DOTA, HEY MOMENT, 20.11.2025, Im Wizemann, Stuttgart

„Gitarre spielen macht froh“ – ich dachte mir irgendwie schon immer, dass da was dran ist. Denn auch wenn ich selbst nie eine realistische Chance hatte, zu einem Gitarren-Virtuosen zu avancieren, höre ich doch auffallend gerne Musik, in der Gitarren vorkommen und eine tragende Rolle haben (wenn auch in ganz in unterschiedlichen Ausprägungen). Aber nach dem Konzert durchschoss dieses Zitat von Dota mein noch von Glücksbotenstoffen durchtränktes Gehirn, das Dota und Band mit ihrer fantastischen Darbietung in diesem High-Zustand hinterlassen haben.
Dota Kehr ist in der Tat ein Phänomen: Seit ihrem 14. Lebensjahr tritt die 46-jährige, studierte Medizinerin schon auf und macht Musik. Sie begann als Straßenmusikerin (daher der Name Kleingeldprinzessin, unter dem ihre Homepage nach wie vor zu finden ist), veröffentlicht seit vielen Jahren Platten, zunächst als Dota und die Stadtpiraten und seit 2013 als Band DOTA mit ihren kongenialen Musikern Jan Rohrbach (E-Gitarre), Janis Görlich (Schlagzeug), Alex Binder (Bass) und Patrick Reising (Keyboards) und auf der Tour erweitert um eine Synthesizer- und Klangkünstlerin. Zwischendurch veröffentlicht sie auch mal ein Album mit südamerikanischer Musik (die Leidenschaft dafür wurde im Kindesalter durch einen brasilianischen Babysitter entfacht), schreibt ein Kinderbuch, vertont auf mehreren Alben brillant die Gedichte der wunderbaren Mascha Kaléko (deutsche, jüdische Dichterin, 1907-1975, damals live im Theaterhaus) und nimmt eine Live Solo-Platte auf und publiziert Songbooks mit ihren Texten und Gitarrenakkorden. Sie ist klug, sie ist links und ja, sie würde wohl von vielen Menschen als durchaus attraktiv beschrieben werden, sie hat etwas zu sagen, sie ist tiefgründig und witzig und niemals langweilig und ich glaube auch eine sehr sympathische Rampensau.

Doch den Anfang darf Stefan Ebert aka Hey Moment machen, dem Dota zuschreibt, dass er „einfach tolle Songs schreibt“ und den sie höchstpersönlich auf der Bühne ankündigt (ebenso sympathisch wie, dass sie sich für das Konzert natürlich noch in Schale werfen wird). Stefan Ebert tritt solo auf, nur ausgestattet mit einer E-Gitarre, und schafft es auf charmante, fast kindlich unvoreingenommene Art, das Publikum mitzunehmen und mitsingen zu lassen. Er ist ein so gut gelaunter, echter Hippie, dem die Liebe nur so entströmt – ganz ohne Brechung. Ich bin froh, dass es Menschen wie Stefan Ebert gibt.

Die Halle im Wizemann ist sehr gut gefüllt. Kein Wunder also, dass die Rosenau als Veranstalter hierhin ausgewichen ist. Dota kommt mit ihrer Band bereits unter ungewöhnlich lautem Vorschuss-Applaus auf die Bühne und es ist klar, dass hier ein nicht zu unterschätzender Anteil echter Fans anwesend ist. Sie ist bester Stimmung, denn das letzte Stuttgart-Konzert hat sie noch in sehr guter Erinnerung, wofür sie natürlich extra Beifall erhält. Dann kündigt sie an, dass sie so gut wie fast ausschließlich die Songs des neuen Albums „Springbrunnen“ zum besten geben wird – natürlich mit Ausnahmen. Und der Einstieg ist folgerichtig „Der Frühling“, das erste Lied auf dem Platte. Ein ruhiges, verträumtes Stück, das sich im gedämpften Licht und Nebel einschleicht und bei dem die diversen Kellerlampen auf der Bühne für effektvolle Stimmung sorgen.
Mit „Fortschritt“ gibt es bereits eine Ausnahme der Regel, denn dieser Song wird erst auf dem 2026 erscheinendem Album „Der Regen“ veröffentlicht. Dota äußerst sich verwundert über das, was uns heutzutage als Fortschritt verkauft wird, da sie der Meinung ist, „dass sich Fortschritt immer in Richtung gutes Leben für alle“ bewegen sollte und erntet lautstarke Zustimmung. Das Tempo nimmt etwas Fahrt auf und die kleine Elektro-Pop-Perle „Zu abgelenkt“ wird zu einem mitreißenden Live-Song, einschließlich Disco-Moves von Dota, deren Spiel-, Sing- und Tanzlaune sich von Stück zu Stück steigert. Das Publikum ist begeistert und goutiert wirklich frenetisch alles Dargebotene, besonders auch Bewegung auf der Bühne – natürlich von der hin- und mitreißenden Dota, aber auch der Band. Die sich bei einem der folgenden Songs („Alle sind zurück in der Stadt“), einschließlich Dota, in Reihe platziert und sich im Rhythmus von der linken zur rechten Seite dreht. Einfach, aber effektvoll und für Dota augenzwinkernd beglückend: „Nach 20 Jahren Band, endlich Choreo!“

