ANDA MORTS, JULIA EFFEKT, 26.09.2025, clubCANN, Stuttgart

ANDA MORTS, 26.09.2025, ClubCANN, Bad Cannstatt | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Der Eingangsbereich füllt sich. Ich blicke mich um. Unwillkürlich zähle ich Oberlippenbärte und Vokuhilas, gleiche die Zahl mit Iros und Sicherheitsnadeln ab. Im Grunde weiß ich, dass ich einem abgegriffenen Klischee nachjage, wenn ich die alten Chiffren des Punks an diesen Abend anlege. Aber noch kann ich nicht anders, noch sehe ich nur Biere auf dem Tischkicker stehen und denke ein stummes: Das hätte es früher nicht gegeben. 

Doch schnell wird klar, dieses Gestern spielt heute keine Rolle. Hier formt sich ein neues Morgen und das ist ebenso befreiend wie einnehmend. Das beweisen schon Julia Effekt, die zum Auftakt spielen. Der offenbar namensgebende Romeo-und-Julia-Effekt beschreibt, wie die eigene Zuneigung durch den Kampf gegen externe Widerstände anwächst. Vereinfacht gesagt, der Reiz des Verbotenen. Aber einfach, das ist gleich spürbar, einfach will diese Band nicht sein. Denn je mehr man sie in gängige Schubladen pressen will, desto stärker scheinen sie sich diesen zu verweigern. Sänger Oscar windet sich denn auch auf der Bühne wie ein besser gekleideter Iggy Pop, als wolle er sich jeder Greifbarkeit entziehen. Dazu legt Bassistin Ana mit geschmeidigen Läufen das Fundament, auf dem sich kantige Melodien und fragile Geschichten zu kafkaesken Klangbildern türmen. Zwischen Melancholie und Widerstand, theatralischer Pose und echter Dringlichkeit, schaffen Julia Effekt damit eine Energie, die locker bis zum 17.Oktober anhalten dürfte, dem Erscheinungstag ihres Debütalbums „Nachtparkett”.

ANDA MORTS, 26.09.2025, ClubCANN, Bad Cannstatt | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Dann kurze Umbaupause. Es wird dunkel, Bühnennebel. In diese Spannung hinein erklingt Jodeln aus den Boxen, dazu volksmusikalisches Akkordeon. Die Verwirrung setzt den Ton für eine Performance, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, dabei aber nie das große Ganze aus dem Blick verliert. Das Publikum macht sich die Selbstironie zu eigen, Vereinzelte versuchen sich am Schuhplattlern, oder zumindest an dem, was sie dafür halten.

Um einer allzu bierseligen Volksfeststimmung früh entgegenzuwirken, bedanken sich Anda Morts in der ersten Ansage dafür, dass die Anwesenden dem CANN dem benachbarten Wasen Vorzug geben. Ehrensache, die Band macht sich trotzdem gleich daran, so viel Commitment mit jenem ungeschliffenen Sound zu goutieren, der ihnen seit einiger Zeit eine ständig wachsende Fangemeinschaft beschert.

ANDA MORTS, 26.09.2025, ClubCANN, Bad Cannstatt | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Mit „Autobahn“ präsentieren die drei Musiker einen echten Opener. Treibender Rhythmus und eine klare Botschaft – hier ist der Weg das Ziel. Spätestens jetzt ist das Publikum da. Ich sehe mehr Pogo als Handys und höre bemerkenswert textsichere Menschen.

In den folgenden Stücken steckt das Geräusch von Kellertüren, die mit der Schulter aufgestoßen werden, von Zigarettenstummeln, achtlos in den Asphalt getreten, und von Nachbarn, die durchs dünne Mauerwerk mithören, ob sie wollen oder nicht. Dabei belässt es Anda Morts nicht bei den üblichen Punk-Parolen. Die Texte sind schlaue Alltagsbeobachtungen, die nicht ins Klischee verfallen, sondern mitten ins Herz treffen. Ein Park vormittags, während alle anderen arbeiten; der Geruch von Nikotin, der an Gesprächen klebt; das Schweigen auf einer nächtlichen Autobahn. Kleine Bilder, die größer wirken als jedes Manifest.

ANDA MORTS, 26.09.2025, ClubCANN, Bad Cannstatt | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

In diesem Spannungsfeld funktioniert auch das Konzert: kompromisslose Energie, aber mit echtem Interesse am Publikum. Immer wieder die Frage: „Alles ok bei euch?“ Ein Punkabend, der ebenso glüht, wie es die Zeile im hitverdächtigen „Sie“ verspricht: „Wenn es brennt, dann niemals leise, wenn es brennt, dann nur für sie.“

Bei „Kein Bock“ kippt die Energie des Abends endgültig ins Befreiende. Auf Ansage der Band formiert sich ein rein weiblicher Moshpit – ein Kreis aus wilder Bewegung, so ungestüm wie solidarisch. Während Anda die Strophen gegen Frauenhasser und Crypto-Bros ins Mikrofon speit, toben im Publikum Körper, die sich gegenseitig Raum geben, statt ihn zu nehmen. Es ist roh, chaotisch, laut – und gleichzeitig ein Bild davon, wie Punk im Jahr 2025 aussehen kann: nicht nur als Ventil für Wut, sondern als Ort, an dem neue Räume entstehen.

ANDA MORTS, 26.09.2025, ClubCANN, Bad Cannstatt | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Nach dem Schlussakkord von „Fascho“ — dieser direkten Abrechnung mit einem Hass, der nicht nur metaphorisch, sondern ganz konkret im Raum steht — bricht aus dem Publikum ein lautes „Alerta, alerta, antifascista!“ Aus dem wütenden Fluchen der Zeilen „Fick dich… Bevor ich dich zerleg“ wird kein Aufruf zur anonymen Gewalt, sondern eine kollektive Haltung: Hier sind Menschen, die aufeinander achten und Position beziehen. Die Band nickt wissend, die Menge hält Augen und Fäuste offen, und für einen Atemzug füllt sich der Saal mit dem Pathos alter Partisanentage.

Durch diesen Kampfgeist hat sich das Publikum eine Zugabe verdient. Mit viel Gespür für die Atmosphäre hat die Band den Song „Arbeit“ für diesen Moment zurückgehalten. Und da war er dann doch wieder, der alte Nieten-Punk der sich an Staatsgewalt und Großkapital abarbeitet. „Niemals Makler oder Banker und erst recht kein Bullenschwein“.

ANDA MORTS, 26.09.2025, ClubCANN, Bad Cannstatt | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Vieles bleibt unklar an diesem Abend. Ob Anda Morts nun eigentlich der Band oder dem Solokünstler des Abends einen Namen gibt. Was mit der Zuschreibung „Paradepunk“ nun ganz genau gemeint ist und wie politisch er sein darf. Und ob Förderer Sven Regener vielleicht schon bald selbst zum Protegé dieser neuen Idee wird. Als die Band am Merch-Stand steht und sichtlich gut gelaunt T-Shirts signiert, traue ich nicht zu fragen. Denn, das sagen ihre Augen, es ist ihnen scheiß egal.

Beim Rausgehen fließe ich in einen Schwall Wasenbesucher, die neben dem CANN in die S-Bahn strömen. Sie haben wohl kein Ticket bekommen, das Konzert war lange ausverkauft. Scheiß Kapitalismus, denke ich. Und dann eben doch ein leises Punk is not dead.

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