WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart

WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Wer sich ein wenig auf Social-Media rumtreibt, wird bereits festgestellt haben, dass es ständig etwas am eigenen Leben zu hinterfragen und optimieren gibt. Neu war für mich die Aufforderung, meine Beziehung zum Bären kritischer zu betrachten. Sie kam nicht per Insta-Kachel zu mir, nicht in Form der „8 Dinge wie Bären zeigen, dass sie mehr Aufmerksamkeit brauchen“, sondern als Konzertankündigung.

WARDRUNA veröffentlichten Anfang des Jahres ihr neues Album Birna. Darauf möchte die Band die lange und verwickelte Beziehung zwischen Menschen und Bär entwirren und zugleich unser Verhältnis zur Wildnis reflektieren. So steht es dann auch in der Ankündigung ihrer Welttournee. Klingt nach einer Mission, denke ich. Und so mache ich mich auf den Weg, obwohl, das sei vorweggeschickt, ich kein Fan des Genres bin, sondern ein Tourist im Habitat der Stuttgarter Liederhalle.

WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Ich stehe in der Schlange vor dem ehrwürdigen Beethoven-Saal. Mit mir warten Menschen in bodenlangen Kutten, mit akkurat geflochtenen Kinnbärten und authentischem Runenschmuck. Eine Besucherin trägt eine Trommel bei sich und muss der Security versichern, dass sie diese „nur atmosphärisch“ mitführt, keinesfalls zum Spielen. Die Trommel darf rein. Ich auch.

Bereits leicht überwältigt von der Wildnis zwischen Kronprinzstraße und Berliner Platz rechne ich im Foyer mit Trinkhörnern und Met-Schänken. Stattdessen: höfliche Mitarbeitende in weißen Blusen und Halstüchern. Kartenzahlung möglich. Zurückhaltende Eleganz. So ganz wollen die Welten noch nicht zusammenpassen.

WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
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Im Saal selbst zeigt sich dann aber ein genretypisches Bild: ein bisschen Wikinger-Romantik, ein bisschen Schamanismus. Ein wenig erinnert mich die Stimmung an ein Pen-&-Paper-Rollenspiel. Nur, dass die Charaktere erstaunlich echt wirken. Ich frage mich, wie ernst sie ihre eigene spirituelle Entdeckungsreise nehmen und ob wir nun kollektiv unsere Beziehung zum Bären hinterfragen oder einfach nur einen schönen Samstagabend verbringen. Beides wäre mir recht.

Für die Uneingeweihten: WARDRUNA ist ein Musikprojekt aus Norwegen, gegründet von Einar Selvik und Lindy Fay Hella, die an diesem Abend als Bandleader auf der Bühne stehen. Mitgründer Gaahl, der norwegische Black-Metal-Sänger, der nicht zuletzt wegen seiner Polizeiakte fragwürdige Berühmtheit erlangte, hat das Projekt inzwischen verlassen. Die verbliebenen Mitglieder lassen sich von altnordischen Mythen, Runengedichten und traditionellen Instrumenten inspirieren.

WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
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Erklärtes Ziel ist es, die Erinnerung an die „nordische Spiritualität und Weisheit“ zu erwecken. Der Name WARDRUNA bedeutet so viel wie „Wächter der Geheimnisse“ oder „Sie, die flüstert“. Stilistisch bewegt sich WARDRUNA zwischen Nordic Folk, Dark Ambient und Ritual Folk; Musik, die zum Eintauchen einlädt. Und tatsächlich ist der Abend durchaus mitreißend.

Dunkle Kutten. Wenig Licht, viel Schatten. Die Szenerie wirkt sakral. Nach kurzem Innehalten setzt die Musik ein. Und da ist sie dann plötzlich, die Wildnis. Wie ein Wind in alten Wäldern klingen traditionelle Instrumente wie Tagelharpa, eine Art Leier, oder Moraharpa, eine Art Geige. (Anmerkung: alle Instrumente wurden vom Autor gewissenhaft gegoogelt). Unterlegt werden die hellen Klänge von rhythmischen Trommeln. Tiefe, archaische Schläge, die den Boden vibrieren lassen und Erinnerungen an geheime Rituale wecken. Dazu die Stimmen von Selvik und Hella, manchmal flüsternd, manchmal hymnisch. Gemeinsam mit den Hintergrundklängen erzeugen sie eine dichte Atmosphäre. Ab und an heben Blasinstrumente an, riesige Luren mit tiefen, hallenden Tönen, wie Warnrufe aus vergangenen Zeiten.

WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

So bedeckt die Band das Publikum mit einem dichten, stimmungsvollen Klangteppich. Ich spüre, wie der Raum sich verändert. Aus Sitzreihen wird eine Versammlung, aus Zuschauern ein Stamm. Keine Ansagen zwischen den Songs, kein „Danke, das war …“ oder „Guten Abend Stuttgart“. Nichts, was den Bann brechen könnte. Dieses bewusste Schweigen trägt genauso zur Atmosphäre bei wie der Klang selbst.

Die Stücke folgen häufig derselben Dramaturgie: dramatische Trommel, tiefer Chant, langsamer Aufbau, epische Entladung. Die Wirkung ist entsprechend hypnotisch. Ich fühle mich getragen, eingeladen innezuhalten, zu lauschen, zu träumen. Irgendwie sakral, irgendwie wild, irgendwie zutiefst menschlich. Eine perfekte Inszenierung.

WARDRUNA, 29.11.2025, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
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Zumindest beinahe, denn gelegentlich bröckelt die inszenierte Fassade dann doch. In Momenten, in denen die Illusion stockt, finde ich mich inmitten einer leicht künstlichen Attraktion im Europapark wieder. Zwischen archaischer Magie und nordischem Freizeitparkzauber öffnen Wardruna einen Raum jenseits des Alltags, der beständig auf einer schmalen Linie zwischen mystischer Tiefe und mittelalterlichem Kitsch balanciert. Wo diese Grenze überschritten wird, falle ich aus der Wildnis und lande auf dem harten Boden der Liederhalle. Mit gemischten Gefühlen trete ich nach draußen, aber auf dem Weg nach Hause vermisse ich den Bären. Sollten wir uns doch mal begegnen, kann ich ihm ein Lied vorsummen.

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