„Die andere Seite“ ist ein rätselhafter Text von Manfred Maurenbrecher (Liedermacher aus Berlin, *1950) über eine Art paralleles Universum, in das man durch einen Brunnen gelangt und wo alle kopfüber gehen, ohne es zu spüren und wo alles vor Liebe birst… Diesen Text hat Maurenbrecher selbst für einen Song verwendet und Dota hat dazu eine eigene, nun ja beschwingte Komposition erstellt.
„Nimm was mit, nimm was in die Hand.
Nimm’s zur Erinnerung, nimm’s als Pfand.
Einmal kommst du wieder zurück
und was dir einst Last war, ist heut’ dein Glück.“
Mit dem, meines Wissens, bislang nur als Live-Mitschnitt veröffentlichten Song „Überall so“ gibt es ein echtes Highlight mit Gänsehaut-Potential. Denn Dota schafft es in so klugen und schönen Texten auf brisante, unangenehme oder gar ärgerliche Themen einzugehen, ohne dass sie dabei in eindimensionalen Hau-drauf-Protest abdriftet. Und so schlimm die Situationsbeschreibung sein mag, bietet der Text auch Hoffnung und ermuntert, aktiv zu werden und nicht zu erstarren.

Und du sagst, wenn die ersten Kritiker aus Angst verstummen. Denn gehen wir.
Aber was, wenn es überall so ist wie hier? Was, wenn es überall so ist wie hier?
Dann geben wir auf oder was?
Dann ziehen wir zum Mond oder was?
Dann tun wir so, als ginge uns all das nichts mehr an oder was?
Das Stuttgarter Publikum ist hiermit endgültig entzündet und der Beifall und der Jubel gehen weit über schwäbisches Niveau hinaus. Mit dieser Nummer hat Dota ein kleines Meisterwerk geschaffen, das eine hohe Live-Intensität besitzt und unter die Haut geht. Das Stimmungsniveau, das sich natürlich auch aus einer gewissen Empörungskraft ob der beschriebenen Zustände speist, hält aber an und wird sich weiter steigern, denn „wo soll die Hoffnung herkommen, wenn nicht aus uns?“

Und dass man Themen wie dem internationalen Rechtsruck „mit viele Mühe auch etwas Leichtes abgewinnen kann“ stellt Dota mit „Perfekte Schurken“ unter Beweis. Dies ist der erste Song eines Solo-Teils, den Dota nur mit der Klampfe gibt. Und das ist eine schöne, wohltuende Abkühlung. Perfekte Schurken sind natürlich durchgeknallte Milliardäre (ein Schelm, wer hier bestimmte Personen im Sinn hat) die ihr Fett abbekommen – durch Atmen, „alle machen pffff“. Es kommt das wunderbare, poetische und brandneue „Wind unter den Flügeln“ in der Solo Akustik-Abteilung, das in einer träumerischen Stimmung den Moment im Hier und Jetzt feiert:
Und was auch sein wird, morgen oder in ein paar Jahren, ich will jetzt nicht grübeln.
Ich werde sagen können, diesen Sommer waren wir einander Wind – der Wind unter den Flügeln.

