HELLOWEEN, BEAST IN BLACK, 22.11.2025, Schleyer-Halle, Stuttgart

HELLOWEEN, BEAST IN BLACK, 22.11.2025, Schleyer-Halle, Stuttgart | Foto: Dominic Pencz
Foto: Dominic Pencz

Herbst 1988 an einer zehnten Klasse im mittleren Neckarraum. Noch ganz angefixt vom Helloween-Konzert am 11. Oktober jenen Jahres in der Böblinger Sporthalle (25 DM damals im Vorverkauf btw), hatte ein Freund die Idee, im Englisch-Unterricht müsse man unbedingt den hervorragenden Text von Helloweens „Eagle Fly Free“ besprechen. Reaktion des Lehrers auf den Text, der ehrlicherweise nicht viel besser ist als unser damaliges Schulenglisch: amüsiertes Kopfschütteln, und die uns verstörende Frage: „Was ist denn das für ein Scheiß?“ Pädogik der 80er.

Tatsächlich war diese Zeit nach dem zweiten „Keeper Of The Seven Keys“-Album für lange Zeit meine letzte Phase der Beschäftigung mit der Musik Helloweens. Die Band, damals auf dem Sprung ins ganz, ganz große Geschäft, konnte das Momentum nicht nutzen, veröffentlichte zu lange nichts, um dann mit richtungslosen Alben komplett im Grunge-Sturm unterzugehen. Mit Erstaunen stellte ich in den 2010er Jahren in der Rückschau nicht nur fest, dass die Band fleißig weiter Alben rausbrachte. Nein, aus dem Schoß der beiden Keeper Alben erwuchs ein ganzes Metal-Subgenre, mit teilweise sehr erfolgreichen Bands. European Power-Metal. Hochmelodiöser, meist schneller Metal mit großem Hang zum Pathos und over the top sein – ohne Helloween nicht vorstellbar.

HELLOWEEN, BEAST IN BLACK, 22.11.2025, Schleyer-Halle, Stuttgart | Foto: Dominic Pencz
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Over the top, gute Überleitung zu der Vorband Beast In Black. Die Finnen kennen da nix. Wie da völlig hemmungslos cheesy Hooks samt Keyboard-Fanfaren, die bei Italo-Disco-Songs nicht verkehrt wären, mit Metal verwurstet wird, ist schon wirklich bemerkenswert. Eine Band wie H.E.A.T. wirkt im Vergleich da fast schon wie eigenbrötlerischer Darkwave. Gefallen tut mir das nicht immer, aber es finden sich doch gar nicht mal so schlechte Songs unter diesem klebrigen Karamellmantel. Bestes Beispiel der Set-Closer „No Surrender„. Gutes Riff, starke Chorusmelodie, und dann ein Keyboard-Einsatz, der nach ESC schreit, bzw. gefährlich nah an gewissen modernen Schlagerspielarten vorbeistreift. Die Überleitung zur Umbaupause mit „Burning Heart“ von Survivor ist da nur konsequent.

Ein Wiedersehen mit Helloween also nach 37 Jahren. Da seit ca. 2018 wieder das Urmitglied Kai Hansen dabei ist, sowie der von 1986 bis 1993 den Gesang übernehmende Wunderknabe Michael Kiske, sind von der damaligen Formation alle bis auf den Schlagzeuger dabei. Weitere Parallelen zum vor paar Monaten abgehaltenen Konzert von Iron Maiden, die ich das erste Mal seit 1986 wiedersah und auch mit vielen Mitgliedern der damaligen Band noch unterwegs sind: im Gegensatz zu vielen Bands, wo die Rückkehr eines alten Mitglieds den Rauswurf eines Neueren bedeutet, haben sich Helloween einfach vergrößert. Ich bin gespannt, wie sich drei Sologitarristen und drei Leadsänger vom musikalischen Arrangement her vertragen werden.

HELLOWEEN, BEAST IN BLACK, 22.11.2025, Schleyer-Halle, Stuttgart | Foto: Dominic Pencz
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Dass sich die Beharrlichkeit der Band ihrem Stil treu zu bleiben, dann nach schwierigen Jahren auch wieder in die Sphären der Popularität führte, zeigt die Zuschauerresonanz. Die Schleyerhalle ist ausverkauft, und die Begeisterung kennt nur altersbedingte körperliche Grenzen, als der 1988er Klassiker „March Of Time“ das Konzert eröffnet. Gleichmal abhaken: der Sound ist gut, Andi Deris und Kiske ergänzen sich aufs Vorzüglichste, die drei Gitarristen kleistern sich nicht gegeseitig die musikalischen Räume zu. Und ich wundere mich nur halb, dass ich selbst das Gitarrensolo Note für Note mitsummen kann.

Der zweite Song stammt aus der Deris Ära „King For 1000 Years“ und wird ebenfalls von den zwei Vokalisten gesungen. Mal zusammen, mal abwechselnd, aber stets top intoniert und sich gegenseitig ergänzend. „Future World“ ist dann der nächste Hit aus der Keeper-Ära, die ganze Halle singt mit. Sehr angenehm ist es festzustellen, dass keine Egos der Neuarrangements der Songs im Weg stehen. Was das Beste für das Lied ist, wird umgesetzt.

