7FLÖTEN, 10.09.2025, Ritterstüble, Stuttgart

In der lebendigen Musikszene Stuttgarts hat sich eine neue Band formiert, die 7Flöten. Ganz unbekannt sind zwei der vier Musiker*innen allerdings nicht, sind Jannick und Alex doch auch beim Trio Valtava aktiv. Bei den 7Flöten nimmt Alexandra am Schlagzeug Platz, Jannick an der Gitarre, Anne singt und Tim ist am Keyboard. In der Ankündigung des Ritterstübles wird uns „fresher Indiepunk“ und „krachiger DIY-Sound mit Attitüde“ versprochen. Das hört sich schon mal sehr vielversprechend an und macht neugierig. Entsprechend voll ist es heute Abend auch, gestopft voll, um genau zu sein.

Und schon bei den ersten Takten ist klar, die Vorankündigung hat zumindest im Punkt krachig nicht zu viel versprochen. Anne legt unvermittelt, mit vollem Einsatz los, schreit mit einer ungekünstelten Punk-Attitude ihre Lyrics zum Song „Einkaufswagen“ ins dicht gedrängt stehende Publikum, ohne dabei unmelodisch zu sein. Wow, was für ein Brett! Der Schweiß fließt schon jetzt bei Band und Publikum.

Das erinnert mich an die rohe Energie der 1990 gegründeten Riot-Grrrl-Band Bikini Kill und mit dem Stakkato-Surfbeat den Alex auf ihrem Drumset zaubert, auch an die Indie-Ikonen Pixies; nicht gerade die schlechtesten Reminiszenzen. Auf diesem hohen Energielevel geht es unvermindert weiter, durchatmen ist nicht, der Schweiß fließt, beim Publikum und bei der Band. Das macht von Minute zu Minute mehr Spaß, und den haben definitiv auch die vier Musiker*innen.

Und hinter all dieser direkten Punkperformance stehen großartige, vielschichtige Texte, die, was gute Kunst auszeichnet, mehrdeutig und interpretationsoffen sind.
„Mein Radio rauscht, call me in the night
Wenn dein Radio rauscht komm ich mit Sirenen vorbei
Wahrscheinlich kann ich eh nichts tun
Alle sind überlastet
Das Radio auch
Wenn dein Radio rauscht, komm ich mit Sirenen vorbei
Wenns nicht funktionier, ich hab alles ausprobiert“
(aus dem Song Radio)

Aber nicht nur textlich ist das vielschichtig, auch auf der musikalischen Ebene geht es über das Punk-Gerüst hinaus; Jannicks feine und komplexe Gitarrenriffs begeistern, die Keyboardflächen von Tim beschwören einen minimalistischen Elektropunk herauf und erschaffen, in dieser Kombination einen Sound irgendwo zwischen hypnotischen Dessert-Sessions und Le Tigre. Die musikalische Klammer für all diese Einflüsse ist aber der unvermittelt auf die Zwölf gehende Post-Punk und der aus voller Kehle kommende Gesang Annes.

„Heute bin ich gestresst und brauche meine Klangschale“
schreit sie inbrünstig ins Publikum.
„Ich setze meine Klangschale auf meinen Kopf und haue sie bedacht
Der Klang vernebelt meine Sinne
Ich denke nicht und fühle nichts
Heute bin ich gestresst und brauche meine Klangschale
Ich setze mich ans Fenster und rauche ’ne Kippe in meine Klangschale
Der Duft vernebelt meine Sinne
Ich denke nichts und fühle nichts
Die Klangschale fällt aus dem Fenster
Beim Aufprall macht sie einen schönen Ton
Jetzt sind endlich alle entspannt“
Eine Klangschalentherapie brauchen wir nach diesem kathartischen, Urschrei-Therapie gewordenen Song, definitiv nicht mehr.

Der letzte Song „Feuerlöscher“ baut sich ruhig auf, Alex bearbeitet ihr Drumset geradezu zärtlich mit dem Besen und erzeugt eine, dem bisherigen Set diametral entgegengesetzte, entspannte Atmosphäre, nur um dann wieder von einem massiven Energieausbruch zerlegt zu werden. Die 7FLÖTEN verstehen es Spannung aufzubauen und diese auch zu halten. Mit der Zugabe „Macht Nix“ endet nach 51 Minuten ein wirklich fulminantes Konzert, das, wenn man in die glücklichen Gesichter des Publikums schaut, alle begeistert hat.
Die Stuttgarter Musikszene ist und bleibt spannend und mit den 7Flöten ist der neue heiße Scheiß am Start. Großartig war‘s!

