ALBERTINE SARGES, 28.11.2025, Merlin, Stuttgart

Kann man nicht oft genug sagen: Wie toll ist eigentlich das Merlin Café? Es ist absolut empfehlenswert, vorm Konzert ein bisschen früher zu kommen für Chai Latte und glutenfreien Orangenkuchen. Schmeckt alles super, es geht schnell und man sitzt so gemütlich. Zum Mitreinnehmen in den Konzertsaal gibt‘s dann noch einen alkoholfreien Sanbitter Spritz. Das perfekte Getränk für Leute, die an Cocktails hauptsächlich den Zucker und die Farbe lieben. Thank me later!
In erster Linie sind wir aber natürlich wegen des Konzertes hier. Auf Albertine Sarges aus Berlin (Aussprachehinweis zum Namen: wie man’s schreibt, sie ist Deutsche) bin ich über Andre Jegodkas sehr lesenswertes Interview-Buch „Kommst du mit in den Alltag?“ gestoßen, in dem Musiker*innen über Herausforderungen des Künstler*innenlebens berichten.

Beim Reinhören in ihre Songs bin ich sofort begeistert und fasziniert. Was für eine ungewöhnliche und interessante Musikerin, Sängerin und Songschreiberin, die zumindest ich nicht ohne Weiteres irgendwo einzuordnen vermag.
Post-Punk und Dream Pop gibt Wikipedia als Genre an, das liefert immerhin schon mal erste Anhaltspunkte. Art Pop kann man sicher noch als Referenz hinzufügen. Sehr sehenswert finde ich auch diese Reportage, die viele Einblicke bietet in die Arbeitsweise und den musikalischen Hintergrund der Künstlerin. Und spätestens bei diesem Livemitschnitt war mir dann klar, die möchte ich definitiv live sehen.
Das Merlin ist auf Grund verschiedener Konkurrenzveranstaltungen immerhin locker gefüllt. Tja, Pech gehabt, wer das hier verpasst.
Disconebel wabert über die Bühne, Vorband gibt es keine, pünktlich um halb neun geht’s los.
Zunächst ist eine Flötistin allein auf der Bühne, loopt die ersten Töne, dreht leiser und lauter, verändert die schwebenden Sounds mit Effekten. Beats kommen dazu und insgesamt vier Personen nehmen Aufstellung.

Die Band ist fast auf gleicher Höhe aufgereiht, Albertine Sarges selbst steht minimal weiter vorne. Ein Schlagzeug gibt es keins, dafür Drumpads.
„Diving“ ist der erste, hypnotisch groovende Song vom aktuellen Album „Girl Missing“, das Anfang 2025 bei Moshi Moshi erschienen ist. Die ganze Band singt beeindruckend gute Backing Vocals, was sich durch fast alle Stücke des Abends ziehen wird.
Weiter geht es mit „Cocoon“ vom selben Album und „Magic Eyes“. Wir erfahren, dass große Teile der Band „noch nie“ in Stuttgart waren und auch die Bassistin als einzigen Ort hier das Merlin kennt.

Das vierte Stück, das hypnotisch-repetitive „Motherless Universe“ ist inspiriert von einem Comic, der im Band-Proberaum hing. Das Comic-Zitat „Daisy, I had a bad dream“, ist auch die erste Zeile des Stückes. Es ist bemerkenswert, was für eine vielseitige, versierte und ausdrucksstarke Sängerin Albertine Sarges ist, Hut ab.
„Deep Well“ fängt wieder mit geloopten Flötentönen an. Es ist ziemlich dunkel auf der Bühne und der schwebende, mehrstimmige Gesang schafft eine gespenstische Atmosphäre, die an einen David-Lynch-Film erinnert. Oder wohnen wir hier einer Berliner Erwachsenen-Version des „Stranger Things“-Casts bei einer musikalischen Séance bei? Auf jeden Fall sehr passend für die dunkle Jahreszeit.
„Free Today“ vom Debütalbum „The Sticky Fingers“ (2021) ist das Stück, mit dem Albertine Sarges auch im englischen Radio Aufmerksamkeit erregte und das u.a. bei BBC6 auf Rotation war. Täusche ich mich oder wird hier schon die charakteristische Bassline von „The Girls“ angedeutet?

Auf „Roller Coaster“ folgt die sehr überzeugende Coverversion von „I Can’t Dance“ von Genesis. Ich mag es, wenn Coverversionen einem Lieder, die man bisher eher so mittel fand, auf eine ganz neue Art nahebringen, was auch hier super gelungen ist.
Ziemliches Kontrastprogramm ist dann „Reflection“. Die Band setzt sich im Dunkeln auf den Boden, Albertine Sarges singt und spielt ohne weitere Begleitung mit klarer, heller Stimme und erinnert dabei von der Stimmung her (inhaltlich weniger) an Lily Allens „Just Enough“.
Auf „Paris“ folgt „Girl Missing“, ein weiterer Hit und Titeltrack des aktuellen Albums. Finde ich live sogar noch mitreißender und intensiver als auf Platte.
Und dann natürlich „The Girls“, auch meisterhaft komponiert und dargeboten, das das Set abschließt.

Selbstverständlich gibt es begeisterten Applaus und als Zugabe „Rose of Jericho“, ein Stück über eine „nervige Liebe“ (nett gemeint), die am Ende wie die titelgebende Blume doch immer wieder aufblüht.
Ich freue mich total, dass ich mit einem Konzerterlebnis von dermaßen internationalem Format ins Wochenende starten darf. Und wir nehmen uns gerne ein Beispiel am „merchsüchtigen Mann“ aus Hannover, von dem auf der Bühne die Rede war, und decken uns vor dem Nachhausegehen ordentlich mit Platten ein. Danke für den tollen Abend!
