SOPHIA BLENDA, PAULS JETS, 07.11.2025, KOHI, Karlsruhe

Dass die aus Wien kommende Musikerin Sophia Blenda, a.k.a. Sophie Löw, für mich eine der besten Songschreiber*innen ist, habe ich in meiner Konzertbesprechung über ihre Band Culk ja bereits erwähnt. Im Frühjahr hatte die Multiinstrumentalistin Blenda ihr zweites Soloalbum „Die Summe der Vereinzelung“ veröffentlicht. Ein intensives, melancholisches, introspektives Werk, das aber aus der Introspektion und dem Intimen herausschreitet und als ein universalistisches Statement zum Feminismus zu lesen/zu hören ist. Ein Thema, das wieder dringlicher wird, in einer Zeit des konservativen Backlashs. Und das macht diesen auf den ersten Blick sehr widersprüchlichen Albumtitel so wahr. Aus Diskriminierung Einzelner wird ein gesamtgesellschaftliches Problem. Diese Einzelschicksale müssen an die Öffentlichkeit, um in ihrer Summe auf Missstände aufmerksam machen zu können, Bewusstsein schaffen, auch wenn dies schmerzhaft ist. Blendas neues Album zeigt, was Popmusik/Popkultur wirklich sein kann, ja auch sein muss: Statements zur Zeit; kritisch und aufwühlend, ein Entwurf gesellschaftlicher Progression.
Als Support ist die, ebenfalls aus Wien kommende Band „Pauls Jets“ am Start. Das Trio ist mit ihrem bereits vierten Album „Morgen sind wir Fantasy“ auf Tour, das im Pressetext mit den Worten „ein bittersüßes Pop-Album, auf dem die Menschen in den Songs immer kurz vor, oder schon mitten in der Krise stehen und stecken“, beschrieben wird.

Erstaunt bin ich allerdings, als um 20.15 Uhr nicht Pauls Jets die Bühne betreten, sondern Sophia Blenda, gemeinsam mit Veronika Adamski an der Violine und Johannes Blindhofer (der energetische Drummer von Culk) an der Gitarre und den Percussions. Das Set beginnt mit „Mein Horizont“ vom aktuellen Album, mit dem sie das gut besuchte Kohi mit ihrer einzigartigen Stimme, ihrem dezenten und nuancierten Pianospiel und Adamskis sanften Violinen-Harmonien, in eine alles umarmende Melancholie taucht.
„Nimm meinen Platz, dann siehst du meinen Horizont. Den schwarzen Himmel über grauer Wolkenfront“.

Das Publikum lauscht andächtig, zieht die Schönheit der Musik und die Tiefe der literarischen Texte, die in ihrer Offenheit Raum zur Interpretation lassen, förmlich in sich auf. Unter die Haut geht dieses Konzert bei jeder Sekunde, das Dunkel des Sounds ist zu keiner Zeit hoffnungslos, immer glimmt die Schönheit des Guten, der Menschlichkeit in der zarten Dunkelheit. Introspektiv und doch alle betreffend. Im Song „Brief einer Unbekannten“ heißt es:
„Wer nicht leben kann, muss träumen. Wer nicht sprechen kann, muss glauben. Glauben an dich, dass du mich siehst, dass du mich hörst, du mich erkennst, bevor ich still verbrenne“.

Was für eine Wucht dies hat! Erstaunlich ist diese außerordentliche Ambivalenz des Dargebotenen: einerseits so unglaublich fragil und mit einer kaum fassbaren Sensibilität vorgetragen, andererseits ist dies alles von einer extremen Intensität geprägt. Musikalische Preziosen, die durch Blindhofers zurückhaltend gespielte Percussions eine dezente Erdung erfahren und es vermögen, den Raum komplett auszufüllen. Sehr bewegend ist dies, wer hiervon nicht berührt wird, der muss wahrlich aus Stein sein. Blenda bietet einen Auftritt ohne Show und zeigt trotzdem eine massive Bühnenpräsenz, das ist große Kunst. Und Sophia Blenda ist wirklich eine große Künstlerin, die an einem umfassenden Gesamtkunstwerk arbeitet. Man muss sich nur die von ihr gestalteten Artworks anschauen, die Videos und das Merch, auch das von Culk; ihre künstlerische Sprache ist umfassend und sehr stringent. Als Zugabe gibt es den Song „Die neue Heiterkeit“ und daraus möchte ich noch einmal eine Textzeile zitieren:
„Manchmal verfalle ich der Dunkelheit
Manchmal bedeutet Zukunft die neue Rückgewandtheit
Rückwärts oder in Ferne eilen
Sterne in Fernen“

