ELECTRIC CALLBOY, BURY TOMORROW, 20.11.2025, Schleyerhalle, Stuttgart

„I just wanna: Drink. Fuck. Fight. Love“
Wer sich am Donnerstagabend nicht noch in irgendeine Nische in der aus allen Nähten platzenden Schleyer-Halle zwängt, verpasst unter Umständen die Party seines Lebens. Was Electric Callboy an Stimmung und Atmosphäre heute aus Stuttgart bis auf‘s Letzte rauspressen, habe ich in dieser Intensität noch nicht erlebt. Willkommen zu meinem Konzert des Jahres 2025.
Als wir unsere Plätze auf der Presse-Tribüne einnehmen, mit Beginn des Support-Acts Wargasm, blickt man bereits auf ein Meer sich bewegender Körper und fragt sich, wie die ewig lange Schlange vor der Halle hier noch irgendwie einen Platz finden soll. Klaustrophobiker sollten am besten direkt die Flucht ergreifen.
Ich wähle bewusst den Begriff „rotzfrech“ für Wargasm, da sie, wie von der Leine gelassene Partymonster über die Bühne fegen und uns elektrogetränkten Pop/Rock/Hardcore um die Ohren hauen und mit Songs, wie „Bad Seeds“ und „Pyro Pyro“ Bewegung in die Masse bringen. Sänger Sam Matlock und Sängerin Milkie Way wirken dabei bis zum Anschlag motiviert für Electric Callboy die Muskeln für das bevorstehende Moshpit-Armageddon aufzuwärmen. Mit viel überdrehter Verruchtheit („D.R.I.L.D.O„) und britischer großer Klappe („Do It So Good„) drehen sie genau die richtigen Knöpfe, um den Partymodus ins Rollen zu bringen und wir sind bereit einen Gang höher zu schalten.

Vorab müssen sich sowohl Bury Tomorrow, als auch später Eletcric Callboy eingestehen, dass sie sich für ihre Show beziehungsweise die gewollte Atmosphäre und Stilrichtung in Teilen bei „Bring Me The Horizon“ abgeschaut haben. Bevor Bury Tomorrow die Bühne betreten, erscheint auf den LED-Wänden links und rechts neben der Bühne eine Durchsage im Stile von „The Purge“, mit weiblicher, KI-generierter Stimme, die uns den Beginn der diesjährigen Purge verkündet, bei der in den nächsten drei Stunden sämtliche Moshpits, Wall of Deaths´ und Circle Pits erlaubt sind und sowohl Security, als auch Sanitäter in dieser Zeit nicht zur Verfügung stehen.
May Satan Be With You.
Amüsantes Gimmick – wie erwähnt, aber vom Konzept abgekupfert von Bring Me The Horizon, die eine komplett dystopische Bühnenwelt und Story erschaffen haben, in der ein weiblicher KI-Charakter auf riesigen Leinwänden durch ihre Auftritte führt und den Zuschauern vorgibt, was sie zu tun haben. Nichtsdestotrotz ist das natürlich eine Ansage, auf die dann auch eine entsprechende Reaktion folgen sollten. Diese fällt jedoch gemäßigter aus, als man es von der ausgewählten Setlist erwarten würde. Bury Tomorrow sind eine klassische Metalcore Band, die in kleineren Clubs, wie dem LKA oder im Wizeman sicherlich mit Songs, wie „Choke“ und „Villain Arc“ die Wände zum Wackeln bringen und ordentliche Moshpits produzieren – heute gelingt das nur in Teilen. An manchen Ecken der Halle flackern immer mal wieder kleinere Circle Pits auf, der Rest begnügt sich erstmal noch mit gediegenem Kopfnicken. Sänger Daniel Winter-Bates entschärft nach den ersten drei Songs auch wieder die Vorgabe der Video-Botschaft. Man solle auf sich aufpassen, hier ist ein Safe-Space und wenn man ein Problem oder Sorgen hat, könne man sich an die Security wenden. Wat? Da ist man sich scheinbar nicht ganz sicher, was man denn eigentlich vom Publikum haben möchte, denn im nächsten Moment wird dazu aufgerufen 300-400 Crowdsurfer Richtung Security zu schicken. Dieser Bitte kommt das Stuttgarter Publikum gerne nach, wenn auch nicht zu Hunderten. Für den Abschluss packen Bury Tomorrow mit „Abandon Us“ nochmal ein Musterbeispiel für eine Metalcore-Keule aus, hinterlassen den Eindruck einer soliden Show, die gefühlt nicht ganz durchdacht wirkt, was man denn eigentlich mit dem Publikum vorhat.
Ganz egal, wie der Abend bis jetzt gelaufen ist. Ab nun gibt es nur noch eine Richtung – Party Hard. Schon die Playlist während der Umbaupause lässt die Partylaune stetig steigen – gefühlt jeder coole Nu-Metal Song wurde in ein Electric Callboy Tekkno-Core Gewand gehüllt, bis die Hallenlichter erlöschen und jetzt riesige Bühne zum Leben erwacht.

