SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf

SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Anfang des Jahres erschien das Debütalbum „Köşk“ der Münchner Band Sinem. Wie beispielsweise auch die mittlerweile sehr erfolgreichen Altin Gün spielen sie türkische Standards, Volkslieder, Protestsongs und Traditionals (vieles davon aus den 60er und 70er Jahren) in modernem und weltoffenem Format – also auch für Fans der aktuell ja immer mehr boomenden Global-Beat-Szene. Statt mittlerweile verbreiteter nah- und mittelöstlicher Psychedelic- und Disco-Sounds setzen Sinem auf ein straighteres Format. Sie bezeichnen sich als Anadolu-Postpunk-Trio, obwohl ihr Debütalbum durchaus auch zu genreprägenden Labels wie Bongo Joe, Glitterbeat und Batov passt. Live ist dieser „orientalische“ Groove ja auch beim Gigblog schon seit längerem ein beliebtes Thema: Die Auftritte von Bands wie Yin Yin, Sababa5 oder Derya Yildirim & Grup Simsek bleiben in Erinnerung.

SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Beim Konzert in der Schorndorfer Manufaktur passt die Selbsteinschätzung von Sinem sehr gut. Für eine noch recht unbekannte junge Band finden sich erfreulich viele Menschen in der Manufaktur ein – unterschiedlichen Alters und keiner bestimmten Szene oder Subkultur zuzuordnen. Statt authentischer Folk-Instrumentierung steht ein straightes Rocksetup auf der Bühne, Drums links, E-Gitarre rechts, das Zentrum der Bühne besetzt eindrucksvoll Sängerin
Sinem Arslan Ströbel. Sie präsentiert sich vom Start weg als beeindruckende Powerfrau mit gewaltiger Stimmkraft und raumgreifenden Dance-Moves. Zu ihrer Rechten trommelt Tom Wu einen schnörkellos treibenden Rockgroove, nur selten mit kleinen nahöstlichen Akzenten verziert. Gradlinig und ohne funky Breaks oder funktionalem Disco-Hi-Hat liefert er einen satten Rhythmus mit Wumms. Rechts auf der Bühne bedient Martin Tagar (auch bei Friends Of Gas dabei) seine weiße Telecaster, ohne großes Effekt-TamTam und eher introvertiert.

SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Gegen diese explosive Sängerin hätte er auch keine Chance – was hat die Frau Energie und Ausdruck. Sie singt die historischen Lieder auf Türkisch und verleiht ihnen einen herben, lauten und intensiven Charme. Ihre Performance ist auch deshalb so mitreißend, weil sie die mir unverständlichen Texte auch körpersprachlich grandios umsetzt – mit zackigen, ausdrucksstarken Moves. Ihre coolen Cowboystiefel landen schnell in der Ecke, barfuß wird’s dann sogar noch expressiver. Die Frau lebt ihre Musik mit mitreißender Leidenschaft.

SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Das Publikum singt teils euphorisch mit und auch sonst kommen die eingängigen Songs sehr gut an. Der gradlinige Drive geht echt in die Hüften, allerdings finde ich das Sounddesign nicht ganz stimmig, was in der Manufaktur nur ganz selten vorkommt. Denn die eingespielten Samples mit folkloristischen Ornamenten geraten – im Gegensatz zum Album – weit in den Hintergrund. Auch die krautig-schrammelnde Gitarre setzt wenig Akzente und ist für meinen Geschmack deutlich zu leise. Eine schnittige Baglama hätte mir besser gefallen, auch einen bodenständigen Bass habe ich ein wenig vermisst – aber Sinem verstehen sich halt als Postpunk.

SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Viel mehr Songs als auf dem Album scheint es nicht zu geben, weshalb das Konzert nach knapp einer Stunde dann auch vorbei ist – bei dieser Intensität ein guter Deal. In einem kleinen, schwitzigen Club hätten Sinem wahrscheinlich noch mehr abgeräumt, man darf der Manufaktur aber wie immer dankbar sein, dass sie vielversprechenden jungen Bands so eine große Bühne bietet.

SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf | Foto: Holger Vogt
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Ein Gedanke zu „SINEM, 07.11.2025, Manufaktur, Schorndorf

  • 10. November 2025 um 12:36 Uhr
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    Hey Joe, „in einem kleinen, schwitzigen Club hätten Sinem wahrscheinlich noch mehr abgeräumt“ kann ich nur bestätigen. Neulich im SlowClub Freiburg, als beim Support für Pales nur die Sängerin auf die Bühne gepasst hat, sprich Drums und Gitarre davor, war’s definitiv so <3.

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