SCHKEUDITZER KREUZ, NANA, 18.09.2025, Goldmark’s, Stuttgart

Der Abend beginnt vielversprechend beim frisch gerelaunchten Ratzer Records am Marienplatz: Kurzes Warmtrinken mit ausgefallenen Biersorten vom Spezialisten, nebenher noch schnell Vinyl zurücklegen lassen und dann rüber ins Goldmark’s, wo schon draußen viele maßgebliche Protagonist*innen der Stuttgarter Punkszene beim Plausch rumstehen. Heute geht es familiär zu, alle scheinen sich zu kennen. Der Veranstalter Better Gigs beglückt uns mit handgemachten laminierten Presseausweisen – weil er das Wort „Akkreditierung“ so witzig findet. Danke Ralf, das Ding bekommt zu Hause einen Ehrenplatz.

Die Supportband NANA kommt aus Stuttgart und besteht aus Leuten, die man sonst auch gerne im Schlesinger trifft – schon mal ein gutes Zeichen. Ältere berichten, dass NANA früher auch Lärm mit Gitarren gemacht hätten, heute kommen sie mit Synthie, Drums und Sänger Clemens eher minimalistisch daher. Sein Gesang schafft zwar nicht ganz die Grenze zum Gothic-Todesbariton, entwickelt sich aber zu einem kultivierten und expressiven Gegrowle von erfreulich eigenständigen Charakter. Anfangs klingt es nach schwerem Synth-Doom, später wird es auch dynamischer bis tanzbar – wieder mal eine erstaunliche Hervorbringung der vielschichtigen Stuttgarter Musikszene und heute die perfekte Supportband für das, was noch folgen soll.

Das Schkeuditzer Kreuz ist das älteste Autobahnkreuz Europas und liegt in Sachsen. Wie es zum Namen des im besten Sinn extremen Sounds von Kieren Hills kam, seines Zeichens Punkveteran von Down Under (ich kenne natürlich keine einzige seiner zahllosen Bands), lässt sich eventuell daraus erschließen, dass er zeitweise in Deutschland lebte (Besigheim!). Ich freue mich vorab schon darauf, wie er im Goldmarks seine eigene Band ausspricht – was er dann aber souverän unterlässt.

Band ist ein relativer Begriff, denn Kieren macht auf der Bühne im Goldmarks mit analog-elektronischem Equipment alles selbst – klingt dabei aber wie die schwärzeste Apokalypse. Genregrenzen kennt er nicht, auf seiner Webseite wird furchteinflößend von “Industrial Synth Crust”, “D-beat Raw Synth Punk” und “One human and some machines making noise, in the face of it all” gesprochen – sowas lässt sich Team Gigblog natürlich nicht entgehen!

“Swan Grinder” heißt sein neues (mittlerweile drittes) Album, bei dem ich als wesentliche stilistische Standbeine Industrial und Crust bzw. Death Metal höre. Bretthart präsentiert, laut, kantig, fordernd. Laibach, experimentelle frühe Earache-Bands (Scorn), KMFDM, frühe Caparet Voltaire, Consolidated, Ministry und sogar Einstürzende Neubauten kann ich auf Tonträger als Einfluss erkennen.

Live funktioniert der Sound von Scheuditzer Kreuz aber anders. Schneller, rhythmischer, mitreißender – oft richtig tanzbar. Zu Death Rock und Goth-Punk kommen hohe Dosen EBM, auch kaputter Acid House, Schranz-Techno und brachialer Hardcore wachsen zu einem wuchtigen und konsequent verzerrten Monster heran. Kieren dreht zwar nur an einigen Knöpfchen, spielt herbe Voice-Samples ein (unverständlich), ist aber dennoch durch und durch Punk. Mit körperlicher Wucht ist er auf der Bühne sehr präsent, wenn er nicht gerade ins Publikum springt und arglose Gäste erschreckt. Der Sound ist vordergründig zwar laut, dreckig und gewollt vulgär, entwickelt aber dank zwingender Beathärte und hypnotischem Noise-Feuerwerk einen erstaunlichen Flow. Da passt dann auch ein krachiges Cover von Discharges „State Violence / State Control“ perfekt ins Set. Ja, so darf die Apokalypse gerne klingen: harsch, roh und derb – gleichzeitig aber auch unerwartet vielschichtig und komplett faszinierend.

Auf der Bühne präsentiert sich der stämmige Altpunk als räudiger Hooligan, ist hinterher aber ein grundsympathischer und sehr freundlicher Gentleman. Sein Konzert ist zweifellos ein kathartisches Erlebnis und hinterher fühlt man sich befreit und glücklich. Hab mir dann auch – was ich nur sehr selten tue – ein Bandshirt gekauft, mit dem man der drohenden realen Apokalypse zumindest angemessen gekleidet entgegensehen kann.


Danke Joe Whirlypop für den, aus meiner Sicht, hervorragend passenden Bericht. War ein toller, „familiärer“ Abend.
Gruß, Rainer
Ui, in Bäsga? So äbbes!
War wild – sowas wird einem wahrlich nicht alle Tage an einem Donnerstag im Kessel geboten.