MASHA QRELLA, 16.10.2025, Merlin, Stuttgart

Bereits im Frühjahr hatte Masha Qrella ihr neues Album „Songbook“ veröffentlicht. Bei diesem Albumtitel kommt einem das „Great American Songbook“ in den Sinn, bei dem es sich um einen Kanon von klassischem US-amerikanischem Songmaterial handelt, bestehend unter anderem aus Jazz-Standards, welche prägend für die Unterhaltungsmusik waren. Spannend ist diese musikalische Assoziation allemal, kommt Qrella doch ursprünglich aus dem Postrock und vollzog im Laufe ihres nun schon langjährigen Schaffens immer wieder musikalische Wandlungen. So gab es Anleihen beim West-Coast Rock und Indie-Alternative, und 2021 vertonte sie auf dem Album „Woanders“ Texte des Dichters Thomas Brasch. Schon zwei Jahre zuvor setzte sie sich auf ihrer EP mit intellektuellen Texten von Heiner Müller und Einar Schleef auseinander. Qrella ist eine Künstlerin, die es sich nicht leichtmacht oder ihren Weg geradlinig geht. Sie sucht für sich und das Publikum, die Herausforderung; eine stetige (Weiter-)Entwicklung ist ihrer Kunst immanent. Man darf heute Abend also wirklich gespannt sein, was einen erwarten wird. Eine Show von großer musikalischer Qualität dürfte eigentlich sicher sein.

Prominente Unterstützung hat Masha Qrella auf ihrer Tour dabei: Andi Haberl von The Notwist ist am Schlagzeug und der Multiinstrumentalist Andreas Bonkowski, der unter anderem bei der Berliner Band Siva an der Gitarre spielt, ist an den Synthesizern und Effektgeräten im Einsatz.

Das Set beginnt auch, wie der Albumtitel vermuten ließ, mit klassischem Indie Singer/Songwriter Sound. Stark ausgeprägte Blues Anleihen sind zu vernehmen, wie auch Americana-Einflüsse. Damit diese Mischung aber nicht zu sehr in der klassischen Rockmusik zu verorten bleibt, wird der Sound mit dezenter Grunge-Gitarre aufgebrochen. Apropos dezent: Qrellas narrativer Gesangsstil ist ruhig und zurückhaltend. Masha Qrellas Bühnenperformance ist, ebenso wie ihre geradezu schüchtern wirkenden Ansagen, bei denen launig Anekdoten von privatem, die Musik betreffendem und natürlich auch vom Tour-Alltag erzählt werden, sehr zurückhaltend und in ihrer Musik geradezu versunken. Im weiteren Verlauf wird diese Zurückhaltung dann musikalisch doch etwas aufgebrochen: sehr präzise Drum-Patterns, bei einem Könner wie Haberl war auch nichts anderes als ausgefeilte Präzision zu erwarten, erschaffen mit Bonkowskis feinen Synthieflächen eine unaufdringliche Rhythmik, die zum entspannten Beinewippen animiert. Musikalisch ist das, ebenso wie das Songwriting, auf hohem Niveau. Beim Song „Countryside“ erschafft Qrella mit ihrer fuzzy gespielten Gitarre eine schöne Sogwirkung.

Sehr überraschend ist die Coverversion, die sich auch auf dem neuen Album befindet, des Whitney Houston Hits „I Wanna Dance With Somebody“. Qrellas Version ist weit entfernt vom schwofigen Achtziger-Candy-Disco-Hit. Mashas Interpretation ist geprägt von introspektiver Melancholie, verfeinert mit leicht durchschimmerndem Glitzer. Beim Track „Cool Breeze“ wird ein feines, transparentes Stück Indie Folk-Pop mit, gute Laune verbreitenden Elektropop-Vibes performt. Gute Laune Vibes, die sich auf das sehr konzentriert zuhörende Publikum im gut gefüllten Merlin übertragen, was auch mit entsprechendem Applaus gewürdigt wird. Und das zu Recht, war dies heute Abend doch qualitativ ein wirklich gutes Konzert und bei einer solchen künstlerischen Güte hätte Masha Qrella allen Grund auf der Bühne etwas weniger zurückhaltend zu sein.

