GHOSTWOMAN, CALVIN LOVE, 18.11.2025, Manufaktur, Schorndorf

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich Ghostwoman bereits in der Manufaktur gesehen und war von der Sogwirkung, die der massive und repetitive Sound zu erzeugen wusste, ziemlich angetan. Nun ist die Band mit einem neuen Album auf Tour. Die Frage, die ich mir stelle: gelingt es Evan Uschenko und Illa van Dessel erneut, diese Wirkung zu erschaffen, und ist es möglich, ihre doch sehr durchdachte und konzeptionelle Musik zu variieren, ihr neue Aspekte hinzuzufügen?

Doch zuerst kommt der ebenfalls aus Kanada stammende Solokünstler Calvin Love auf die Bühne, der sein bereits fünftes Album „Lavender“ im Gepäck hat. Schon die ersten Gitarrenakkorde erinnern mich an den lässig poppigen Blues eines Chris Isaak. Stimmlich ist Love ein wahrer Crooner, wie er seine Texte mit einer abgründigen Sentimentalität intoniert. Musikalisch ist der Sound stark im klassischen Rock ’n‘ Roll Sound der 1970er Jahre zu verorten, allerdings mit einer deutlich düstereren Färbung, eine fiebrige Unruhe strahlt der Sound aus. Musikalisch ist das wirklich gut; Calvin Love gelingt es Blues, Jazz und Elemente des Punk zu amalgamieren. Leider überzeugt mich sein Auftritt trotzdem nicht wirklich, wird doch ein sehr großer Teil der Musik als Playback zugespielt. Ich hab grundsätzlich kein Problem damit, wenn live Loops erstellt werden, eine Drummachine eingesetzt wird und Effekte aus den Pedalen kommen, wenn man aber eine Band, gar mit Backing-Vocals einspielt, dann ist das doch sehr unauthentisch. Und als er dann in der zweiten Hälfte auch noch seine Gitarre zur Seite legt und nun die Musik zur Gänze aus Playback ist, finde ich das mehr als befremdlich. Loves Auftritt hat nun etwas von einem lynchesken Szenario, in dem der Protagonist einen Alleinunterhalter mit Overacting zum Besten gibt. Gute Musik, für mich aber leider eine missglückte Performance.

Mit voller Wucht beginnen Ghostwoman ihr Set, dies ist die gleiche, unvermittelte Intensität, mit der das Duo mich bereits im letzten Jahr zu überzeugen wusste. Und ja, es ist dieser unverkennbare Sound, der da ins Publikum brandet, und doch ist eine Weiterentwicklung zu vernehmen, schimmert doch durch diese massive Klangwand ein Gitarrensound hindurch, der an die alternative, punkige Surf-Rock inspirierte Musik der frühen Pixies erinnert.
Der Bühnenaufbau ist wie gehabt, Evan Uschenko steht mit seinen Gitarren weit am linken Bühnenrand, Illa van Dessel sitzt mit ihrem Drumset weit rechts. Hier würde ich mir einen etwas kompakteren Aufbau wünschen, weniger räumliche Distanz zwischen den beiden würde die Atmosphäre noch etwas intensivieren. Okay, zugegeben, das ist jetzt Meckern auf hohem Niveau, schon alleine die Lichtchoreografie vermag es, die Musiker*innen dramatisch zu inszenieren und Uschenkos psychedelisch angehauchter Gesang tut sein Übriges.

Wie auch schon im letzten Jahr hat das Set etwas von einem schamanistischen Ritus. Geradezu geisterhaft ist, wie vor Hitze flimmernde, einsame Wüstenlandschaften evoziert werden, in der ekstatische Beschwörungstänze unter dem Einfluss halluzinogener Substanzen aufgeführt werden. Dieser Wirkung kann man sich nur schwer entziehen und die begeisterte Menge lässt sich in die Musik tanzend fallen. Erstaunlich finde ich auch, wie es Ghostwoman gelingt, diese bleierne, schwere Drones, die den Körper völlig vereinnahmen, gleichzeitig leicht, ja transzendent erscheinen zu lassen. Unmittelbar ist diese Musik, mit Evan Uschenkos toller Gitarrenarbeit zwischen New-Wave Flächen und lärmendem Post-Punk, flankiert von van Dessels schnörkellosem, präzisem Drumming. Aus der atavistischen, erdverbundenen Schwere geleitet uns ein außergewöhnliches „Stairways To Heaven“ Cover programmatisch in die finale Sphäre dieser livemusikalischen Zeremonie, um dann in einem letzten Akt die Himmelsleiter mit einem kakophonen Crescendo einzureißen.
Ich bin wieder begeistert, wie auch das Publikum, das ausdauernd nach einer Zugabe verlangt. Diesen Wunsch gewährt die Band allerdings nicht, ich muss aber auch sagen: Dramaturgisch haben Ghostwoman einen perfekten Schlusspunkt gesetzt.