Puh, was für eine Aussage, was für ein Kommentar, auch zur Zeit. Das hypnotisierte Publikum bleibt begeistert zurück.
Und nach Sophia Blendas Konzert wird klar, Pauls Jets waren nicht als Support angedacht, heute Abend ist im Kohi ein Doppelkonzert auf dem Timetable. Und was soll ich sagen, schon nach den ersten Takten hört man, viel unterschiedlicher könnten die Protagonisten des heutigen Abends gar nicht sein. Pauls Jets beginnen mit der Singleauskopplung „Pompeji“. Das ist fröhlich klingender Indie-Elektropop, der Lust auf Party macht, der das Zeug hat, den jetzt schon vermissten Sommer zu verlängern. Doch hinter dieser poppig fluffigen Gute-Laune-Fassade steckt mehr, eine leichte Melancholie schimmert durch. „Alles stürzt ein“, intoniert Gitarrist und Sänger Paul Buschnegg.

Sehr ungewöhnlich ist der Aufbau des Sets. Die Effektgeräte sind auf einem langen, am Bühnenrand stehenden Tisch aufgebaut. An der linken Tischseite ist ein großer aufgeklappter Koffer, in dem sich Kilian Hanappis elektronischen Gerätschaften befinden. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz zum Publikum, die im Gegensatz zum Uptempo-Electroclash-DIY-Sound steht. Dies verleiht dem Auftritt des Trios einen Kunstperformance-Charakter.

Komischerweise funktioniert trotz dieser räumlichen Barriere der Auftritt, die Spielfreude und die Energie, die Pauls Jets sichtlich haben, überträgt sich aufs Publikum. Die in Teilen punkige Gitarre, die nuancierten Bassakkorde von Romy Jakovcic und Hanappis Computerbeats animieren das Publikum zum Tanzen. Der Gesamtsound lässt sich stark in den Achtzigern verorten, mit Neue Deutsche Welle Reminiszenzen á la Hubert Kah und Italo-Disco-Bezügen; irgendwo zwischen Schülerdisko in der Mehrzweckhalle mit Lichtorgel und einem surrealen Auftritt in der Roadhouse Bar aus David Lynchs Kultserie Twin Peaks. Cool, wie die Jets aus catchy Melodien, groovy Rhythmen und einem zeitweise fast schon grungigen Gitarrensound eine artifizielle und doch tanzbare Party zaubern.

Ein wirklich spannendes Doppelkonzert war das heute Abend. Zwei sehr unterschiedliche Acts standen im Kohi auf der Bühne, Acts, die man musikalisch nicht wirklich zusammenbekommt, die jeweils für sich betrachtet aber absolut zu überzeugen wussten.

Merci, gerne gelesen. Ich finde das total spannend, wenn jemand zum selben Konzert ein Review macht, auf dem ich auch war. Das ist ausgesprochen interessant, und gefällt mir sehr. Ich hoffe, es gibt noch einige gegenseitige Besuche und Crossover-Momente.
Ich wußte bis heute nichts von eurer Seite, bin daher heute sehr beeindruckt und positiv überrascht. Ihr macht das gut und es freut mich, dass es in der Nähe KollegInnen gibt.
Liebe Grüße aus Karlsruhe.
Hi Andreas,
vielen Dank für die freundlichen Worte. Wir wussten auch nichts von deiner Seite, erlauben uns aber mal, deinen Bericht hier zu verlinken: https://jazznrhythm.com/sophia-blenda-und-pauls-jets-im-kohi-am-07-11-2025 . Die dort beschriebene schwierige Situation für Live-Musik kennen wir in Stuttgart leider genauso. Deshalb arbeiten wir ja auch so hart daran, das Verbliebene so gut wie möglich sichtbar zu machen.
Viele Grüße unter Kolleg:innen, Holger.
Paul Jets im Merlin Stuttgart vor kurzem waren auch sehr cool…“Eklektisch“ so würde ich die Musik (nach kurzer aftershow-Unterhaltung mit Romy ) bezeichnen…Ich habe dieses mir bisher unbekannte Fremdwort (bin ja keine kunststudierte Person) in meinem Wortschatz von ihr übernommen, welches nach meinem Gefühl ihre Musik ganz gut beschreibt ;-)