DIE KRUPPS, ERDLING, JOHNNY TUPOLEV, 27.09.2025, Im Wizemann, Stuttgart

Rammt sie!
Rammt sie!
Rammt sie!
Mit voller Kraft
Die Krupps machen nach ausgedehnter US- und Europa-Tournee mit ihrer 45th-Anniversary-Tour Halt in Stuttgart. Auch wenn die Dienstleistungsgesellschaft längst die Arbeiterschaft verdrängt hat, glänzen Die Krupps wie ein frisch poliertes Stahlwerk aus vergangenen Zeiten und zeigen, was sie noch draufhaben. Und hierzu haben sie sich kraftvolle Unterstützung geholt, gleich zwei Gruppen begleiten Die Krupps.

Das Trio Johnny Tupolev startet die Düsen. Auf der Website heißt es: „Wuppertals Alternativ-Rocker begeistern mit einer perfekten Synthese aus brettharten Gitarrenriffs, stampfenden Maschinen-Beats und treibenden Sequencer-Loops“. Formal richtig. Die Brechung der brettharten Gitarrenriffs mit launigen Ansagen in Bergischem Singsang sind einerseits charmant (Botschaft: alles nicht so ernst nehmen), andererseits einen Tick zu albern („Ihr könnt gerne mal mitsingen: Bomb your head“, oder zum Hubschrauber-Intro ins Mikro „Hubschrauber“ hauchen).

Erdling sorgt für aktive Plattentektonik mit ihrem Deutsch-Metal, der auch als – Achtung, Schublade – Neue Deutschen Härte bezeichnet werden kann. Der Double Bass ballert, der E-Bass drückt, die E-Gitarre sägt, Sänger Neill Freiwald gutturalt von Rabenherz-Schmerz-Götterdämmerung. Das klingt alles im Rahmen des Genres sehr stilsicher und amtlich.
Freiwald erzählt von einer Begebenheit aus seiner Kindheit: Sein Vater hätte eines Nachts laute Bum-Bum-Musik gehört, der kleine Neill hätte nicht schlafen können und seinen Vater daraufhin gebeten, ob er die Musik leiser machen könne. „Nein, kann ich nicht. Das sind Die Krupps!“. Nun muss man wissen: Neills Vater war Walter Freiwald, u. a. seines Zeichens Harry Wijnvoords Sidekick bei der absurden RTL-Show „Der Preis ist heiß“. Die Welt ist nicht immer, wie sie scheint.

Die Krupps fahren die Maschinen in die Halle, das stilprägende Stahlophon, eine Art Metallophon aus Röhren, wird auf die Bühne gerollt. Dann folgenden die Arbeiter, allen voran Gründer, Sänger und Stahlinist Jürgen Engler, Sampler Ralf Dörper, Gitarrist Dylan Smith und Schlagzeuger Paul Keller. Sie werfen ihre Geräte an und brettern zum Einstand ihren Pervitin-Klassiker „Nazis auf Speed“ mit dem schönen Refrain „Rammt sie! Mit voller Kraft“
Die Kupps aus Düsseldorf, offensichtlich benannt nach dem untergegangenen Stahlkonzern Krupps, machten ab 1980 aus Industriekultur und deutschem Arbeit-und-Schweiß-Klischee einen harten, tanzbaren Elektro-Sound und reihen sich damit neben Düsseldorfs Kraftwerk und DAF in die Reihe der Gründerväter der Electronic Body Music und damit auch die des Technos ein (für Nerds: Rüdiger Esch hat die dazugehörige Oral History 2014 ganz wunderbar in seinem Buch „Electri_City. Elektronische Musik aus Düsseldorf“ aufgearbeitet). Damit aber nicht genug. Die Krupps nahmen dann zu ihrem harten Elektrosound irgendwann die E-Gitarre hinzu, und damit nahmen sie, neben Laibach, den Sound von Rammstein vorweg.

Zurück zur Gegenwart: Hat die Musik noch ihre Kraft? Haben die Musiker noch die Kraft, die Musik zu verkörpern? Kurze Antwort: Ja! Frontmann Jürgen Engler (und vermeide ich bewusst den Namensbezug zu Hartmut Engler) gibt den fleischgewordenen American Rockstar mit rheinischer Klangfarbe, sicherer James-Hetfield-Stimmlage, ins Publikum zeigen und lächeln, zusammen Posen mit dem hühnenhaften, amerikanischen Gitarristen. Die vielen US-Auftritte gingen nicht spurlos an Engler vorbei. Wer Spaß an diesem Genre hat, wird heute Abend komplett abgeholt.

Als Zugabe wird „Machineries of Joy“ gespielt, also der Kult-Track „Wahre Arbeit, wahrer Lohn“ im Arrangement mit Nitzer Ebb von 1989. Engler spielt das markerschütternde Stahlophon, um dann ins Duett mit dem Publikum zu gehen:
Engler: „Arbeit“
Publikum: “Lohn“
Engler: „Arbeit“
Publikum: “Lohn“
Die Krupps können immer noch mit dem Sound, der sich romantisierend am Nachhall der untergegangenen Industriekultur bedient, begeistern. Die SPD schafft das wohl nicht mehr.

Noch zwei Fun-Facts:
Ralf Dörper am Sampler war in den frühen Achtziger für die Synthiepop-Band Propaganda verantwortlich. Und die haben heute noch etwa 450.000 monatliche Höher auf Spotify. Die Krupps hören etwa 75.000 Leute.
Das erste Die-Krupps-Konzert in Stuttgart war im Maxim Gorki. Wer hätte das gewusst?!
Die Setlist:
Nazis auf Speed
Schmutzfabrik
Der Amboss
On Collision Course
The Dawning of Doom
Industrie-Mädchen
High Tech/Low Life
Black Beauty White Heat
Crossfire
Will nicht – Muss!
Metal Machine Music
Fatherland
To the Hilt
Robo Sapien
Bloodsuckers
Zugabe
Machineries of Joy