Von 0 auf 100 – Mit Pyro und Explosionen an allen Ecken beginnt die Abriss-Party mit der neuen Single „Tanzneid“, die genau das vermittelt, was jeder verspüren sollte, der jetzt nicht vor der Bühne steht. Die komplette Schleyer-Halle explodiert in Extase und wird zu einer einzigen riesigen Tanzfläche.
„Everybody jump around, when the bass is hammering. Everybody´s getting down, to the BOOM BOOM sound!“
Ich schwanke zwischen „ Ich muss da runter mitten rein, die Sau raus lassen und Tanzen als sähe keiner, dass ich es absolut nicht kann“ und „Zum Glück hab ich einen Sitzplatz und werde nicht von einer Ecke der Halle in die andere katapultiert“. Was hier abgeht, auch beim zweiten Song – „Still Waiting“, dem möglichen Willkommensgeschenk für den neuen Drummer – Frank Zummo von Sum41 – lässt sich wirklich schwer beschreiben. Die beste Beschreibung kommt von Sänger Kevin, nachdem mit „Hypa Hypa“ komplett durch die Halle 15(!) Moshpits entstehen:
„Das größte Kompliment, dass ich euch hier machen kann, ist das Feeling, dass es sich anfühlt, wie eine ausverkaufte, kleine stickige Clubshow“.
Wie recht er damit hat. Es findet ein regelrechter Austausch von Energien statt. Was von der Bühne in Form von Flammenwänden, Konfettiregen und heftigen Breakdowns aufs Publikum hereinbricht, schwappt auf die Jungs zurück in Gestalt von kollektiver Eskalation. Und Electric Callboy wissen dies zu würdigen. Jeder Moment, in dem die Musik schweigt, wird genutzt, um den Fans zu danken. In jeder Sekunde merkt man der Band an, mit wie viel Liebe und Leidenschaft sie hier am Werkeln sind und vor allem, wie viel Spaß es ihnen macht.

Nicht nur die Bühnenshow ist in jedem Detail auf den jeweiligen Song perfekt abgestimmt, auch die Setlist selbst ist wie eine Best-Of-Show der letzten 15 Jahre. Auch ein Ausflug in die Eskimo-Callboy-Zeiten wird frenetisch gefeiert mit einem Medley aus „Monsieur Moustache“, „We Are The Mess“ und „Chrystals“. Unglaublich gut und auch die Langzeitfans bekommen da feuchte Augen.
Ich versuche wirklich all meine persönlichen Höhepunkte hier einfließen zu lassen und ein weiterer für mich ist definitiv „Hurrikan“. Bevor an dieser Stelle weitergelesen wird, bitte ich darum, den Song anzuhören, um zu verstehen. Sänger Nico und Kevin schwadronieren darüber, wie es in den ganzen Dorf-Dissen zugeht und bitten währenddessen das Publikum höflichst Platz auf der Tanzfläche zu machen. Wieder tun sich mindestens ein Dutzend Pits in der Halle auf, doch anstatt komplett auszurasten, wird an dieser Stelle zum Engtanz gebeten. Von der Pressetribüne aus ist das ein unvergesslicher Anblick. Es hat etwas von einer klassischen Bud Spencer Prügelei, wenn der romantische Engtanz vom plötzlichen Breakdown unterbrochen wird und durch das totale Geknüppel in wilde Mosherei übergeht und im Anschluss auch noch in ein kurzes „Electric Bassboy“ – Set – dem DJ Nebenprojekt von Electric Callboy. Von der Dorfdisse zum Technoclub.
Wirklich – Fantastisch.

Und während einige noch ihre Zähne, Handys oder Brillen auf dem Boden suchen nach diesem Gemetzel, tauchen Kevin (Am Piano sitzend) und Nico mitten in der Halle wieder auf und spielen ihre Akustik-Versionen des Cascada Hits „Everytime We Touch“ und ihrer eigenen Ballade „Fuckboi“, begleitet von tausenden Handylichtern, die die Halle in ein verträumtes Meer aus funkelnden Sternen verzaubert.
Geht es noch besser? 3 Kugeln haben EC noch im Lauf und jede einzelne wird ein Headshot.
Babymetal dürfen heute Abend auch noch mitmischen und erscheinen überdimensional auf den LED-Wänden und begleiten Electric Callboy, während das Publikum noch immer in voller Tanzlaune die Halle einreißt und zum Absch(l)uss noch „Spaceman“ und natürlich „We Got The Moves“ auf die Zwölf bekommt.
Was bleibt mir nach so einem Abend noch zu sagen. Ich habe wirklich noch nie eine bessere und ausgelassenere Stimmung in der Schleyer-Halle erlebt, die sich konstant den ganzen Abend über von der ersten bis zur letzten Reihe durchgezogen hat. Electric Callboy sind absolut zurecht Headliner auf den größten Festival-Bühnen Europas und erinnern sich dennoch immer wieder gerne an Auftritte in Stuttgart, im Kellerclub zurück und bringen jetzt diese unbändige und unschuldige Energie mit in die Arenen.
Mein Highlight 2025.