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Die Tracks des neuen, sehr gelungenen Albums wie „This Is Tokyo“ oder „Universe“ stellen keinen Qualitätsbruch dar. Bei einem Track, der für Helloween ungewöhnlich schlicht ausfällt wie „We Burn“, wird mit Flammen nachgeholfen. Interessanterweise erinnert mich der Song an so 70er-Songs wie „Burn“ oder „Kill The King„. Zwei Songs, die man problemlos als ganz frühe Bausteine des Power Metals bezeichnen kann.

Was mir an den beiden letzten Alben schon gut gefallen hat, kommt live natürlich noch stärker zur Geltung. Helloween sind bei allen zuckersüßen Melodien für eine Power Metal Band noch ein wenig rough geblieben im Sound. Die teilweise sehr artifiziell wirkende Perfektheit und Glattheit des Sounds vieler anderer Größen (und natürlich zwangsweise Nachfolger, da Helloween die Ersten waren) findet man hier nicht. Einzig die Visuals sind mir ein wenig zu KI von der Ästhetik her. Ein wenig im Kontrast zur kurzen KI-kritischen Einleitung Kiskes zu einem weiteren famosen Klassiker: „Twilight Of The Gods„. Wenn Helloween etwas können, dann majestätisches Konstruieren auf einen Refrain hin. Und sie haben Sänger, die sich in diese majestätischen Höhen aufschwingen können. In diesem Fall Michael Kiske. Unglaublich, was der Mann noch für Pipes am Start hat.

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Ride The Sky“ ist ein Highlight für Fans der ersten Stunde. Kai Hansen singt diesen Song wie im Original. Zu dieser Frühzeit ordnete man Helloween dem Genre „Speed Metal“ zu. Wenn man so will, eine Art Übergangsgenre für viele Bands. Manche wurden zu Thrashbands, andere entwickelten sich in die Power Metal Richtung. So ist der Song zwei Sachen auf einmal: ein interessantes Zeitdokument, aber vor allem ein Metalsong allererster Güte.

Während „Universe“ fällt mir besonders auf, wie musikalisch die Band ist. Wie gut die leisen Momente klingen und wie gut sie mit den lauten Momenten im selben Song harmonieren, ist schon herausragend. Trotz der Fülle an Songmaterial und einer ordentlichen Konzertdauer, darf Dani Loeble mit einem Drumsolo ran. Nicht unbedingt meine Lieblingsmomente bei Konzerten, macht er das aber doch kurzweilig. Der Anfang erinnert mich stilistisch sogar ein wenig an Tommy Aldridge. Was immer so eine Assoziation eines Nichtdrummers (der Autor) auch wert ist.

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Nach einem weiteren Crowd-Pleaser wie „I Want Out“ mit extrem poppigen Visuals, gibt es einen Unplugged-Moment zum Durchatmen. Deris und Kiske nehmen vorne auf Hockern Platz. Kiske teasert einem Elvis Song und „Yesterday“ der Beatles an, und zeigt dabei, dass er sowohl ein absolut tauglicher Rhythmusgitarrist ist, sowie problemlos in der Lage Popsongs zu singen, und dabei nicht wie ein Metal-Sänger zu klingen. Deris übernimmt dann später die Gitarre und es wird ein weiterer Klassiker mit „A Tale That Wasn’t Right“ präsentiert. Wie dann aus dem Nichts die komplette Band in das Gitarrensolo einsteigt, ist ein weiterer großartiger Moment dieses Abends.

Das neue „A Little Is A Little Too Much“ ist ein weiterer Beweis, dass auch beim banalst erscheinenden Song, Helloween es immer wieder schaffen Arrangements und Akkorde einbauen, welche die Musik aus der Gefahr ins Vorhersehbare oder Durschnittliche zu gleiten bewahren. „Heavy Metal Is The Law“ vom Debütalbum wird wieder nur von Kiske gesungen. Ich hätte mir eher „How Many Tears“ gewünscht, aber live ist „HMITL“ natürlich auch spaßig. Und ich frag mich, was mein damaliger Englisch-Lehrer wohl zu dem Text gemeint hätte.

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Das so epische wie ohrwurmige „Halloween“ schließt das reguläre Set ab. Ein Zeugnis der übersprudelnden Kreativität der Hamburger 1987, und auch der Ambitioniertheit schon im damaligen Lausbubenalter. Man darf nicht unterschätzen, was für einen Widerhall dieses Stück in der damaligen Musiklandschaft hatte. Und bei dem Intro bekomme ich heute noch Gänsehaut.

Kann man im Zugabenteil noch etwas draufsetzen? Man kann. Nach einem hübsch durch Laser gezeichneten Pumpkin findet ein spektakuläres Konzert durch das schon erwähnte „Eagle Fly Free“, „Power“, „Dr. Stein“ und einem Auszug von „Keeper Of The Seven Keys“ einen überbordenden Abschluss. Ein Konzert, das sowohl die Nostalgie in einem stillte, sowie die Zuversicht, dass Helloween auch in der aktuellen Musikszene ein gewichtiges Wort mitzureden haben.

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Ein Gedanke zu „HELLOWEEN, BEAST IN BLACK, 22.11.2025, Schleyer-Halle, Stuttgart

  • 25. November 2025 um 13:42 Uhr
    Permalink

    Servus war auch da und muss sagen nachdem ich im Vorfeld skeptisch war ob das was für meinen Gehörgang ist bin ich auch heute noch begeistert von dem Konzert und froh das ich da war.

    Rockige Grüße aus de Palz :-)

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