POSTCARDS, INTERBELLUM, 26.09.2025, Manufaktur, Schorndorf

Schon seit einigen Tagen mache ich mir Gedanken darüber, ob das Konzert von Postcards, bedingt durch die geografische Herkunft der Band, zu einem Statement bezüglich des Israel/Gaza-Konflikts werden wird, und falls ja, wie ich als Rezensent adäquat darauf reagieren soll, beziehungsweise darauf reagieren kann. Grundsätzlich finde ich es richtig, wenn nicht gar von großer Wichtigkeit, wenn Künstler*innen im Rahmen ihrer künstlerischen Möglichkeiten, zu politischen Themen Stellung nehmen und mit ihrer Kunst einen entsprechenden Diskursraum öffnen. In welcher Eindeutigkeit sie das dann in letzter Konsequenz tun, vielleicht sogar über das Künstlerische hinaus, ist eine andere Frage. Bei einem Konflikt, dessen Wurzeln so weit in der Vergangenheit vergraben und so extrem ineinander verflochten sind, liegt eine, dieser immensen Komplexität gerecht werdende Betrachtung und Beurteilung meinerseits, nicht in meinem Möglichkeitsbereich, schon gar nicht im Rahmen einer Konzertbesprechung, die ja nicht zu einem vielseitigen geschichtspolitischen Essay mutieren soll. Also werde ich mich ganz auf die Musik konzentrieren, und die war bei den bisherigen Auftritten der Band, denen ich bisher beiwohnen durfte, immer hervorragend.

Gegen 20.30 Uhr betritt der Support-Act Interbellum, der, ebenfalls wie Postcards aus Beirut kommt, die Bühne der gut besuchten Manufaktur. Fein ziselierte Klänge, die der Musiker mit großer Sensibilität seiner Akustikgitarre entlockt, erfüllen den Raum. Und wenn es jetzt von mir auch sehr klischeehaft ist, von herbstlicher Melancholie zu sprechen, so vermitteln diese zurückhaltenden, minimalistischen Preziosen genau dies: eine wohlige Schönheit, die glücklicherweise frei von jeglichem Kitsch sind; dies ist einfach gefühlvoll und mit klarer Stimme perfekt vorgetragen. Bei dieser reinen Wohligkeit bleibt es allerdings nicht, als wirklich deepe Beats erklingen. Auf Interbellums Album „Aarhus is Very Beautiful at Night“ spielte Pascal Semerdjian von Postcards die Schlagzeugparts ein, da dieser aber nun gleich im Anschluss gefordert sein wird, kommen die Rhythmen aus einer Drum-Maschine. Dies funktioniert erstaunlich gut, bilden die monotone Drum-Patterns doch einen spannenden Gegenpart zu dem gefühlvollen Vortrag, der sich gegen Ende im rein Atmosphärischen auflöst. Musik, auf die man sich intensiv einlassen muss, was das konzentriert zuhörende Publikum auch tut.

Wie dann auch von mir erwartet, gibt es von Interbellum einige Worte zum Nahostkonflikt. Es werden Leid und menschliche Abgründe angesprochen, ohne ein direktes politisches Statement abzugeben; wie schon in seiner Musik, geht es dem Künstler um das Menschliche an sich und somit in diesem Kontext um das allgemeine Leid(en) von Individuen, das doch alle betrifft. Bewegend!

Postcards beginnen unvermittelt mit noisigen Klangkaskaden ihr Set. Massiver Druck wird aufgebaut; dichte, schwer fassbare Shoegaze-Flächen stehen geradezu im Raum, durch die Julia Sabras zarter und doch intensiver Gesang dringt. Wow, was für ein Auftakt, Gänsehaut ist angesagt. Schnell wird klar: Beim Aufbau der Musik, der Komplexität der Klangschichtungen und der durchdringenden Rhythmik, durchbrochen von atonalen Disruptionen, müssen sich die drei Libanesen nicht hinter den großen Namen des Genres aus England, wie zum Beispiel Ride oder Slowdive, verstecken; aktuellen Bands zeigen die Beiruter, wo aktuell der Hammer hängt.

Tief eintauchen kann man in diese Klangwelt, sich in sie fallen lassen, und gleichzeitig nimmt sie den Zuhörer auf eine emotional aufwühlende Reise mit. Da passt es nur allzu gut, wenn Julia erzählt, was für ein schwieriger Weg es war, das aktuelle Album aufzunehmen, unter anderem bedingt durch die kaum vorstellbaren Verhältnisse im Libanon, wie zum Beispiel die massive Explosion im Beiruter Hafen, bei der weite Teile der Stadt zerstört wurden, wie auch die Wohnung von Julia und Pascal, der dabei auch schwer verletzt wurde. Verhältnisse, die zermürbend sind und wütend machen, und doch wird nie die Hoffnung aufgegeben. So kündigt Sabra dann den nächsten Song „Colorblind“ mit der Beschreibung „angry but in a dreamy way“ an. Aufwühlend und in träumerischer Hoffnung schwelgend ist er dann zu gleichen Teilen ein Wechselbad der Gefühle, die verstörend kühlen Gitarrenflächen Marwan Thomes, das strukturierende Schlagzeugspiel von Pascal Semerdjian und der hallige Gesang, der zwischen Flehen und Zuversicht changiert.

Meterhohe kaum zu ergründende Klanggewölbe werden erschaffen, die nahezu grenzenlos erscheinen und dann doch von diesem ephemeren Gesang ausgefüllt zu werden. Dem entgegenstehen Fundamente aus bassigen Drones, die diesen Klangskulpturen Stabilität verleihen. Postcards Musik lotet das Menschliche in seiner ganzen Vielschichtigkeit aus, tief bewegend ist dies.

Und wie schon Interbellum, spricht Julia Sabra die aktuellen Geschehnisse an, ohne jedoch allzu explizit zu werden. Direkte politische Statements gibt es nicht, auch bei ihr geht es um mehr als einen politischen Konflikt, auch wenn er nicht in Gänze ausgeklammert wird. Sabra hat eine viel umfassendere Weltsicht und warnt vor dem weltweiten Rechtsruck, vor Enthumanisierung, und macht klar, dass Menschlichkeit und Empathie wieder in den Fokus gerückt werden müssen. Klug ist dies, denn so ist die Musik Postcards, bzw. der Sound des Shoegaze in seiner klanglichen Ambiguität, doch irgendwie auch ein politisches Statement, eine Reflexionsfläche für die schwer zu ergründenden Komplexitäten aktueller Zustände.

Als Zugabe gibt es den Song „Revolvers“, der uns in seiner fast schon poppigen Melodiösität mit positiven Vibes in die schwierige Welt entlässt. Was für ein großartiges, berührendes, ja überwältigendes Konzert!
Schließen will ich mit den Worten Julias, die es im Verlauf des Auftritts so wunderbar auf den Punkt brachten: „Empfinde Trauer und fühle Freude“.

