!GERALD!, 17.09.2025, Merlin, Stuttgart

Uff, was zum Teufel war denn das? Als Gig-Blog-Senior dachte ich ja, ich hätte schon alles gesehen und nichts könne mich noch schocken. Experimente aus musikalischen Extrembereichen ziehen mich geradezu an. Aber der Gig des anglo-französischen Kollektivs !GeRald! hat mich an meine Grenzen gebracht.
Die Combo mit der typografisch ambitionierten Namensgebung bezeichnet sich als „Experimental Rock and Visual Arts Project“ und kokettiert damit, aus der tiefsten französischen Provinz zu kommen. Genrezuordnungen sind schwierig, zu wild ist der Ritt durch die Stile. Der Übergriff Progrock passt vielleicht noch am ehesten. Den musikalischen Part übernehmen Teddie Burton an Drums und Soundbox (einem offensichtlich selbstgebastelten Multi-Instrument, dem er mithilfe eines Geigenbogens verschiedenste Sounds entlockt), Thomas Redon an der Gitarre, Quentin Loizeau am Bass und Marin Michelat an diversen Keyboards. Für den visuellen Part ist an diesem Abend eine Vertretung zuständig.

Die Projektion ist eine live gemischte Collage aus diversen Filmklassikern der eher verstörenden Art. „M, eine Stadt sucht einen Mörder“, „Peeping Tom“ und „Godzilla“ erkenne ich selbst, große Teile kommen aber aus dem offensichtlich kultigen „The Wicker Man“, der mir bisher unbekannt war. Alle Filme sind in eine gemeinsame, leicht überbelichtete Schwarz-Weiß-Ästhetik gebracht, was die Visuals optisch wie aus einem Guss wirken lässt.

Vor diesem Backdrop agiert die Band. Und zwar von der ersten Sekunde an mit einer geradezu manischen Intensität. Die anfangs kurz überwältigt, dann in ihrer Konsequenz beeindruckt, im weiteren Verlauf des Gigs aber eher nervt. Jeder der vier Musikanten ist ein Meister an seinem Instrument und scheint geradezu darauf zu brennen, seine Virtuosität zu präsentieren. Akkordfolgen können gar nicht schräg genug sein, kaum ein Rhythmus wird länger als 15 Sekunden gehalten und wird durch einen waghalsigen Break aufgelöst – und das alles in meist irrem Tempo. Während im Hintergrund Ritualmorde über die Leinwand flimmern. Faszinierend und weiterer Beweis der musikalischen Brillianz: Dies findet alles in beängstigend perfekter Synchronität statt. Musik als Mannschaftssport.

Da der Film im Hintergrund aber recht dominierend präsentiert wird (Drums und Keyboards sind extra ganz an den Rand gerückt), versucht man natürlich permanent Gehörtes und Gesehenes in Einklang zu bringen. Doch hier ist nur selten ein Zusammenhang zu erkennen – und vielleicht auch gar nicht beabsichtigt. Anders als die Postrocker We Stood Like Kings, die eine Kunst daraus gemacht haben, Filmklassiker mit ohnehin schon berühmten Soundtracks live und bildgenau durch ihre musikalische Bearbeitung neu zu interpretieren, fehlt hier der rote Faden. (Oder ich bin zu doof, ihn zu erkennen.)

Und so muss ich leider feststellen, dass mich das Ganze nicht berührt. Ausgeprägtes Muckertum und eine allzu penetrante Hervorhebung der brillanten Virtuosität schaffen – zumindest bei mir – eine Distanz zum Dargebotenen, die mir ein Eintauchen in das Gesamtkunstwerk unmöglich macht. Und da man pausenlos mit einem Bombardement aus Sinneseindrücken konfrontiert ist, entwickelt sich der Gig immer mehr zu einem wahnhaft-fiebrigen Alptraum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Das Ganze übrigens bei gewaltiger Lautstärke. Als in der Mitte des Konzerts dann ein Cover von Joy Division angekündigt wird, erwarte ich ein Gemetzel. „Atmosphere“ wird dann allerdings nahezu werkgetreu wiedergegeben. Zum einen verschafft das eine schöne Verschnaufpause, zum anderen wirkt es aber auch fremd im Gesamtkonzept.

Als das Ganze nach knapp 80 Minuten zu Ende ist, fühle ich mich erstmal windelweich geklopft und brauche einige Zeit, mich zu sammeln. Ganz offensichtlich stehe ich mit meiner Meinung aber wohl alleine da. Ein großer Teil des ca. 50-köpfigen Publikums setzt sich aus Musik-Connaisseuren zusammen und die kommen mehrheitlich mit fettem Grinsen und offensichtlicher Begeisterung aus dem Konzertsaal. Für mich gilt eher: Schön, wenn der Schmerz nachlässt.

