats und Durys Sprechgesang in den Strophen. Neben mir ruft eine Zuschauerin freudig, „das ist der eine Song, den ich kenne“.

Insgesamt sind die Lieder durchzogen von Wortwitz und intertextuellen Anspielungen. Die Referenzen reichen dabei von der Popkultur bis hin zu den Größen der englischen Literaturgeschichte. Das wird besonders deutlich, wenn er etwa in „Kubla Khan“ Motive aus Samuel Coleridges gleichnamigen berühmten Gedicht aufgreift und aus einem exotisierten Fernen Osten in die Gegenwart eines bürgerlichen Stadtteils in West-London verlegt: „I’m Chiswick’s Kubla Khan“.
Derweil tanzt das Publikum immer ausgelassener zu den eingängigen Hooks, den hymnischen Refrains und den kühl funkigen Beats. Das ist schweißtreibend, nicht nur Durys gelbes Hemd zeigt erste Flecken, auch das ein oder andere Fußballtrikot wirkt triefend nass, und bald schon wabert durch den Karlstorbahnhof ein erdrückender Geruch nach Kneipen und Schulsporthallen. Nach einer halben Stunde wirft Dury erstmals sein Sakko an den Bühnenrand, lässt sich und dem Publikum aber keine Zeit für Verschnaufpausen. Das Tempo wird hochgehalten mit beatlastigen Songs wie „Mocking Jay“ vom aktuellen Album, das fast komplett gespielt wird, oder dem 2017 gemeinsam mit dem Sleaford-Mods-Sänger Jason Williamons aufgenommenen „Almond Milk“.

So stringent Baxter Durys Bühnenfigur ist, so schwer greifbar sind die unzähligen Protagonisten seiner Stücke. Er besingt den „Aylesbury Boy“ und gibt den „Prince of Tears“. In „Miami“, mit seinem repetitiven Beat ein echter Crowdpleaser, wird die für Durys Lyrik wichtige Identitätsfrage auf die Spitze getrieben: „I don’t think you know who I am“, erklärt er, um dann gleich über zwei Dutzend Antworten zu geben. Er sei unter anderem der „sausage man“, „a salamander“, „the vicar“, „Mister Maserati“, „the main course“, „a river of dead fish“ und „Morgan Freeman“.
Spätestens als er dann im Anschluss in die Rolle des „Cocaine Man“ schlüpft, einen tiefen Schluck aus seiner Kaffeetasse nimmt und seinen wohl bekanntesten Song spielt, liegen sich erste Zuschauer:innen in den Armen, bevor zu den düsteren tiefen Electrobeats von „Allbarone“ und „Schadenfreude“ die allgemeine Ekstase ihren Höhepunkt erreicht.

Nach einer Stunde verlässt Baxter Dury die Bühne. Nach frenetischem Applaus folgen noch vier Zugaben, darunter die Fanfavoriten „Celebrate Me“ und „Prince of Tears“. Mit „Baxter (these are my friends)“, seiner enorm erfolgreichen Kollaboration mit Fred again.., endet der Abend in Euphorie: „Let’s dance again, shall we?“
Baxter Dury reckt den Mikrofonständer in die Höhe und verspricht der begeisterten Menge augenzwinkernd, dass es nicht der letzte Auftritt in Heidelberg gewesen sei: „We’ll be back. Next time we will play at the fucking castle, and everyone will love me forever“. Die Liebe seines Heidelberger Publikums ist Dury nach diesem Konzert sicher. Doch gebührt sie auch dem lokalen Veranstalter. Denn der Abend beweist einmal mehr, wie wichtig ein leidenschaftlich kuratiertes Programm für das kulturelle Leben in der Region ist und wie sehr das Maifeld Derby fehlen wird.

