FRANÇOIS-XAVIER ROTH, SWR SYMPHONIEORCHESTER, 18.09.2025, Liederhalle, Stuttgart

François-Xavier Roth ist der neue Chefdirigent des Stuttgarter SWR Symphonieorchesters
„Musikalische Antrittsvorlesung“ am 18.9.2025 in der Liederhalle Stuttgart:
François-Xavier Roth präsentiert sich als gründlicher Arbeiter mit umfassenden Ideen
Universalität zeigen! Genau so muss man es eigentlich machen. Das Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten François-Xavier Roth beginnt im Barock (mit Jean-Féry Rebels „Les élémens, symphonie nouvelle“, 1737 in Versailles aufgeführt), schlägt dann den Bogen weit in die avantgardistische Moderne zu Luciano Berios „Sinfonia für 8 Singstimmen und Orchester“ (1968 uraufgeführt) und landet nach der Pause bei Schuberts großer Symphonie Nr. 8 C-Dur (wahrscheinlich 1825 entstanden). Ein geschickt gesetztes und solide bedachtes Programm. Leicht ist mit dieser Auswahl die große zeitliche und klangliche Bandbreite erkennbar, die „der Neue“ in Zukunft abdecken will. Ihm gegenüber sind die Schwaben wie so gern erst einmal reserviert – das zeigt eine längst nicht ausverkaufte Liederhalle; Demonstrationen oder größere Buh-Rufe gibt es aber auch keine. François-Xavier Roth verfolgen zwar immer noch die Geister der Me-too-Vorwürfe , die Stuttgarter aber scheinen eher auf musikalische Aussagen zu warten als selbst politische Akzente setzen zu wollen.
Barock also zu Beginn. Roth lobt in Interviews die Fähigkeit des SWR-Orchesters, sich wie ein Chamäleon blitzschnell musikalischen Herausforderungen anpassen zu können. Aber ein Barock-Ensemble ist und wird es definitiv nicht. Trotz Spielens im Stehen und fein abgestimmter Strich- und Bogentechnik bleibt der Gesamtklang des außergewöhnlichen Werks zu breit, vor allem der der Streicher. Keine Spur auch von einer leichten, aber tragenden Basso-Continuo-Gruppe, die ein federndes, vorantreibendes Fundament geben würde. Dennoch gibt es in dieser verrückten Schöpfungs-Symphonie auch ganz wunderbare Momente: Mit einem Tamburin in der Hand beschwingt François-Xavier Roth sein Ensemble: Er nimmt Kontakt auf mit dem Tamburin eines Schlagzeugers, kommuniziert mit dem ganzen Orchester, ist einer von ihnen. Primus inter pares. Kein Currentzis, keine visionäre Leuchtfigur mit Star-Nimbus; eher ein schaffiger Musikus, einer, der mitarbeitet, der Teil sein will seines neuen Ensembles. Und das macht mit: Da pfeift, zwitschert, schellt und gluckst es voller Spielfreude, zumindest in Teilen der Barock-Symphonie (z.B. im Satz „Rossignols“). Trotzdem bleibt der Beginn des Abends noch etwas verhalten, der Barock-Akzent bleibt zu behäbig. Da ist noch Luft nach oben.
In der arg langen Umbaupause bemüht sich Kai Gniffke, der Intendant des Südwest-Rundfunks, freundliche Grußworte zum Start von François-Xavier Roth zu finden. Die im Hintergrund rumpelnden Umbauten unterstützen den leicht holprigen Charakter seiner Ansprache. „Musik jetzt!“, ruft es aus dem Publikum – an rhetorischer Intendanz-Verpackung scheinen die Stuttgarter zumindest gar kein Interesse zu haben. Auch im nahen Publikum eher angestrengtes Geschnaufe.

Der Umbau für Luciano Berios „Sinfonia für 8 Singstimmen und Orchester“ hat sich allerdings gelohnt, denn diese experimentelle Collage aus Stilen, Klängen und Sprache kann man auch sehen: Vor den Stimmführern der jeweiligen Instrumentengruppen sitzen nun Solisten des SWR-Vokalensembles und fügen dem großen, um viele Instrumente erweiterten Orchester zusätzliche Klangebenen hinzu, mal in Schichten, mal in mäandernden Klangbändern; elektronisch verstärkte Instrumente (z.B. Klavier und Glockenspiel) setzen Tupfer dagegen. Die Vokalisten singen, sprechen, scatten, rattern auch mal die Läufe der Streicher mit. In dieser Nachkriegs-Avantgarde ist der Orchesterklang ganz satt, klar und sicher. Ehrlicher Beifall für das Stück, die Musiker und für den konzentriert die Collage zusammenhaltenden Roth. Wenn so seine zukünftige Arbeit aussieht, wird es spannend. Gerne mehr davon, gerne mehr auch von Matthias Schneider-Holleks Klangregie.
Nach der Pause nimmt ein deutlich reduziertes Orchester auf der Bühne Platz – oh, keine Kontrabässe? Doch, sie sind da, nur nicht wie gewöhnlich hinten rechts, sondern mittig aufgereiht, leicht erhöht – aber das ist doch wie früher, das ist doch … Tatsächlich, das ist Norrington-Style, das ist „seine“ Sitzordnung in den Jahren, in denen der berühmte Stuttgart Sound geprägt wurde. Neue und alte Hörerlebnisse vermischen sich, Celli und Bässe wehen einen direkt an, die Bläser ergänzen von der Seite, im Ton der Streicher kaum bis gar kein Vibrato. Diese Schlankheit und Strahlkraft hatte Sir Roger Norrington von 1998 bis 2011 in seinen Jahren als Chefdirigent des damaligen Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) ausgebaut und gesetzt. Ohne dieses Fundament wäre auch ein Currentzis in seiner Durchsichtigkeit und Absolutheit nicht denkbar gewesen.

In diesem letzten Teil des Konzerts darf man durchaus angerührt sein, denn hier hat François-Xavier Roth recht: In diesen Norrington-Klang kann das SWR-Orchester sofort traumartig einsteigen. Und auch die Stärken des neuen Chefdirigenten erkennt man in der Anknüpfung an Norrington klarer: Temposteigerungen, Crescendi – alles hat seine Richtigkeit, ist dezent, aber voller Kenntnis. Selbst Ritardandi bleiben federnd. Wunderbar.
Groß und fordernd ist Schuberts Symphonie Nr. 8 C-Dur. Zu Schuberts Lebzeiten kam es zwar zu Proben, aber zu keiner Aufführung: Das Orchester weigerte sich damals schlicht, dieses Werk zu spielen – zu lang, zu schwierig. Dem Stuttgarter Publikum hätte heute, im September 2025, nach Rebel und Berio vielleicht auch eine etwas kleinere Symphonie gereicht. Dennoch musste es „Schuberts Große“ sein, denn Roths Antrittskonzert soll ja zeigen, dass er es sich nicht einfach macht, sich nicht und uns nicht. Er verlangt uns etwas ab. Ein anstrengendes Programm, ja – und eines, das Hoffnung macht: Hoffnung auf ein Gefordert-Werden und ein Anknüpfen an goldene Zeiten des Stuttgart Sound. Und vielleicht auf neue Avantgarde. Wir dürfen gespannt sein.

