MESSA, 11.11.2025, Juha West, Stuttgart

Würde der große Dario Argento heute noch mal einen klassischen Giallo drehen, läge der Soundtrack bei seinen Landleuten Messa in kundigen Händen. Mit seinen Freunden von Goblin zauberte Argento in den 70ern und 80ern ja gleich mehrere Genre-Meisterwerke – beim Konzert von Messa im restlos ausverkauften JuHa West assoziiere ich dennoch einen fiktiven Streifen von Argento, der gerne gleich „Messa“ heißen dürfte. Das Bandlogo hinter der Bühne würde passen, auch die geisterhafte Intromusik verheißt sinistre Atmosphäre.

Vielleicht hat die italienische Kultur ja eine besondere Affinität zum Abgründigen? Messa zelebrieren die Schwärze ihrer Seelen auf der Bühne jedenfalls mit Leidenschaft. Der Sound ist fett, laut und breitwandig – bandeigene Soundleute bekommen beim Gigblog ja regelmäßig Schelte gegenüber den erfahrenen Hausmixern, der Mann von Messa hat aber alles souverän im Griff. Und das ist auch wichtig, denn diese Musik lebt doch sehr von Klangpracht, Wucht und epischer Atmosphäre.

Das Genre ist Doom – ein überwiegend langsamer, schwerer Metal-Stil mit düsteren, melancholischen Klängen. Tiefergelegte Gitarrenriffs, schleppende Rhythmen und leidende Gesänge erzeugen eine Atmosphäre von Verzweiflung, Trauer und Endzeitstimmung. Themen wie Tod, Verlust und Apokalypse prägen die Texte. Nichts für Frohnaturen, obwohl sich im JuHa natürlich dennoch ausschließlich nette, gutgelaunte und sympathische Menschen in schwarzen Klamotten tummeln.

Messas Doom ist nicht dogmatisch, sondern deutlich modernisiert. Statt stumpfer Sabbathismen gibt es Tempovariationen (meistens von slow bis unteres Midtempo), vor allem aber immer wieder überraschende Breaks in unterschiedliche Stilrichtungen. Vor allem Gitarrist Alberto Piccolo erweist sich als echter Saiten-Wizard, der technisch virtuose Ausbrüche in Richtung Prog, Blues und Jazz scheinbar locker aus dem Ärmel schüttelt. Man berichtet mir, dass sich die Band von eher traditionellem Terrain vor allem mit dem neuen Werk „The Spin“ in Richtung neuer Ufer bewegt. Tatsächlich höre ich im Konzert nicht allzu viel oldschooligen Doom, sondern immer wieder versierten Prog, auch eine gewisse Emo-Affinität schimmert durch (siehe Klamottenfarbe). Die Band bezieht sich interessanterweise auf die deutschen Bohren & Der Club Of Gore, was in den ruhigen Momenten durchaus erkennbar ist.

Da das Alleinstellungsmerkmal von Messa aber zweifellos Sängerin Sara Bianchin ist, hebe ich mir das Offensichtliche mal bis zu dieser Stelle auf. Die fotogene Italienerin (O-Ton Gigblog-Fotograf) sei ausgebildete Opernsängerin, so munkelt man – zum Glück nicht hinsichtlich tremolierender Expressivität. Dennoch kann die Frau sensationell gut singen: kristallklar, kraftvoll, laut, ultrapräsent und schlicht wunderschön. Genau darin liegt nämlich der Kniff bei Messa: Die Musik ist eigentlich recht träge und ein bisschen muckermäßig, wird aber durch Saras im wahrsten Sinn des Wortes erhabene Performance auf ein anderes Level gehoben.

Ihre warme Altstimme (ein bisschen Richtung Grace Slick oder Heart) kontrastiert prächtig mit der herben Heavyness fuzzgeladener Bass- und Gitarrenriffs. Typischerweise schraubt sich ihre Stimme in lang angehaltenen Tönen langsam die Tonleitern hoch und schwebt dann majestätisch über dem harschen Sound der Band. Das ist über die ganze Konzertlänge zwar ein wenig schematisch, im Effekt aber so überzeugend, dass wohl nicht nur ich reichlich Gänsehaut verspüre. Richtung Konzertende wird’s dann für meinen Geschmack arg lyrisch (ein Lästermaul hörte gar Powerballaden), was der Qualität des Konzerts aber nichts anhaben kann. Meine Prognose: Wenn Messa hoffentlich bald wieder in die Stadt kommen, spielen sie mindestens im Wizemann vor einem verdientermaßen größeren Publikum.

