TESTAMENT, OBITUARY, DESTRUCTION, NERVOSA, 13.10.2025, LKA, Stuttgart

Der Begriff „Konzertherbst“ kommt ja nicht von ungefähr, ist diese Jahreszeit doch meist gut bestückt, was Auftritte angeht. Aber dieses Jahr scheint’s wirklich übertrieben. Wirklich jeden Tag könnte ich diese Wochen abends auf irgendein Konzert von guten Musiker*innen gehen, aber die spärlichen Energien wollen gut eingeteilt sein. Zumal ein Konzertabend ja auch so aussehen kann wie heute: Vier Bands, alle sehenswert, Stehvermögen ist gefragt. Das Stützkorsett nochmal stramm angezogen, Ohrenstöpsel tief rein, los geht’s.
Ein wenig Verwirrung herrscht anfangs vor, wer denn die erste Band des Abends sein wird. In den Ankündigungen war zuerst von Nervosa die Rede, auf die ich mich gefreut hätte. Auf der LKA Homepage las ich dann im Verlauf des Tages stattdessen von Goatwhore, auf die ich mich ebenfalls gefreut hätte. Ein Blick auf den Merch-Stand zeigt Nervosa T-Shirts. Dann freu ich mich halt doch auf die (Teil-)Brasilianerinnen. Sepultura-Songs stimmen einen geographisch korrekt schon mal auf das Kommende ein.
Ohne großes Intro wird einfach auf die Bühne gekommen und losgelegt. Der Sound der zwei Gitarren könnte etwas präsenter sein, aber schon nach wenigen Minuten wird klar, dass das hier unterhaltsam wird. Gutklassiger Thrash, der einerseits durch den etwas heiseren Gesang ein wenig böse Richtung blackigere Metalgenres blinkt, andererseits durch zweistimmige Leads auch klassischere Metalohren beglücken kann. Die Gitarrensoli sind ausgesprochen kompetent gespielt, die Songs abwechslungsreich und so geschrieben, dass sie schon nach erstmaligem Hören griffig klingen. Dass Queensryche Sänger Todd La Torre Fan der Band ist, und auf dem vorletzten Album sowohl der Flotsam & Jetsam Sänger sowie Schmier von Destruction mitsangen verwundert also null. Prima Auftritt und mit Erwähnung von Schmier ist die Brücke zum nächsten Auftritt schon geschlagen.
Der großgewachsene Sänger und Bassist ist seit dem Ausscheiden des Gitarristen Michael Sifringers 2021 das einzig übriggebliebene Gründungsmitglied in der Band. Auch schon wieder 14 Jahre her, als ich die Institution des deutschen Thrashs das letzte Mal gesehen habe. Damals „widmete“ Schmier noch eine Ansage CDU-Wählern und Guttenberg. Dergleichen gibt es heute nicht, aber wie damals den kompakten Destruction-Sound in einem Set, das gemischt aus alten Klassikern wie „Curse The Gods“ oder „Bestial Invasion“ oder neueren Songs wie „Destruction“ besteht. Unerbittlich und etwas weniger abwechslungsreich als Nervosa prügelt sich der Vierer durch das etwas gleichförmige Set.
Nicht unbedingt meine Lieblingsband aus dem Genre, kann die Bedeutung Destructions für den Extreme-Metal kann aber ebenso wenig wegdiskutiert werden wie der ihrer Webegleiter Kreator und Sodom. Beide prägten mit ihren rohen Frühwerken, dem Spielen mit satanistischen Elementen in ihren Texten und dem lo-fi Look in Fanzines sowohl die ersten Black- sowie Death-Metal-Bands. Ebenfalls verbindendes Element zu den beiden anderen deutschen Bands ist, dass sie es weiterhin schaffen würdige, gut hörbare Alterswerke abzuliefern. Und so wie Schmier sich bewegt und singt, wird das wohl noch einige Zeit so weitergehen können. Um kurz vor 20 Uhr ist das mit 40 Minuten genau richtig bemessene Set zu Ende. Rohe Gewalt trifft es als Bezeichnung für das Gehörte vielleicht ganz gut.

Talking ‚bout important bands. Obituary aus, natürlich, Florida, waren von Anfang an bei der Geburt des Genres Death Metal dabei. Eine Stilrichtung, in der ich mich nicht allzu gut auskenne, aber das Debütalbum „Slowly We Rot“ nenne ich seit kurzem mein Eigen, und oh boy, das gefällt mir schon sehr gut. Der Auftritt heute Abend wird mich zum Fan der Band machen.
Bühnenbildmäßig wird es keinen Firlefranz geben. Dunkles Licht, lange Haare plus Bühnenhintergrund der Ausschnitte von Plattencovern zeigt. Mehr braucht es aber auch nicht, wenn man einen Sound wie Obituary poduzieren kann. Der Gitarrensound ist vom Opener „Redneck Stomp“ weg ultrafett und brutal. Auf eine faszinierende Art ist die Musik einerseits cavemanish primitiv und klingt, als würden Black Sabbath Death Metal machen. On the other hand sind die Teile, die einen Song aufbauen, meist komplexer und unvorhersehbarer als es bei Thrash Metal üblich ist. Dass die Band Celtic Frost mag, wird sich nicht nur am später gespielten Cover von „Circle Of The Tyrants“ zeigen, auch der Gitarrensound klingt ähnlich fies wie in den frühen Tagen der Schweizer.

