LIONEL RICHIE, 13.07.2025, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart

Man darf die Vorbands ja nicht unterschlagen, aber ich bin eine ehrliche Haut – und ich habe vom ersten Act des Abends, Vincent Varus, nicht sehr viel mitbekommen. Was ich gehört habe war ordentlich, zwischen Pop, Jazz und Soul, und zumindest im Stehbereich hatten sich schon einige Leute versammelt.
Nach einem kurzen Check meiner Spotify-Lieblingssongs (3 Tracks) war ich aber auf José James gespannt – der war nicht zum ersten Mal bei den JazzOpen und der Platz zwischen Bühne und Sitztribüne füllte sich zusehends. Mit der Ankündigung einiger Songs aus seinem Bill Withers Tribute-Album konnte eigentlich nicht viel schiefgehen, aber gepackt hat mich das leider nicht. Ohne Frage musikalisch auf hohem Niveau mit absolut guten Musikern, überzeugender Stimme und souveränem Auftreten, aber bei Soul-Klassikern bin ich eigen: Entweder will ich das Original hören oder eine sehr originelle Interpretation. Einfach Nachspielen ist mir zu wenig.
Aber am Ende waren halt doch alle wegen Lionel Richie da. Und wenn auch seine musikalische Karriere einen unglaublichen Zeitraum von fast sechzig Jahren umfasst, so kennen ihn die meisten eben aus seiner erfolgreichsten Zeit in den 80ern – was auch das gefühlte Durchschnittsalter des Publikums von Mitte 40 bis Mitte 60 widerspiegelt. Pünktlich zum etwas verspäteten Beginn waren dann auch alle Sitzplätze belegt (ausverkauft mit 7.200 Menschen), und ich war gleichsam gespannt wie skeptisch. Ich habe in letzter Zeit zu viele Videos von unangenehmen Auftritten alternder bis sehr alter Rockstars gesehen (kennt jemand die Live-Videos des 91-jährigen Frankie Valli?).
Aber der immerhin auch schon 76-jährige Lionel muss sich noch keineswegs verstecken und „liefert“ vom ersten Song an. Natürlich etwas hüftsteif, natürlich nicht mehr mit der kräftigsten Stimme, natürlich ob Hitze, Scheinwerfer und Jackett schwitzend (letzteres verwandelt er elegant in einen Running Gag). Aber er zieht durch und peitscht seine hochkarätig besetzte Band mit nicht abnehmender Energie durch ein Potpourri aus seiner an Hits wahrlich nicht armen Diskografie.

Das ist nicht einfach ein Konzert, das ist eine durchchoreographierte Show, die natürlich mit „Hello“ anfängt und mit „All Night Long“ aufhört. Das Gute an so einer Show: Jeder Ton sitzt, jede Pose, jeder Lichteffekt und jede Kameraeinstellung. Im 2-er oder 3-er Pack wechseln sich Balladen und Stomper ab, er schafft nahtlos den Übergang von Gänsehaut bei „Three Times A Lady“ oder „Say You, Say Me“ zu Partystimmung und Chorgesängen bei „Brick House“ oder „Dancing On The Ceiling“. Dazwischen ist immer noch Zeit für ein paar gute Gags und seinen sympathischen Humor, mit dem er vor ein paar Jahren leider zu oft durch das Deutsche Fernsehen genudelt wurde.
Durchaus überraschend ist der vorletzte Song für mich eines der Highlights: Bis zur sehenswerten Netflix-Doku wusste ich nicht, dass Lionel Richie zusammen mit „my dear friend“ Michael Jackson und Quincy Jones „We Are The World“ geschrieben hat. An diesem Abend leitet er die Hymne unkitschig mit einem Friedensappell ein und schafft zumindest für ein paar Minuten Platz für Optimismus, von dem bestimmt nicht wenige Zuschauer:innen nach dem grandiosen Finale ein kleines Stück mit nach Hause genommen haben.

