RYAN DAVIS & THE ROADHOUSE BAND, NED COLLETTE, SLOE PAUL, 11.09.2025, Dieselstraße, Esslingen

Ersten Wollpullover der Saison gekauft, ein sicheres Zeichen, dass die Sommerferien zu Ende gehen. Ich freue mich sehr, dass ich ausgerechnet mit Sloe Paul aus Schorndorf/Berlin in meinen persönlichen Konzertherbst starte. „What I Dream At Night“ ist mein Song des Jahres 2025 und seit Erscheinen im Frühjahr bei mir auf Dauerrotation. Ich müsste lange überlegen, um auf eine (männliche) Gesangsstimme zu kommen, die ich ähnlich gerne höre. Den About-Pop-Auftritt im Mai habe ich leider verpasst. Die Show als Support für Ryan Davis & the Roadhouse Band passt mir dafür super rein.
Dieselstrasse mag ich auch, habe allerbeste Erinnerungen an diverse bezaubernde Erdmöbel-Konzerte. In den mir bisher unbekannten Hauptact höre ich vorab kurz rein. Schön, das passt. Americana schreckt mich zwar als Genrebezeichnung immer etwas ab, vielleicht aber einfach Ignoranz meinerseits. Die Dieselstrasse ist mit etwa fünfzig Zusehenden angenehm gefüllt. Schon direkt am Anfang fällt mir ein Gast mit Cowboyhut und schicker Glitzerpailettenjacke auf, wenn das kein gutes Omen ist. Insgesamt spielen sogar drei Acts, mit Ned Collette aus Berlin ist noch ein weiter Support dabei.

Pünktlich geht’s um kurz nach acht los, es liegt schließlich auch einiges an Programm vor uns. Sloe Paul tritt in Duo-Besetzung aus, begleitet von Marius Moses Alsleben an der Gitarre. Das erste Stück „On A Train“ habe ich vorhin erst im Auto gehört. Ich mag generell volle Bandbesetzungen lieber als Akustik-Sets, aber hier funktioniert das auch so super. Wunderschön gespielt und gesungen, bin begeistert.

Das zweite Stück mit zweistimmigem Gesang und zartem Whistle-Part geht dann direkt ohne Ansage in „What I Dream At Night“ über. Ja, was soll ich sagen, Top-1-Konzertmoment des Jahres. So rührend und toll, wenn man so nah dran sein darf an Kunst, die einen begeistert und berührt. Gespielt werden heute Lieder vom neuen Album, das demnächst erscheint. „Butterfly“, das bereits veröffentlicht ist, kenne ich natürlich auch, sonst sind mir die Stücke im Wesentlichen neu, mag ich aber alle sehr.

Sehr positiv, wie aufmerksam zugehört wird, ist auch nicht überall selbstverständlich. Natürlich ist der Auftritt viel zu schnell vorbei. Es gibt viel wohlverdienten Applaus und für mich hat sich das Herkommen jetzt schon gelohnt.

Umso schöner, dass ich auch mit den folgenden Acts sehr viel mehr anfangen kann, als ich im Vorfeld vermutet hatte. Ned Collette, der zweite Support-Act des Abends, ist ein in Berlin lebender Australier, der zuletzt mit Bonnie „Prince“ Billy auf Tour war. Klingt für mich von der Beschreibung her jetzt erst einmal etwas generisch, ich werde aber schnell eines Besseren belehrt.

Musikalisch gefällt mir das direkt sehr. Optisch fühle ich mich an meinen sympathischen virtuellen Gitarrenlehrer erinnert, das schadet natürlich auch nicht beim emotionalen Reinkommen in den Auftritt. Es ist mucksmäuschenstill im Publikum. Ned Collette spricht super Deutsch und untermalt seine Ansagen mit sanft gestrummten Akkorden. Nur Gitarre und Mensch auf der Bühne kann gerne mal Längen haben, hier ist das überhaupt nicht so.
Kommt mir nur das nur so vor oder klingt der Gitarrensound wirklich (neutral gesprochen) staubig? Falls ja, warum? Ist auch gar nicht negativ gemeint, ist sehr schön.Und wieviel Text kann der Mann sich merken, beeindruckend. Fast schon wie ein Bühnenmonolog.
In der Pause unterhalte ich mich mit Fotograf und Profi-Konzertgeher Holger, der inzwischen sogar seine Ohrstöpsel herausgenommen hat, so soft geht das hier zu.

Ich finde es gut, dass jetzt noch ein Act kommt, fast wie ein Minifestival. Zügig geht es weiter und als ich mich umdrehe, ist die Bühne deutlich voller als vorher. Ryan Davis & the Roadhouse Band sind zu fünft, inklusive Keyboarder/Percussionist, das sieht doch schon mal vielversprechend aus. Auch hier geht es verhalten los, der Schlagzeuger hat erstmal weniger zu tun (ändert sich bald). Gesanglich unterstützt die Bassistin und Ryan Davis spielt zwischendurch auch ein paar Töne auf der Melodica. Auch so ein unterschätztes Instrument, klingt immer schön.

Musikalisch ist das hier alles sehr ansprechend und um einiges komplexer – im allerpositivsten Sinne – als ich erwartet hätte. Dabei gibt’s immer noch eingängige und nachvollziehbare Songstrukturen, toll. Songlänge ca. zehn Minuten sonst auch problematisch, ist hier aber überhaupt nicht langweilig. „Wir haben ein bisschen mehr, wenn das ok ist“ schlägt Ryan Davis nach ca. 2/3 des Sets vor. Ich bin von Berufs wegen entzückt, wenn Leute Freude am Fremdsprachenerwerb haben. Er habe Deutsch nur „in Kentucky in der Schule“ gelernt, erfahre ich später und wohne ansonsten mit Erstwohnsitz ganz normal in den USA.

Natürlich gibt es am Ende begeisterte Publikumsreaktionen und selbstverständlich noch eine Zugabe, zu der man sich mangels Abgangs- und wieder Auftrittsmöglichkeit auch nicht lange bitten lässt.

Ich erwerbe am Merchstand zwei schicke T-Shirts und zwei üppige Doppelalben („New Threats From The Soul“ und „Old Chestnut“), einen derartigen Großeinkauf mache ich sonst auch selten. Ich bin mir noch nicht sicher, wie weit und wohin mich meine Folk/Americana-Reise führen wird. Freue mich über Tipps und sachdienliche Hinweise in den Kommentaren.
Ein tolles Händchen beim Booking hatte man hier in der Dieselstrasse jedenfalls, vielen Dank dafür!


Arg gefährlich, mich nach Americana-/Leftfield-Country-Tipps zu fragen! Damit das hier nicht ausartet, mal drei Lieblingsplatten zum Start:
State Champion – Send Flowers (Vorgängerband von Ryan Davis)
Friendship – Caveman Wakes Up
Merce Lenon – Watch Me Drive Them Dogs Wild
Vielen Dank für die Fotos und den schönen Bericht (Waren übrigens sogar 80 Leute da…)
Da ja am selben Abend scheinbar keine/r von euch im Sunny high beim Gig der grandiosen ULLA SUSPEKT dabei war, hier noch die Info, dass, wer das nachholen möchte, die Möglichkeit dazu haben kann am 12.11.25 im Merlin als Vorband zu den ebenfalls genialen „Erregung öffentlicher Erregung“ ❤️.