Positiv fällt mir der Gesang von John Tardy auf. Es ist natürlich genretypisch extrem, aber im Gegensatz zu vielen moderneren Bands, absolut eigenständig und sofort identifizierbar. Ab dem vierten Song an folgen erstmal sieben Stücke des wohl populärsten Albums „Cause Of Death“, dessen 35-jähriges Jubiläum gefeiert wird. Alle gleich gut, alle gleich zerstörerisch. Es fühlt sich an, als würden Obituary die Gravitation um etliche Vorkomma-Stellen als die auf Planet Erde üblichen 9,8 m/s² anheben, die Raumzeit krümmt sich spürbar.
Die Intensität des Gigs lässt für die gesamte Dauer nicht eine Sekunde nach, jedes Riff ist ein Knaller. Ob schnellere Parts oder ultralangsame Doom-Stellen, alles groovt auf eine faszinierende Weise. Ob der aufblasbare Alligator im Publikum eine Florida-Hommage der Band selbst, oder vom Publikum an die Band ist, bekomme ich nicht mit. Höhepunkte? Jede verdammte Sekunde des Auftritts.

Testament dürfte ich so oft wie wenig andere Gruppen live gesehen haben. Gefühlt kommen sie auch jährlich einmal in die Gegend. Dabei kontrastierten bei mir während der letzten Auftritte zwei gegensätzliche Gefühlslagen. Ein wenig Gewohnheit ließ so eine Art Routinegefühl aufkommen einerseits, andererseits hatte ich beim letztjährigen Auftritt in der Schleyerhalle den Eindruck, dass die Band besser war als die Jahre zuvor. Frischer, motivierter. Und heute?
Der San Francisco Fiver startet mit dem starkem „Do Not Resuscitate“ aus dem 1999er Album „The Gathering“. Muss man bei der Gelegenheit auch nochmal betonen. Zu einer Zeit als der Output von 80er Metalgrößen wie Maiden, Metallica, Megadeth etc. qualitativ doch ganz schön zu wünschen übrig ließ, hauen Testament ein Album raus zwischen Thrash und Death Metal, und es ist ein großartiges Album. Die Klangqualität ist trotz etwas zu leiser Gitarren ok. Vor allem Billys Stimme wirkt stärker denn je. Er wirkt für mich auch deutlich beweglicher als zuletzt. Entweder falsche Erinnerungen, oder der gute Mann erlebt einfach nochmal eine Spätblüte.

Das Set wird leider nur jeweils einen Song aus den beiden ersten Alben enthalten. Die sind zwar meine mit Abstand liebsten Alben der Band, aber für Testament spricht eben auch, dass sie einen extrem qualitativ stabilen Albenoutput über die Jahrzehnte hatten. Ein Grund dürfte Rhythmusgitarren- und Riffgott Eric Peterson sein. Da ist kein Nachlassen im Output an aggressiven und bös klingenden Riffs über die Jahre zu notieren. So stellen auch die zwei neuen Songs „Infanticide A.I“ und „Shadow People“ vom gerade erschienenen Album keinen Grund dar, die Nase zu rümpfen.
Sologitarrist Alex Skolnick bleibt weiterhin ein Ausnahmekönner, ein virtuoses, schöngeistiges Element, welches evtl. Megadeth zu Marty Friedman Zeiten noch aufbieten konnte. Dass er nebenbei noch ein politisch stabiler Typ ist, darf in den heutigen Zeiten auch noch positiv vermerkt werden. Auf jeden Fall kontrastiert er mit seinen ideenreichen Soli das deftige Geriffe von Peterson. Musikalisch ebenfalls ein Volltreffer ist der „neue“ Schlagzeuger Chris Covas. War ich 2023 noch etwas enttäuscht, nicht Dave Lombardo an den Drums zu sehen, muss ich heute feststellen: Der gute Knabe fügt der reichhaltigen Ahnengalerie von Testament-Drummern (Lombardo, Hoglan, Bostaph to name a few) einen weiteren würdigen Namen hinzu.

Der Mosh-Klassiker „Into The Pit“ beendet diesen unglaublich dichten Konzertabend ohne wirkliche Schwachpunkte. Angelehnt an die legendäre „Clash Of The Titans“ Tour der Anfang 90er Jahre lautet die aktuelle Tour „Thrash Of The Titans“. Die Namen mögen auf alle vier Bands hochgerechnet nicht an das damalige Event rankommen. Der Spaß, den man aber hier haben konnte, dürfte aber vergleichbar gewesen sein.