Und mit einer leicht gespielten „joa-ok-na-gut-ich-spiel’s-doch-ist-ja-nicht-so-lang“ Überleitung schließt sich „Eichhörnchen“ an. Das geht nicht ohne Metal-Shout-Chor des Publikums, das mittlerweile zu allen Schandtaten bereit ist und nur darauf wartet, sich einbringen zu können. Dota ist auch richtig in Fahrt und bittet die Band für „Ich und er“, eine melancholische Ballade, ein chansonhaftes Pop Kleinod, auf die Bühne.
„Im Springbrunnen baden mit nackten Milliardären“ ist der Titelsong des neuen Albums, läutet nun den letzten Part des Konzerts ein und bildet zugleicht einen weiteren Höhepunkt. Denn Dota verwandelt den Folk-Pop-Song eine Abtanz-, Spring- und Rocknummer, denn der Albumtitel „SPRINGbrunnen“ ist ja nicht ohne Grund gewählt. Nun brechen alle Dämme und mindestens 90% im Publikum springen! Die Party geht weiter mit „Von hier an blind“ (einem Cover von Wir sind Helden aus 2005), „Utopie“, ein schöner Reggae aus 2010 („Ich habe viel zu viel Ärger und viel zu wenig Wut“) und dem großartigen „Für die Sterne“ (das übrigens Stefan Ebert geschrieben haben soll) bei dem der Publikum-Chor abhebt und ausgelassen getanzt wird.

Zwar verabschieden sich Dota und die Band, aber alle in der Halle machen sehr deutlich, dass das so nicht geht und kurz darauf haben alle wieder den Platz an ihren Instrumenten eingenommen und es gibt in der ersten Runde noch „Gutes Buch“, das zu ekstatischen Tanzszenen auf und vor der Bühne führt. „Wenn dir das nicht reicht“ reiht sich ebenfalls ein zum Tanzen und Feiern. Es gibt noch eine ebenso feierwürdige zweite Zugabe und tatsächlich eine dritte, die Dotas echte Begeisterung und ihren Spaß an diesem Auftritt zeigt und nur von ihr an der Gitarre und gemeinsam mit Stefan Ebert bestritten wird. Das ruhige, fast besinnliche „Neonlicht“ (von „Die extra Freiheit“, 2019) gibt ein wunderschönes Ende für einen – wie Dota sagt und dem kann ich nur zustimmen – „bezaubernden Abend“. Der Applaus zwischen den Zugaben ist enorm und die Begeisterung, der Jubel und Freude scheinen keine Grenze zu kennen und ich schaue nach zwei Stunden Dota-Konzert in glückliche, lächelnde, rotwangige Gesichter und weiß, fast allen hier geht’s wir mir. Leute, die Gitarre spielen wie Dota & Co. machen froh.

Und ich glaube bei Dota liegt es auch daran, dass sie schafft, was unmöglich klingt: Zum einen textlich mit einer wunderbaren Sprache eine Bandbreite abzudecken, die changiert zwischen leicht melancholisch angehauchten, scheinbar beiläufigen Alltagsbeobachtung, erstaunlich klischeefreien Liebesliedern und politischen und gesellschaftskritischen Ansagen, ohne Fremdschämfaktor. Zum anderen legt sie spielerisch eine so grenzenlose musikalische Offenheit an den Tag, dass es eine Freude ist. Von Folkeinflüssen über chansoneske Kompositionen bis hin zu einer Elektro-Pop Vorliebe ist darüber hinaus eine Rock-Sozialisation ebenso herauszuhören wie eine ausgeprägte Jazz-Kompetenz und natürlich die Liebe zur südamerikanischen Musik.
„Es brauchte schon immer nur wache Augen, eine Stimme, die die eigene ist, und ein Herz, in das mehr als die eigene Altersvorsorge reinpasst.“ Francesco Wilking (Die höchste Eisenbahn, Crucchi Gang) über Dota und ihr aktuelles Album „Springbrunnen“.

Was für eine große Freude, mit diesen zugewandtenliebevollendetailreichentreffendenausführlichen Zeilen den zauberhaften DOTA-Abend noch einmal durchleben zu dürfen – Danke!